{"id":933,"date":"2020-09-29T03:22:38","date_gmt":"2020-09-29T01:22:38","guid":{"rendered":"https:\/\/nebenbeiblog.ch\/?p=933"},"modified":"2020-10-09T22:00:50","modified_gmt":"2020-10-09T20:00:50","slug":"unerwuenschte-nachhaltigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nebenbeiblog.ch\/?p=933","title":{"rendered":"Unerw\u00fcnschte Nachhaltigkeit"},"content":{"rendered":"<p>Vor etwa drei Jahrzehnten ereignete sich ein epochaler \u00dcbersetzungsfehler. Es war die Zeit, da in der UNO das Thema Umwelt dringlich wurde. Da kam der Begriff \u00absustainable development\u00bb auf; umgekehrt wurde aber auch auf Vorg\u00e4nge hingewiesen, die \u00abunsustainable\u00bb waren, wie etwa bestimmte Produktionsformen. An der Umweltkonferenz von Rio im Jahre 1992 wurde \u00absustainability\u00bb schliesslich zum Leitbegriff der Sorge um die Umwelt. Leider war er schwer zu \u00fcbersetzen, denn das englische Verb \u00absustain\u00bb, das ihm zugrunde liegt, ist vieldeutig. Es gibt kein deutsches Wort, das dazu deckungsgleich ist. Hilfe kam von der Forstwirtschaft: Dort hatte sich schon vor Jahrhunderten das Konzept einer Waldbewirtschaftung entwickelt, die Nutzung mit Erhaltung des Waldes verband, wof\u00fcr im fr\u00fchen 18.\u00a0Jahrhundert der Begriff \u00abNachhaltigkeit\u00bb gepr\u00e4gt wurde. Und der schien dann gerade handlich als \u00dcbersetzung von \u00absustainability\u00bb. Das war leider verfehlt. Denn es f\u00fchrte dazu, dass nachhaltige Entwicklung oder Nachhaltigkeit schlechthin als etwas Positives verstanden wurde. Dass eine Wirkung nachhaltig ist, sagt aber eigentlich nichts dar\u00fcber aus, ob sie erw\u00fcnscht oder unerw\u00fcnscht ist. Es bedeutet nur, dass sie von Dauer ist; jedoch verr\u00e4t es nichts \u00fcber die Art der Wirkung. Wir haben allen Grund, mit dem Begriff der Nachhaltigkeit vorsichtig umzugehen. Das lehrt uns erneut der Wald. In Australien hat er wieder gebrannt, und dieses Jahr in besonders weitem Umfang. Und so kommentierte die Moderatorin der Fernseh-Tagesschau einen Bericht dar\u00fcber mit den Worten: \u00abAuch wenn die Br\u00e4nde dereinst gel\u00f6scht sind &#8211; der angerichtete Schaden ist nachhaltig\u00bb. Damit hatte sie recht (abgesehen davon, dass das Futurum angezeigt gewesen w\u00e4re). Aber die Australier werden die Waldbr\u00e4nde und ihre Folgen nicht f\u00fcr sustainable halten. Eigentlich h\u00e4tte sich bei der Sorge um die Umwelt im Deutschen der Begriff der Sorgsamkeit geradezu aufgedr\u00e4ngt. Doch weil an internationalen Konferenzen sich fast niemand um die deutsche Sprache k\u00fcmmert, ist uns dann eben die Nachhaltigkeit eingebrockt worden.<\/p>\n<p>Nachtrag: Eben lese ich, dass in einer Z\u00fcrcher Gemeinde f\u00fcr den Mittagstisch der Schulkinder nachhaltiges Essen gefordert wird. Das sollte man doch hoffen \u2013 sonst haben sie ja gleich wieder Hunger.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor etwa drei Jahrzehnten ereignete sich ein epochaler \u00dcbersetzungsfehler. Es war die Zeit, da in der UNO das Thema Umwelt dringlich wurde. Da kam der Begriff \u00absustainable development\u00bb auf; umgekehrt wurde aber auch auf Vorg\u00e4nge hingewiesen, die \u00abunsustainable\u00bb waren, wie etwa bestimmte Produktionsformen. 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