Es gelte Abschied zu nehmen vom Büro, das einen langsamen Tod sterbe, nachdem es über mehr als hundert Jahre hinweg unser Leben geprägt habe. So steht es in der Zeitung. Ich kann mich allerdings nicht über hundert Jahre Büro erinnern, dafür ist uns ein Einblick in die Bürowelt von früher vermittelt worden durch ein Werk, das vor kurzem das Opernhaus Zürich dem darbenden Opernpublikum über Streaming zur Verfügung stellte. Man sieht im ersten Aufzug einen grossen Raum, dunkel getäfert, in der Mitte ein Tisch mit einem Morsetelegraphen (Baujahr ca. 1875), darum herum männliches Büropersonal mit Vatermörderkragen und Ärmelschonern, etwa dreissig an der Zahl; einige dieser Kontoristen, wie sie wohl genannt werden müssen, beschäftigen sich mit Tischtelefonen Baujahr 1930; sie alle aber drängen sich respektvoll, um nicht zu sagen furchtsam, um den herrisch wirkenden Patron, den sie merkwürdigerweise mit Kapitän ansprechen, während er selbst den Bürochef als Steuermann bezeichnet. Wir befinden uns nämlich in der romantischen Wagner-Oper «Der fliegende Holländer». Denn es hat dem Regisseur Andreas Homoki gefallen, dem Publikum die von Wagner vorgesehene Szenerie mit felsiger Meeresbucht und einem vor Anker liegenden Segelschiff als nicht mehr zumutbar vorzuenthalten. Er inszeniert den «Holländer» als kapitalismus-kritischen Mystery-Thriller, und wir befinden uns folglich im Kontor einer «durch und durch materialistischen, auf Profitmaximierung ausgerichteten Welt» (so der Regisseur). Verständlich, dass die Tochter Senta des Bürochefs bzw. Kapitäns Daland dieser Welt zu entfliehen sucht, indem sie sich der Legendenwelt des ruhelosen Holländers sowie diesem selbst hingibt. Zurück zum Stichwort Büro: Sentas Bürogefährtinnen, die im zweiten Aufzug in einem Kontor mit musealen Schreibmaschinen die Szene beleben mit einem etwas unpassenden Lied auf den Lippen («Summ‘ und brumm‘, du gutes Rädchen, munter, munter, dreh‘ dich um!»), müssen zusehen, wie sich Senta, in wilder Entschlossenheit, den legendären Holländer durch ihre Treu‘ von seinem Schicksal zu erlösen, ihre Oberbekleidung vom Leibe reisst und im Unterkleid ekstatisch auf einen Schreibtisch steigt. Eine schwierige Situation für den braven Jäger Erik, der eigentlich für sich auf die Gunst und Treue Sentas hoffen durfte. Das Unglück will es, dass dieser Erik immer einen Karabiner 31, ehemals Ordonnanzwaffe der Schweizer Armee, mit sich herumträgt, was nicht gerade waidgerecht ist. Senta, um es kurz zu machen, müsste sich laut Libretto nach einem von höchster Entzückung zu tiefster Enttäuschung führenden dramatischen Geschehen von einem Felsen ins Meer stürzen und damit treu bis in den Tod den Holländer erlösen. Aber in dieser unselig auf Profitmaximierung ausgerichteten Welt ist kein Fels vorhanden; sie bemächtigt sich also in einem Getümmel des Karabiners und erschiesst sich damit, wie wenn man es ihr beigebracht hätte. Und so wird der Jäger Erik zur tragischen Figur: Ewig wird ihn die Schuld belasten, einen geladenen und ungesicherten Karabiner 31 achtlos in einem Büro hingelegt zu haben.
