Erschienen am 30.09.1998 in der NZZ unter «Nebenbei notiert»
bl. Zu den Ritualen des New Public Management gehört das Erarbeiten und Verkünden von Leitbildern (eine Entwicklungsphase, die das private Management zum grösseren Teil schon hinter sich hat). Leitbilder sind in der Regel als Selbstbeschwörungsformeln gestaltet, von denen jeder Satz mit einem grossen Wir beginnt. Weh dem, der «ich» sagt! Sogar die Eigenverantwortung kommt nur im Kollektiv vor: «Wir handeln eigenverantwortlich», müssen die dem Leitbild Unterworfenen bezeugen. Bevor sie soweit sind, haben sie sich allerdings noch etwas anderes einzuprägen: «Wir sind Profis.» Wo wahre Professionalität vorhanden ist, scheint ein solcher Spruch zwar völlig überflüssig, aber manchmal mangelt’s daran wohl etwas. Für jene, die sich überzeugen, dass sie Profis sind, gilt unter anderem auch: «Wir suchen aktiv die besten Methoden und Abläufe und wenden sie an.» Das mag banal scheinen, aber es kommt schon noch anders: «Wir definieren die Hauptprozesse und entwickeln die Kompetenz der Prozessbesitzer.» So ein Satz ist nun wirklich schwierig zu verarbeiten, und deshalb haben sich die Urheber unseres Leitbildes etwas Besonderes ausgedacht: Um es an die Frau und an den Mann zu bringen, haben sie in den Zirkus eingeladen. Die Verbindung von Leitbild und Zirkusnummern, präsentiert von einer Fernsehmoderatorin, stehe im Zeichen der neuen Identität und Kultur des Unternehmens, heisst es im Einladungsschreiben. Ach, wir haben ja noch gar nicht erwähnt, dass hier die Rede ist vom Tiefbau- und Entsorgungsdepartement der Stadt Zürich und seinem Leitbild. Und eine Korrektur ist angebracht: Auf der Eintrittskarte, die jeder Eingeladene unterschreiben muss, beginnen fünf Leitbildgrundsätze mit «Ich». Unter anderem ist unterschriftlich zu bestätigen: «Ich verstehe mich als Dienstleistungsunternehmen.» Im übrigen freuen wir uns, dass es im Leitbild heisst: «Zürich ist eine saubere Stadt» – nicht «wir sind» und nicht «ich bin».
