Leicht beeinander wohnen im Internet die Dinge: Man sucht das eine und findet dieses und jenes. So ist es auch zu diesem Text gekommen. Eigentlich ging es darum, mehr zu erfahren über das Katastrophengebiet in der norwegischen Gemeinde Gjerdrum, wo die Erde wegsackte unter einem Wohngebiet und die Häuser verschwanden im Untergrund, der aus Fliesston (englisch Quick Clay) bestand, einem Lehm, der sich unter Belastung verflüssigen kann. Die Zeitungen berichten über die schwierigen Rettungsarbeiten und die Anteilnahme der Königsfamilie; zu den Ursachen wird vor allem ein norwegischer Experte zitiert, der gesagt haben soll, der Erdrutsch könnte auf natürliche Art oder durch den Bergbau ausgelöst worden sein. Die Suche im Internet ergibt, dass die problematische Bodenbeschaffenheit im Katastrophengebiet bekannt war. Hingegen findet sich kein Hinweis darauf, dass Bergbau betrieben würde in der Region, zu der Gjerdrum gehört. Wie also kam der zitierte Experte dazu, von möglichen Folgen des Bergbaus zu sprechen? Er äusserte sich wohl mehr so allgemein darüber, was theoretisch in Zusammenhang mit Fliesston zu bedenken wäre. Ein Experte muss ja etwas von seinen Kenntnissen kundtun, auch wenn er konkret nichts sagen kann. Für die Gerüchte sorgen dann die Medien. Doch das Thema Bergbau kann hier als erledigt betrachtet werden. Und Prostituierte haben ohnehin nichts mit der Sache zu tun. Sie werden nur hineingezogen, wenn Google den norwegischen Text einer Website über Gjermund ins Deutsche übersetzt. Da kann man dann lesen, welcher Prostituierten die Gemeinde zugehört. Gemäss Google-Übersetzung scheinen in der norwegischen Kirche die Prostituierten eine besondere Bedeutung zu haben – die Prosti, heisst es auf Norwegisch und bedeutet etwa soviel wie Kirchenkreise. Das Wort ist sprachlich verwandt mit Propstei im Deutschen. Aber das andere liegt lautlich näher. Honi soit qui mal y pense! Jedenfalls denkt sich der übersetzende Algorithmus nichts dabei, wenn er der norwegischen Kirche Prostituierte beschert.
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Von Testungen und Küssungen
Mit einem Protestsong wendet sich der österreichische Musiker Thomas Gansch gegen die Inflation des Ausdrucks «Testungen». (Wer Thomas Gansch noch nicht kennt, soll sich schleunigst im Internet über ihn informieren, beispielsweise auf YouTube.) Man ist geneigt, ihm zuzustimmen. Mit Covid 19 hat sich das Wort «Testungen» pandemisch verbreitet – vor allem in der österreichischen Presse. Warum genügt denn «Tests» nicht oder «das Testen»? Das ist ja damit gemeint. Nachforschungen haben allerdings ergeben, dass die Testung samt ihrem Plural Testungen nicht mit dem verheerenden Virus aus China oder anderswoher in die deutsche Sprache eingeschleppt worden ist. Im Duden und in andern Wörterbüchern ist «Testung» schon viel länger verzeichnet. Beim Durchsuchen digitalisierter alter Zeitungsbestände finden sich Belege für den Gebrauch etwa seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Der Algorithmus, der dafür verwendet wird, ist allerdings ein Tölpel. Bei älteren Texten verwechselt er häufig «Festungen» mit «Testungen». In der NZZ geriet er im Kampf mit der schlecht digitalisierten Fraktur-Schrift untere anderem bei «Bestellung», «Deckung», «Einstellung», «Leistungen», «Öffnungen», «Segnungen», «Stiftungen», «Zeitung» auf die vermeintliche Fährte von «Testung» oder «Testungen», und einem Sterbenden liess er die «Testungen unserer hl. Religion» statt ihrer Tröstungen zuteil werden. Und da schliesst sich der Kreis: Was dem Mediziner die Testungen, sind dem Frommen die Tröstungen – der heilige Trost der Religion genügt offenbar nicht. Spezialisten werden darlegen, dass solche sprachliche Differenzierungen sinnvoll und nötig seien. Woran würde man sonst einen Spezialisten erkennen, wenn er nicht sein eigenes Vokabular hätte? Da kann man sich nur wundern, dass die Stiftung Warentest seit mehr als einem halben Jahrhundert besteht ohne den Ausdruck «Testungen» zu verwenden. Aber sie testet ja auch nur Konsumgüter und keine Mikroben. Leider ist der Sprachgebrauch nicht logisch, und so versucht man es am besten mit Vergleichen: vielleicht mit «Fest – festen – Festung»? Au, das ging daneben. Aber «Kuss» und «Test» sind zwei morphologisch vergleichbare Substantive; davon sind die Verben «küssen» und «testen» abgeleitet, die als «das Küssen» und «das Testen» substantivisch verwendet werden können. Und was ist mit «Küssungen»? Diesen Ausdruck sucht man heutzutage vergeblich in Wörterbüchern, im Gegensatz zu «Küsserei». Aber immerhin widmete Angelus Silesius 1657 der «Küssungs Begierde» ein Epigramm. Und Johannes Praetorius erwähnt 1668 die «Küssung des Bocks» als eine der «Verrichtungen» auf dem Blocksberg in der Walpurgisnacht. Ganz im Gegensatz dazu stand die verschiedentlich genannte «Küssung eines Creutzes» als Bestätigung eines Eidschwures. Und im Jahre 1728 behandelte ein Berliner Werk zur «Ceremoniel-Wissenschaft» die Frage, ob «bey denen Damen, die von einem ziemlich hohen Alter, mehr mit einem Kuß auf die Wangen, oder mit Küssung der Hand gedienet sey». Das alles blieb jedoch im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm unberücksichtigt. Sie hatten eben noch keine digitale Suchmaschine. So verschwanden die Küssungen aus dem deutschen Wortschatz. Dass dafür die Testungen aufgekommen sind, ist keine Tröstung.
Superstars der Pandemie
«Denn eben wo Begriffe fehlen, das stellt zur rechten Zeit ein Wort sich ein», sagt Mephisto in Goethes «Faust». (Hm? Goethe? Faust? – Siehe Wikipedia!) Heute müsste es heissen: «Denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein englisch Wort sich alsbald ein.» Aber die Begriffe müssen gar nicht fehlen, das englische Wort stellt sich ohnehin ein, drängt sich auf und ist nicht mehr wegzubringen, selbst wenn sein Gebrauch so unsinnig ist wie «Superspreader», womit neuerdings Leute ausgezeichnet werden, die mehrfach Viren verbreiten. Als das Wort bei uns erstmals in den Medien auftauchte, bemühte man sich immerhin noch, dem Leser zu erklären, dass Spreader Verbreiter bedeute. Man hätte es also auch deutsch sagen können. Aber was ist denn an einem Virenverbreiter super? Gemäss Duden steht «super» für «sehr gut, grossartig, hervorragend» (und «Super» ist die Kurzform von «Superbenzin»). Laut englischen Wörterbüchern bedeutet «super» umgangssprachlich beispielweise «very good, excellent, especially, particularly». Es steckt also immer ein besonderes Werturteil dahinter. Superspreader – Superman? Haben wir jetzt dann Superstars einer neuen Infektionswelle? Werden die einmal aufgeführt in einer Bestenliste, so wie Superstars des Fussballs in der Liste der besten Torschützen? Aber eigentlich ist «Superspreader» nur ein fachsprachlicher Irrtum, nämlich eine Verwechslung mit «Hyperspreader». Und die Medien mit ihrer Sucht nach Superlativen sind dafür dankbar.
Unpigmentierte Musik
«Wie weiss ist die klassische Musik?» Die Frage wurde mir vor kurzem mit einem Titel in der Zeitung sozusagen ins Gesicht geschleudert. Und meine spontane Reaktion darauf wäre eigentlich gewesen: «Das ist mir wurst». Nur hätte das in Zusammenhang mit Klassik etwas unkultiviert gewirkt. Und ausserdem: Wenn eine Frage in den Raum gestellt wird, weist das auf ein Problem hin, und da muss man vorsichtig sein. Wer auf ein Problem nicht eingehen will, wird vielleicht Teil des Problems, und nicht Stellung zu nehmen bedeutet, sich einer Verantwortung zu entziehen und zum Mitschuldigen zu werden. Also begann ich schon halb schuldbewusst über die Farbe der klassischen Musik nachzudenken. Es kam mir dabei nicht zustatten, dass mir Farbpsychologie, Farbsymbolik und dergleichen wenig bedeutet und meine Sinnesorgane für das Farbensehen keine engen Beziehungen zum Gehörsinn unterhalten. Aber ich bemühte mich redlich, den Begriff Klangfarbe in seiner ganzen Tragweite zu erfassen. Damit war ich auf dem Holzweg. Denn es ging gar nicht um den Klang, sondern um die Hautfarbe der Komponisten und des Publikums. Auf den Programmen klassischer Konzerte fänden sich fast ausschliesslich Werke von weissen Komponisten, und gehört würden sie von einem nicht sehr internationalen Publikum, wurde moniert. Das mit dem Publikum hat mir nicht recht eingeleuchtet; Salzburg und Luzern würden protestieren, aber in Tokio stimmt es vielleicht. Dass in Europa die Komponisten wie die Bevölkerung im allgemeinen weiss waren, lässt sich wohl nicht mehr ändern. Mir ist es kein Problem; zum Ausgleich höre ich Jazz, aber eigentlich nicht wegen der Hautfarbe der Musiker und Komponisten. In dem Zeitungsartikel wird schliesslich zu Bedenken gegeben, im Repertoire der Vergangenheit werde sich nie ein ideales Abbild der heutigen Gesellschaft finden lassen. Wie denn auch? Musik hat ja zu keiner Zeit ein Abbild der ganzen Gesellschaft gezeigt.
Spass mit dem Heiligen Geist
Sich mit dem Heiligen Geist zu befassen ist an Pfingsten das Gebot des Tages. Schliesslich erinnert dieser Feiertag an das biblische Ereignis, da unter gewaltigem Brausen und mit Feuerzungen der Heilige Geist über die Apostel kam. Auch die evangelisch-reformierte Zeitung «reformiert.» (der Punkt ist obligatorisch) lässt Pfingsten nicht einfach so an sich vorbeiziehen. Sie widmet dem Heiligen Geist sogar die Titelseite, und wie! Nämlich munter, spassig und auch etwas besinnlich. Man liest von den «Steilpässen des Heiligen Geistes»; damit «liefert die Geisteskraft geniale Zuspiele in den freien Raum». Dass Dumme ist nur, dass sich dort keine Hersteller von Wäschespinnen befinden, die angeblich solche Zuspiele besonders nötig hätten. Bitte: Wer das für Geblödel hält, nehme die Juni-Ausgabe von «reformiert.» (mit Punkt) zur Hand; dort ist es zu finden. Da wird auch der FC Religionen erwähnt, für den Pfarrer, Rabbiner, Imame und weitere Vertreter der Weltreligionen Christentum, Judentum, Islam und Hinduismus kicken. Die Religionsfussballer, das sei hier ergänzt, haben schon den FC Gemeinderat, den FC Kantonsrat und den FC Nationalrat mit Kantersiegen bezwungen, offenbar mit den Steilpässen des Heiligen Geistes – etwa aus dem hinduistischen Hinterhalt, wo ihn der Gegner nicht vermutete? Von welchem guten Geist aber die Parlamentarier verlassen waren, bleibt wie immer eine offene Frage. Doch wir schweifen ab vom Thema, zu dem ja auch die Wäschespinne gehört. Da beschreibt eine Redaktorin von «reformiert.» (mit Punkt) ihren Ärger darüber, dass ein Hersteller von Wäschespinnen für eines seiner Geräte die Produktbezeichnung «First Lady» gewählt hat. Das klinge, meint sie, als sei es die edelste Aufgabe der Frau, Wäsche aufzuhängen, und es zeige, dass in der Gesellschaft immer noch ein Denken herumschwirre, das den Geschlechtern bestimmte Lebensbereiche zuordne. Darum wünschte sich die Autorin den Heiligen Geist oder noch besser die «Heilige Geistin» herbei, damit er/sie die festgefahrenen Kategorien in unseren Köpfen sprenge. Womit der Heilige Geist von einer unfassbaren Macht auf einen Kleingeist reduziert wird, der gendergerecht zu handhaben ist. Gott erbarme sich seiner. Zu trösten vermag uns da zum Schluss allenfalls die hübsche Legende von den Rosen, denen zu Pfingsten die Dornen genommen wurden, so dass sie zu Pfingstrosen wurden. Das gilt aber nur im deutschen Sprachraum. In andern Sprachen hat die Bezeichnung der Päonien keinen Bezug zum Namen der Rose.
Locher ohne Knatsch
Die Journalisten zeigten sich für einmal aussergewöhnlich feinfühlig: Im Zusammenhang mit dem Rücktritt des Präsidenten der «Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz» in der Woche vor Pfingsten wurde nirgends in der Presse der Ausdruck «Knatsch» verwendet (der Basler Zeitung schien das zwar schwer zu fallen, und sie behalf sich mit «Zoff»). Dabei ist es doch schon beinahe journalistische Pflicht, bei Zwist, Streit und Konflikten von Knatsch zu schreiben, nicht zuletzt bei Fällen in kirchlicher Umgebung. Und bei diesem Rücktritt mangelt es ja nicht an Konfliktstoff, auch wenn Genaueres über die geltend gemachten Grenzverletzungen nicht bekannt ist. In anderer Hinsicht folgten die Medien aber gerne ihrem Drang zum Klischee: Der zurückgetretene Gottfried Locher wurde allenthalben als «oberster» oder «höchster Protestant» bezeichnet, unbekümmert darum, dass Hierarchien für die evangelisch-reformierten Kirchen wesensfremd sind. Die «Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz» ist ein Verein, der bis vor kurzem «Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund» hiess. Er bezeichnet seine Statuten jetzt als Verfassung, das tönt prätentiöser, ändert aber nichts daran, dass er ein Verband unabhängiger kirchlicher Körperschaften ist, die ihm nicht untergeordnet sind. Da ist keiner der Oberste oder Höchste, auch der Vereinspräsident nicht. Sein Amt ist nicht mit dem eines reformierten Bischofs zu verwechseln. Was übrigens das ausnahmsweise vermiedene Wort «Knatsch» betrifft, so bedeutet es nach Grimms Deutschem Wörterbuch ursprünglich «breiartig kotiger Boden oder Weg, Strassenschmutz» oder auch «unordentliches Gerede». Und gemäss dem Etymologischen Wörterbuch von Kluge hat es einen lautmalenden Ausgangspunkt, nämlich den Laut, der beim Zerdrücken oder Zertreten von etwas Weichem entsteht, womit es zum weiteren Umfeld von knutschen gehöre. Dieser Gedankengang sei hier nicht weiter fortgesetzt; er könnte in gefährliche Nähe zu Grenzverletzungen führen.
Social Distancing ist verfehlt
Social Distancing ins Deutsche übersetzt heisst soziale Distanzierung, und da müsste man doch sofort merken, dass das nicht gemeint sein kann, wenn es um eine Massnahme zur Verminderung der Infektionsgefahr geht. Eigentlich braucht es überhaupt keinen englischen Ausdruck, um die Leute zum Abstandhalten aufzufordern, sprich zur Wahrung eines Sicherheitsabstandes zu ermahnen oder räumliche Distanz zu empfehlen. Und schon gar nicht braucht es dazu einen verfehlten englischen Ausdruck. «Social distancing» war zwar ursprünglich von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Richtlinien zur Bekämpfung von Grippeepidemien empfohlen worden, aber inzwischen hat sich die WHO korrigiert und spricht von «physical distancing», also von physischer Distanz, weil man ja nicht das soziale Beziehungsnetz zerstören wolle. Doch da sich inzwischen, ausgehend von amerikanischen Gesundheitsinstitutionen, der verfehlte Begriff wie ein Lauffeuer verbreitet hat, wird er kaum mehr auszurotten sein. Immerhin macht man sich heutzutage nicht nur in Zusammenhang mit Gender-Problemen Gedanken zum Sprachgebrauch, und so haben doch viele gemerkt, dass soziale Distanzierung das Gegenteil von sozialem Zusammenhalt ist, auf den es jetzt ankommt. Der Ausdruck Social Distancing stösst immer mehr auf Ablehnung. Nun müssten das nur noch die Medien lernen.
Verwirrende Selbstneoinvention
Selbstneoinvention scheint eine der grossen Herausforderungen unserer Zeit zu sein. Noch nie etwas davon gehört? Das kann schon sein, weil das Wort hier in einem Anfall von Kreativität mutmasslich eben neu erfunden worden ist. Dabei lesen wir täglich in der Zeitung darüber; hier einige Beispiele. «Die Autobauer müssen sich neu erfinden – und mit ihnen die Schweizer Zulieferer». Wen wundert da die Meldung: «Die klassischen Automessen müssen sich neu erfinden, um zu überleben.» Es gilt überhaupt weit herum in der Wirtschaft: «Kaufhäuser müssen sich neu erfinden», oder auch gleich die ganze Zürcher Bahnhofstrasse. «Apple will sich neu erfinden» kann nicht überraschen, denn «Jahrzehnte erfolgreiche Firmen mussten sich neu erfinden». Die Welt des Sports bleibt auch nicht unberührt: «Der HC Lugano muss sich neu erfinden» und «die GC-Verantwortlichen erklärten gestern, sie wollten sich neu erfinden.» Von den Niederungen des grünen Rasens hinauf in den Schnee: «Die Tour de Ski muss sich neu erfinden.» Auch der Mensch kann der Selbstneoinvention nicht entgehen. Von einer Schriftstellerin erfahren wir: «Sie wollte das Schreiben jedoch keinesfalls aufgeben, und so erfand sie sich neu.» War sie zuvor denn auch nur eine Erfindung? Das ist ein Einzelschicksal, aber andernorts geht es um ein Massenereignis: «Eine Legion an Wall-Street-Analysten muss sich neu erfinden.» Ist das nun Sache der einzelnen Analysten, oder besorgt es die Legion kollektiv für alle? Machen wir es kurz und erwähnen nur noch summarisch, dass sich auch Europa, die Kirche und Kasachstan neu erfinden müssen, während Pro Senectute es schon getan hat.
Und dabei geht das alles gar nicht. Dinge erfinden sich nicht selbst, sondern werden erfunden. Institutionen werden geschaffen und sind keine Selbsterfindungen. Das Hühnerei erfindet sich nicht, sondern wird gelegt, und wenn es zum Spiegelei wird, hat es sich nicht neu erfunden. Keine Regel ohne Ausnahme: Dass Künstler sich selbst als ihre eigenen Kunstwerke erfunden haben, soll schon vorgekommen sein. Wenn etwas schon besteht, kann es nicht neu erfunden werden; soll es aber ersetzt werden durch etwas Neues, dann muss das Alte verschwinden. Soll sich etwa die Kirche abschaffen, damit sie sich neu erfinden könnte, auch wenn es sie dann gar nicht mehr gäbe? Nein, das will oder soll doch alles bleiben, wenn auch nicht mehr unbedingt so, wie es jetzt ist. Die Klischee-Floskel «sich neu erfinden» gehört einfach in den Papierkorb, und Selbstneoinvention gibt es nicht. Aber vielleicht taucht es jetzt dann bei Google auf.
Hunger in der Zahlenwelt?
In der Zeitung ist zu lesen: «Der Kanton rechnet mit einer Reduktion des motorisierten Verkehrs um satte 12 Prozent.» Um welchen Kanton es sich handelt, tut hier nichts zur Sache. Das Problem ist die Sättigung der Zahlen. Könnten die 12 Prozent allenfalls auch hungrig sein? Es gibt die natürlichen Zahlen, die reellen Zahlen, umfassend die rationalen und die irrationalen Zahlen, nicht zu vergessen die imaginären Zahlen, mit denen die reellen Zahlen zu komplexen Zahlen erweitert werden, womit der durchschnittliche Zeitungsleser wohl schon ziemlich überfordert ist, während der Mathematiker in der Welt der Zahlentheorie weiter vorstösst, bis dort, wo auch für ihn die terra incognita beginnt – und da steht dann ein strahlender Journalist und präsentiert ihm die satte Zahl. Triumph! Satt ist eine Zahl immer dann, wenn sie den Schreibenden dermassen beeindruckt, dass er auch die Leser zum Staunen bringen will. Das vermittelt Emotionen. Das Gegenteil von satten Zahlen sind übrigens nicht die hungrigen Zahlen, sondern die nüchternen. Die sind einfach langweilig.
Geschockt in der Enge der dünnen Luft
Munter schreibe der Journalist. Er soll nicht nur Informationen vermitteln und über Sachverhalte und Ereignisse berichten, sondern Geschichten erzählen. Man nennt das Storytelling. Der heutige Leser kapiert Dinge nicht, wenn sie nicht in eine Geschichte gepackt werden. Hilfreich bei einer solchen zeitgemässen Gestaltung ist eine Einleitung, bei der man zunächst nicht erfährt, wovon eigentlich die Rede ist. Geübte Zeitungsleser wissen deshalb, dass sie dem Anfang eines Artikels keine besondere Beachtung schenken müssen, weil das nur Zeitverschwendung wäre. Wer will schon wirklich wissen, von welchen Gefühlen Herr oder Frau Müller oder Meier bewegt waren, als sie nachts aus dem Fenster schauten, weil es in der Nähe gekracht hatte. In knappste Form gebracht kann der Ansatz zum Storytelling allerdings auch nur aus einem einzigen Satz bestehen. «Jetzt wird es eng für . . .» ist geläufig, und der Leser ist emotional angesprochen und leidet bereits mit dem Eingeklemmten, obwohl er noch gar nicht weiss, was los ist. Oder er fühlt die Atemnot, wenn die Luft dünn wird für einen, in dessen Umfeld dicke Luft herrscht. Überhaupt ist es beliebt, dem Leser gleich zu Beginn zu deklarieren, wie er zu empfinden habe. «Das Land ist geschockt . . .» Wer würde es da noch wagen, seelenruhig seinen Kaffee zu trinken oder wenigstens einen Coffee to go zwischen Daumen und Zeigfinger zu klemmen und damit ins Tram zu steigen? Wenn kein schockierender Anlass besteht, kann man einem Text natürlich auch eine erhöhte Bedeutung verleihen, indem man Einfaches kompliziert ausdrückt, etwa indem man von der Nomenklatur der Reizwörter schreibt, wenn es nur um ein Reizwort geht. Der Journalist hat ja auch einen Bildungsauftrag.
