{"id":992,"date":"2021-02-20T15:15:29","date_gmt":"2021-02-20T13:15:29","guid":{"rendered":"https:\/\/nebenbeiblog.ch\/?p=992"},"modified":"2021-10-31T19:49:00","modified_gmt":"2021-10-31T17:49:00","slug":"schuhnummer-aus-der-opernwelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nebenbeiblog.ch\/?p=992","title":{"rendered":"Schuhnummer aus der Opernwelt"},"content":{"rendered":"<p>Tr\u00f6stlich in dieser pandemischen Zeit ist uns das Streaming, Bit f\u00fcr Bit er\u00f6ffnet es uns die Welt der Oper. \u00abOrph\u00e9e et Eurydice\u00bb von Christoph Willibald Gluck ist uns vom Opernhaus Z\u00fcrich digital dargeboten worden. Wer mit dem Werk nicht besonders vertraut ist, dem wird es nach dieser Auff\u00fchrung in der Inszenierung von Christoph Marthaler noch weniger vertraut sein. Aber es geschieht Interessantes, etwa die Schuhnummer in der Szene, da Orpheus das Gefilde der seligen Geister in der Unterwelt erblickt, wo er Eurydike finden soll. Ihr ist hier kurz zuvor ein belebender Trank verabreicht worden, worauf sie, inmitten sich am Boden windender Gestalten seliger Geister, kichernd und lachend in einen Freudentaumel ger\u00e4t, sich die Pumps von den F\u00fcssen streift und zu tanzen beginnt. Dann wird sie b\u00fchnentechnisch auf schmalem Sims einen Stock in die H\u00f6he gehoben, preist in einer Arie mit Chor dieses heitere Reich der Seligkeit und entschwindet mit dem Lift nach unten. Nun also erscheint Orpheus, betrachtet die \u00d6rtlichkeit vom oberen Stock aus und hebt an mit seiner Arie: \u00abQuel nouveau ciel pare ces lieux!\u00bb Vom Himmel ist jedoch nichts zu sehen, wohl aber liegen unten gut sichtbar Eurydikes Pumps. Da gibt es zum Gl\u00fcck in dieser Inszenierung eine praktische Person mit Sonnenbrille (sie tr\u00e4gt eine Art College-Uniform mit weissen Kniesocken); die k\u00fcmmert sich um solche Dinge, hebt die Schuhe auf und stopft sie in ihre Umh\u00e4ngetasche. Orpheus: \u00abQuels sons harmonieux!\u00bb Und w\u00e4hrend f\u00fcr ihn die Landschaft vom Zwitschern der V\u00f6gel, vom Murmeln der B\u00e4che und vom S\u00e4useln des Zephirs widerhallt, stellt unten die praktische Person Eurydikes Pumps ordentlich in die N\u00e4he des Lifts, was sie aber nicht befriedigt. Sie nimmt Eurydikes Pumps und placiert sie auf einer Art Buffet. Orpheus: \u00abOn go\u00fbte en ce s\u00e9jour un \u00e9ternel repos.\u00bb Doch keine Ruhe gibt es f\u00fcr Eurydikes Pumps, die wieder in der Umh\u00e4ngetasche der praktischen Person verschwinden. Unter dem Klappstuhl an der Wand, der schon etliche gute Dienste geleistet hat, ist f\u00fcr Eurydikes Pumps aber auch kein Bleiben. Orpheus klagt, die Stille, die man hier atme, k\u00f6nne seinen Schmerz auch nicht lindern. Eurydikes Pumps stecken bereits wieder in der Umh\u00e4ngetasche der praktischen Person. Nun scheint ein Platz gleich neben der Liftt\u00fcre daf\u00fcr passend zu sein &#8211; oder doch nicht. Orpheus beteuert, dass nur Eurydikes z\u00e4rtliche, bewegende Worte, ihre verf\u00fchrerischen Blicke, ihr liebliches L\u00e4cheln das einzige Gut seien, das er begehre. Eurydikes Pumps aber bleiben schliesslich in der Umh\u00e4ngetasche der praktischen Person, die damit die Szene verl\u00e4sst. Und es ert\u00f6nt Chorgesang.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tr\u00f6stlich in dieser pandemischen Zeit ist uns das Streaming, Bit f\u00fcr Bit er\u00f6ffnet es uns die Welt der Oper. \u00abOrph\u00e9e et Eurydice\u00bb von Christoph Willibald Gluck ist uns vom Opernhaus Z\u00fcrich digital dargeboten worden. 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