{"id":648,"date":"2019-08-03T15:04:33","date_gmt":"2019-08-03T13:04:33","guid":{"rendered":"https:\/\/nebenbeiblog.ch\/?p=648"},"modified":"2021-02-28T18:05:52","modified_gmt":"2021-02-28T16:05:52","slug":"wagner-zerfetzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nebenbeiblog.ch\/?p=648","title":{"rendered":"Wagner zerfetzt"},"content":{"rendered":"<p>Wagner ist nicht mehr zeitgem\u00e4ss. Das ist ein Problem f\u00fcr Bayreuth. Dort sieht man die L\u00f6sung darin, dass Regisseure engagiert werden, die aus Wagners Opern etwas Zeitgem\u00e4sses zu machen suchen. Nehmen wir als Beispiel \u00abTannh\u00e4user\u00bb: Im ersten Akt langweilt sich der Ritter Tannh\u00e4user nach des Komponisten Vorstellung in einer Grotte der Wollust, von der Liebesg\u00f6ttin Venus h\u00f6chstpers\u00f6nlich betreut, und verk\u00fcndet, dass er genug habe. Bewundernswert die orgiastische Phantasie, mit der Wagner die Szenerie im Libretto beschreibt. Eigentlich liesse sich das noch heute b\u00fchnenwirksam umsetzen. Nur darf und will doch der heutige Regisseur nicht so, wie es der Komponist gewollt hat. Ausserdem hat man das ja schon gesehen &#8211; und Orgiastisches wird heute allenfalls in Opern pr\u00e4sentiert, in denen der Komponist das nicht vorgesehen hat. Also erscheint Tannh\u00e4user heute als trauriger Clown, der unterwegs ist mit einer Tingeltangeltruppe unter F\u00fchrung einer Sch\u00f6nen in glitzerndem Hosendress. Sie f\u00e4hrt einen alten Van, dem das Benzin ausgeht. Die Kumpanen \u2013 eine pomp\u00f6se Dragqueen und ein Kleinw\u00fcchsiger mit Blechtrommel \u2013 machen sich jetzt n\u00fctzlich, indem sie auf einem Parkplatz mit dem Siphontrick Benzin aus einem fremden Auto klauen. Die Truppe wird immer \u00fcberm\u00fctiger, \u00fcberf\u00e4hrt nebenbei auch einen Ordnungsh\u00fcter, was dem Clown aber je l\u00e4nger desto weniger gef\u00e4llt, weshalb er schliesslich aus dem Roadmovie aussteigt. Wirklich ein munterer Einstieg in die Thematik der Oper, n\u00e4mlich den Zwiespalt zwischen den Gef\u00fchlen hehrer Liebe und woll\u00fcstiger Triebe und die Vergebung der S\u00fcnden. Der Effekt wird nur dadurch beeintr\u00e4chtigt, dass die Protagonisten Wagner singen und der traurige Clown die Tingeltangelsch\u00f6nheit als G\u00f6ttin anhimmeln muss.<\/p>\n<p>Der Regisseur aber will ja gar nichts Zeitgem\u00e4sses aus Wagner machen. Er zieht vielmehr alle Register, um die Oper zur Farce werden zu lassen, und parodiert nicht nur den Bayreuther Festspielrummel, sondern stellt mit der Dragqueen die Verk\u00f6rperung der Parodie an sich auf die B\u00fchne. Der Blechtrommler allerdings hat so viel Taktgef\u00fchl, dass er die Oper nicht zertrommelt.&nbsp; Aber am Schlusse wird dann doch Wagner richtig erledigt. Elisabeth, der alles Sehnen Tannh\u00e4users galt, wartet vergeblich auf die R\u00fcckkehr des reuigen S\u00fcnders aus Rom, wohin sie ihn zur Busse geschickt hat, gibt sich dem Rivalen Wolfram von Eschenbach hin (explizit) und bringt sich um. Tannh\u00e4user, versp\u00e4tet zur\u00fcck von Rom, wo ihm christliche Gnade und Vergebung der S\u00fcnden nicht gew\u00e4hrt worden ist, zerfetzt die Partitur der Oper und wirft sie ins Feuer.&nbsp; Schluss? Nein, es geschieht ja \u2013 heilige Elisabeth! \u2013 noch ein Wunder, durch das der S\u00fcnder Gnade findet und stirbt: \u00abHoch \u00fcber aller Welt ist Gott, und sein Erbarmen ist kein Spott! Halleluja! Halleluja! Halleluja!\u00bb \u2013 Man versteht den Jubel, da es gar nicht so einfach ist, auf Gott einen Reim zu finden.<span data-contrast=\"auto\">&nbsp;&nbsp;<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wagner ist nicht mehr zeitgem\u00e4ss. Das ist ein Problem f\u00fcr Bayreuth. 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