{"id":643,"date":"2019-07-18T19:03:17","date_gmt":"2019-07-18T17:03:17","guid":{"rendered":"https:\/\/nebenbeiblog.ch\/?p=643"},"modified":"2020-02-14T18:35:38","modified_gmt":"2020-02-14T16:35:38","slug":"sprachliches-sexualleben-in-der-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nebenbeiblog.ch\/?p=643","title":{"rendered":"Sprachliches Sexualleben in der Politik"},"content":{"rendered":"<p>Die Mitglieder des Z\u00fcrcher Gemeinderates sind zu Gehorsam verpflichtet. Sie m\u00fcssen zwar nicht geloben, Verfassung und Gesetze zu wahren. Das wird nur von den eidgen\u00f6ssischen und den kantonalen Parlamentariern erwartet. Aber sie haben sich nach der Fuchtel des B\u00fcros des Gemeinderates zu richten. Dieses hat sich selbst die Befugnis einger\u00e4umt, den Ratsmitgliedern den zul\u00e4ssigen Sprachgebrauch in ihren schriftlichen Eingaben vorzuschreiben. Die Aufgabe des Ratsb\u00fcros ist es, zusammen mit dem Pr\u00e4sidium f\u00fcr einen geordneten Parlamentsbetrieb zu sorgen. Da gilt es schon, auf die Einhaltung bestimmter Regeln zu achten, und die Wahrung des sprachlichen Anstandes geh\u00f6rt wohl dazu. F\u00fcr das Ratsb\u00fcro ist aber der allgemeine Sprachgebrauch, wie er von Duden umschrieben wird, nicht akzeptabel.<\/p>\n<p>Im Vorwort zur Dudengrammatik wird darauf hingewiesen, dass die darin verwendeten Formen \u00abSprecher\u00bb und \u00abH\u00f6rer\u00bb bzw. \u00abLeser\u00bb und \u00abSchreiber\u00bb sich immer gleichzeitig auf m\u00e4nnliche und weibliche Personen beziehen. Sollten Mitglieder des Gemeinderates eine Dudengrammatik besitzen, so w\u00e4re ihnen zu empfehlen, diese schleunigst zu entsorgen. Sie ist nicht kompatibel mit dem Stadtratsbeschluss vom 11. September 1996 \u00fcber das Reglement f\u00fcr die sprachliche Gleichstellung, das als Anhang den st\u00e4dtischen Richtlinien zur Rechtschreibung beigef\u00fcgt ist, welche wiederum vom Ratsb\u00fcro als verpflichtend erachtet werden. Ein R\u00e4tsel bleibt allerdings, weshalb bei dieser Treue zu amtssprachlichen Vorschriften mangelhafte Interpunktion und grammatische Fehler in den Texten der Vorst\u00f6sse der Ratsmitglieder keine Rolle spielen, wohl aber die Verwendung des sogenannten generischen Maskulinums, das verp\u00f6nt ist.<\/p>\n<p>Der Sprachpflege dient das nicht, sondern es geht um soziologische Sprachideologie. Deren Verfechter wollen es einfach nicht akzeptieren, dass in der deutschen Sprache das Genus des Nomens, also das grammatische Geschlecht, nicht kongruent sein muss mit dem biologischen Geschlecht des Bezeichneten. Aber sie schaffen es ja nicht wirklich, das zu \u00e4ndern. Der Mensch (m\u00e4nnlich) ist als Individuum (s\u00e4chlich) eine Person (weiblich), deren Sexualleben nicht von grammatischen Kategorien abh\u00e4ngig ist. Aber der Intimbereich geht uns hier ja nichts an. Man fragt sich nur, wie sich die Mitglieder des Stadtrates jeweils winden, wenn sie tausende Male \u00fcber Einb\u00fcrgerungen entscheiden m\u00fcssen. Leiden sie nicht darunter, dass im B\u00fcrgerrecht ein generisches Maskulinum steckt? Man hofft im \u00dcbrigen, sie und das B\u00fcro des Gemeinderates seien wenn immer m\u00f6glich mit dem Velo unterwegs. Dann kann es ihnen weniger passieren, dass sie im Tram als Fahrg\u00e4ste (generisches Maskulinum) angesprochen werden, wenn die VBZ um Verst\u00e4ndnis f\u00fcr eine Betriebsst\u00f6rung bitten m\u00fcssen.<\/p>\n<p><em>Nachtrag: Der Bezirksrat Z\u00fcrich, die kantonale Aufsichtsbeh\u00f6rde f\u00fcr die Gemeinde Z\u00fcrich, hat am 23. Januar 2020 entschieden, den umfangreichen sprachformalen Vorgaben, die das B\u00fcro des Z\u00fcrcher Gemeinderates\u00a0<\/em><br \/>\n<em>den Mitglieder des Rates auferlegt, fehle eine gen\u00fcgende gesetzliche Grundlage. Im \u00dcbrigen sei es fraglich, ob es zul\u00e4ssig w\u00e4re, das Eintreten auf <\/em><br \/>\n<em>politische Vorst\u00f6sse vom Einhalten von sprachformalen Vorgaben <\/em><br \/>\n<em>abh\u00e4ngig zu machen. Es sei nicht ersichtlich, inwiefern diese f\u00fcr das Funktionieren des Parlaments von Bedeutung sein sollen. \u2013 Der Gemeinderat hat diesen Entscheid akzeptiert. Bei Eingaben, die nicht den Weisungen \u00fcber die geschlechtsneutrale Sprache entsprechen, wird daf\u00fcr jetzt am Protokoll festgehalten, es werde auf sprachliche \u00c4nderungen verzichtet.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Mitglieder des Z\u00fcrcher Gemeinderates sind zu Gehorsam verpflichtet. 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