{"id":1155,"date":"2021-10-22T18:50:12","date_gmt":"2021-10-22T16:50:12","guid":{"rendered":"https:\/\/nebenbeiblog.ch\/?p=1155"},"modified":"2021-10-31T19:48:59","modified_gmt":"2021-10-31T17:48:59","slug":"kunstexkurs-zu-baselitz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nebenbeiblog.ch\/?p=1155","title":{"rendered":"Kunstexkurs zu Baselitz"},"content":{"rendered":"\n<p>Es ist ein Gebot der Zeit, Vergangenes historisch aufzuarbeiten. Aus Anlass der Er\u00f6ffnung des Kunsthaus-Erweiterungsbaus sehe ich mich veranlasst, mein Verh\u00e4ltnis zu dem Gem\u00e4lde \u00abNachtessen in Dresden\u00bb von Georg Baselitz aufzuarbeiten. Ich half n\u00e4mlich dem Kunsthaus vor 30 Jahren, das Werk zu erwerben, indem ich im Kantonsrat einem daf\u00fcr bestimmten Beitrag von 1,4 Millionen Franken aus dem Fonds f\u00fcr gemeinn\u00fctzige Zwecke zustimmte. Der Entscheid war knapp; der Rat bewilligte den Beitrag mit 62 Ja gegen 58 Nein. Meine Stimme hatte also erhebliches Gewicht. Im Interesse der geschichtlichen Wahrheit sei hier aus dem Kantonsratsprotokoll vom 8. Juli 1991 mein Votum wiedergegeben, mit dem ich meinen Entscheid begr\u00fcndete:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abWir versetzten dadurch das Kunsthaus in die Lage, seine Sammlung durch ein Werk zu erg\u00e4nzen, auf dessen Erwerb die Verantwortlichen des Kunsthauses grossen Wert legen. Die Finanzkommission hat dieses Werk besichtigt, und es war offensichtlich \u2012 die Kommission wird das wahrscheinlich auch einstimmig best\u00e4tigen \u2012, dass es sich um ein eindr\u00fcckliches Werk handelt, misst es doch 2,8 auf 4,5 m. Un\u00fcbersehbar auch die Tatsache, dass Baselitz auf den Kopf gestellte Bilder malt, auch das ist unbestritten, und das hebt seine Werke deutlich von der \u00fcbrigen Malerei ab. Dass es sich um einen bedeutenden K\u00fcnstler handelt, haben wir zur Kenntnis genommen. Wie erf\u00e4hrt man, ob ein K\u00fcnstler bedeutend sei oder nicht? Es ergibt sich daraus, dass Leute, die sich f\u00fcr befugt halten, das zu beurteilen, deutlich genug sagen, es sei ein bedeutender K\u00fcnstler. Es gibt nun gegenw\u00e4rtig tats\u00e4chlich zahlreiche Leute, die sich f\u00fcr befugt halten, das zu sagen, und die dem auch sehr bewegt Ausdruck zu verleihen verm\u00f6gen, in einer Sprache, die ich nicht immer ganz nachzuvollziehen vermag. Aber es ist nun halt einmal so, dass wir in der Politik und in der Kunst nicht ganz in der gleichen Welt leben. Wenn ich hier im Katalog \u00fcber die grosse Baselitz-Ausstellung als ersten Satz lese, \u00abBaselitz ist ein heiliger Antonius der Kunst\u00bb, und wenn ich im letzten Satz eines Zeitungsartikels von Franz Meyer lese, auf dem Bild, um das es hier geht, finde eine Art Pfingstwunder der Kunst statt, so wird eigentlich klar: Es geht letztlich um etwas Kultisches. Ich muss sagen, mir sind die kultischen Dinge nicht sehr vertraut. Aber wir m\u00fcssen davon ausgehen, dass es nun eben solche Kultst\u00e4tten in unserer Stadt gibt und dass wir doch \u00f6ffentlich einigen Wert darauf legen, dass solcher Kult gepflegt wird. Also stimmen wir diesem Beitrag zu  \u2012  mit der ausdr\u00fccklichen Bemerkung: Ich m\u00f6chte mich nicht darauf behaften lassen, dass ich damit ein k\u00fcnstlerisches Urteil \u00fcber das Werk abgebe. Ich stelle aber fest, dass wir vor kurzem f\u00fcr eine Spielzeugeisenbahn-Sammlung 10 Mio. Franken ausgegeben haben, dass der Kanton einiges Geld ausgegeben hat aus diesem Fonds f\u00fcr eine Festkantate, die eine Eintagsfliege bleiben d\u00fcrfte, und dass wir auch sonst gelegentlich noch Ausgaben aus dem Fonds f\u00fcr gemeinn\u00fctzige Zwecke t\u00e4tigen f\u00fcr Kultur, bei der sich nicht genau \u00fcberpr\u00fcfen l\u00e4sst, welche Bedeutung das damit Finanzierte wirklich hat. Also stimmen wir hier im Sinne der Grossz\u00fcgigkeit zu und hoffen wir, dass jene, die heute behaupten, Baselitz sei ein bedeutender K\u00fcnstler, auch noch in zwanzig Jahren recht haben werden. Vielleicht wird man dann so weit kommen, seine Bilder nicht nur um eine Achse zu drehen, sondern auch um eine zweite, dann w\u00fcrden sie auch den Missverst\u00e4ndnissen des Publikums entzogen, und das Kunstwerk k\u00f6nnte unbelastet vom Stofflichen der Darstellung verehrt werden.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Soweit mein Votum vor 30 Jahren. Bis heute verfehle ich bei keinem Besuch im Kunsthaus, auch nach dem Baselitz zu sehen. Ich finde das Gem\u00e4lde noch immer abscheulich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein Gebot der Zeit, Vergangenes historisch aufzuarbeiten. Aus Anlass der Er\u00f6ffnung des Kunsthaus-Erweiterungsbaus sehe ich mich veranlasst, mein Verh\u00e4ltnis zu dem Gem\u00e4lde \u00abNachtessen in Dresden\u00bb von Georg Baselitz aufzuarbeiten. 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