Es ist ein Gebot der Zeit, Vergangenes historisch aufzuarbeiten. Aus Anlass der Eröffnung des Kunsthaus-Erweiterungsbaus sehe ich mich veranlasst, mein Verhältnis zu dem Gemälde «Nachtessen in Dresden» von Georg Baselitz aufzuarbeiten. Ich half nämlich dem Kunsthaus vor 30 Jahren, das Werk zu erwerben, indem ich im Kantonsrat einem dafür bestimmten Beitrag von 1,4 Millionen Franken aus dem Fonds für gemeinnützige Zwecke zustimmte. Der Entscheid war knapp; der Rat bewilligte den Beitrag mit 62 Ja gegen 58 Nein. Meine Stimme hatte also erhebliches Gewicht. Im Interesse der geschichtlichen Wahrheit sei hier aus dem Kantonsratsprotokoll vom 8. Juli 1991 mein Votum wiedergegeben, mit dem ich meinen Entscheid begründete:
«Wir versetzten dadurch das Kunsthaus in die Lage, seine Sammlung durch ein Werk zu ergänzen, auf dessen Erwerb die Verantwortlichen des Kunsthauses grossen Wert legen. Die Finanzkommission hat dieses Werk besichtigt, und es war offensichtlich ‒ die Kommission wird das wahrscheinlich auch einstimmig bestätigen ‒, dass es sich um ein eindrückliches Werk handelt, misst es doch 2,8 auf 4,5 m. Unübersehbar auch die Tatsache, dass Baselitz auf den Kopf gestellte Bilder malt, auch das ist unbestritten, und das hebt seine Werke deutlich von der übrigen Malerei ab. Dass es sich um einen bedeutenden Künstler handelt, haben wir zur Kenntnis genommen. Wie erfährt man, ob ein Künstler bedeutend sei oder nicht? Es ergibt sich daraus, dass Leute, die sich für befugt halten, das zu beurteilen, deutlich genug sagen, es sei ein bedeutender Künstler. Es gibt nun gegenwärtig tatsächlich zahlreiche Leute, die sich für befugt halten, das zu sagen, und die dem auch sehr bewegt Ausdruck zu verleihen vermögen, in einer Sprache, die ich nicht immer ganz nachzuvollziehen vermag. Aber es ist nun halt einmal so, dass wir in der Politik und in der Kunst nicht ganz in der gleichen Welt leben. Wenn ich hier im Katalog über die grosse Baselitz-Ausstellung als ersten Satz lese, «Baselitz ist ein heiliger Antonius der Kunst», und wenn ich im letzten Satz eines Zeitungsartikels von Franz Meyer lese, auf dem Bild, um das es hier geht, finde eine Art Pfingstwunder der Kunst statt, so wird eigentlich klar: Es geht letztlich um etwas Kultisches. Ich muss sagen, mir sind die kultischen Dinge nicht sehr vertraut. Aber wir müssen davon ausgehen, dass es nun eben solche Kultstätten in unserer Stadt gibt und dass wir doch öffentlich einigen Wert darauf legen, dass solcher Kult gepflegt wird. Also stimmen wir diesem Beitrag zu ‒ mit der ausdrücklichen Bemerkung: Ich möchte mich nicht darauf behaften lassen, dass ich damit ein künstlerisches Urteil über das Werk abgebe. Ich stelle aber fest, dass wir vor kurzem für eine Spielzeugeisenbahn-Sammlung 10 Mio. Franken ausgegeben haben, dass der Kanton einiges Geld ausgegeben hat aus diesem Fonds für eine Festkantate, die eine Eintagsfliege bleiben dürfte, und dass wir auch sonst gelegentlich noch Ausgaben aus dem Fonds für gemeinnützige Zwecke tätigen für Kultur, bei der sich nicht genau überprüfen lässt, welche Bedeutung das damit Finanzierte wirklich hat. Also stimmen wir hier im Sinne der Grosszügigkeit zu und hoffen wir, dass jene, die heute behaupten, Baselitz sei ein bedeutender Künstler, auch noch in zwanzig Jahren recht haben werden. Vielleicht wird man dann so weit kommen, seine Bilder nicht nur um eine Achse zu drehen, sondern auch um eine zweite, dann würden sie auch den Missverständnissen des Publikums entzogen, und das Kunstwerk könnte unbelastet vom Stofflichen der Darstellung verehrt werden.»
Soweit mein Votum vor 30 Jahren. Bis heute verfehle ich bei keinem Besuch im Kunsthaus, auch nach dem Baselitz zu sehen. Ich finde das Gemälde noch immer abscheulich.
