{"id":877,"date":"2020-06-16T22:30:31","date_gmt":"2020-06-16T20:30:31","guid":{"rendered":"https:\/\/nebenbeiblog.ch\/?p=877"},"modified":"2021-03-18T02:09:36","modified_gmt":"2021-03-18T00:09:36","slug":"opernromantik-im-buero","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nebenbeiblog.ch\/?p=877","title":{"rendered":"Opernromantik im B\u00fcro"},"content":{"rendered":"<p>Es gelte Abschied zu nehmen vom B\u00fcro, das einen langsamen Tod sterbe, nachdem es \u00fcber mehr als hundert Jahre hinweg unser Leben gepr\u00e4gt habe. So steht es in der Zeitung. Ich kann mich allerdings nicht \u00fcber hundert Jahre B\u00fcro erinnern, daf\u00fcr ist uns ein Einblick in die B\u00fcrowelt von fr\u00fcher vermittelt worden durch ein Werk, das vor kurzem das Opernhaus Z\u00fcrich dem darbenden Opernpublikum \u00fcber Streaming zur Verf\u00fcgung stellte. Man sieht im ersten Aufzug einen grossen Raum, dunkel get\u00e4fert, in der Mitte ein Tisch mit einem Morsetelegraphen (Baujahr ca. 1875), darum herum m\u00e4nnliches B\u00fcropersonal mit Vaterm\u00f6rderkragen und \u00c4rmelschonern, etwa dreissig an der Zahl; einige dieser Kontoristen, wie sie wohl genannt werden m\u00fcssen, besch\u00e4ftigen sich mit Tischtelefonen Baujahr 1930; sie alle aber dr\u00e4ngen sich respektvoll, um nicht zu sagen furchtsam, um den herrisch wirkenden Patron, den sie merkw\u00fcrdigerweise mit Kapit\u00e4n ansprechen, w\u00e4hrend er selbst den B\u00fcrochef als Steuermann bezeichnet. Wir befinden uns n\u00e4mlich in der romantischen Wagner-Oper \u00abDer fliegende Holl\u00e4nder\u00bb. Denn es hat dem Regisseur Andreas Homoki gefallen, dem Publikum die von Wagner vorgesehene Szenerie mit felsiger Meeresbucht und einem vor Anker liegenden Segelschiff als nicht mehr zumutbar vorzuenthalten. Er inszeniert den \u00abHoll\u00e4nder\u00bb als kapitalismus-kritischen Mystery-Thriller, und wir befinden uns folglich im Kontor einer \u00abdurch und durch materialistischen, auf Profitmaximierung ausgerichteten Welt\u00bb (so der Regisseur). Verst\u00e4ndlich, dass die Tochter Senta des B\u00fcrochefs bzw. Kapit\u00e4ns Daland dieser Welt zu entfliehen sucht, indem sie sich der Legendenwelt des ruhelosen Holl\u00e4nders sowie diesem selbst hingibt. Zur\u00fcck zum Stichwort B\u00fcro: Sentas B\u00fcrogef\u00e4hrtinnen, die im zweiten Aufzug in einem Kontor mit musealen Schreibmaschinen die Szene beleben mit einem etwas unpassenden Lied auf den Lippen (\u00abSumm&#8216; und brumm&#8216;, du gutes R\u00e4dchen, munter, munter, dreh&#8216; dich um!\u00bb), m\u00fcssen zusehen, wie sich Senta, in wilder Entschlossenheit, den legend\u00e4ren Holl\u00e4nder durch ihre Treu&#8216; von seinem Schicksal zu erl\u00f6sen, ihre Oberbekleidung vom Leibe reisst und im Unterkleid ekstatisch auf einen Schreibtisch steigt. Eine schwierige Situation f\u00fcr den braven J\u00e4ger Erik, der eigentlich f\u00fcr sich auf die Gunst und Treue Sentas hoffen durfte. Das Ungl\u00fcck will es, dass dieser Erik immer einen Karabiner 31, ehemals Ordonnanzwaffe der Schweizer Armee, mit sich herumtr\u00e4gt, was nicht gerade waidgerecht ist. Senta, um es kurz zu machen, m\u00fcsste sich laut Libretto nach einem von h\u00f6chster Entz\u00fcckung zu tiefster Entt\u00e4uschung f\u00fchrenden dramatischen Geschehen von einem Felsen ins Meer st\u00fcrzen und damit treu bis in den Tod den Holl\u00e4nder erl\u00f6sen. Aber in dieser unselig auf Profitmaximierung ausgerichteten Welt ist kein Fels vorhanden; sie bem\u00e4chtigt sich also in einem Get\u00fcmmel des Karabiners und erschiesst sich damit, wie wenn man es ihr beigebracht h\u00e4tte. Und so wird der J\u00e4ger Erik zur tragischen Figur: Ewig wird ihn die Schuld belasten, einen geladenen und ungesicherten Karabiner 31 achtlos in einem B\u00fcro hingelegt zu haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gelte Abschied zu nehmen vom B\u00fcro, das einen langsamen Tod sterbe, nachdem es \u00fcber mehr als hundert Jahre hinweg unser Leben gepr\u00e4gt habe. So steht es in der Zeitung. 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