Verdrehtes Künstlergeschlecht

Was haben die Künstler Cuno Amiet und Robert Zünd gemeinsam? Sie haben vor kurzem und immerhin einige Zeit nach ihrem Tod das Geschlecht gewechselt bekommen. Gleich vielen andern sind sie im Kunsthaus Zürich in den Apparat der Gendersprache geraten. Und da gibt es eben Probleme um Künstler:innen und Kunstschaffende. Zu deren Entwirrung ist der schlechtestmögliche Weg gewählt worden: Jeder Künstler (m.) ist in eine Kunstschaffende (f.) verwandelt worden. Und so steht dann über einer Bildbeschreibung «Kunstschaffende: Cuno Amiet». Und das ist einfach falsch. Eine Kunstschaffende ist eine Künstlerin, ein Kunstschaffender ist ein Künstler, da hat die Gendersprache nichts daran zu ändern. Nach dem Tod sind sie übrigens nicht mehr schaffend. Da wären sie Kunstgeschaffenhabende.

Tschuggerei

Dank einer Schweizer Fernsehserie glauben viele Leute, «Tschugger» sei original Walliser Deutsch für Polizist. Nun mag die Fernsehproduktion ja lustig sein (etwa da, wo der etwas schmalbrüstige Kollege aus Zürich in der Kloake hockt und ihm der Walliser Tschugger über den Kopf pisst), doch der Ausdruck hat nichts mit sprachlicher Eigenständigkeit des Volkes am Rotten zu tun. Das beweist die Zürcher Tschugger-Affäre aus dem Jahre 1936. Unter dem Datum vom 18. Juni zitierte damals die NZZ eine Meldung der Schweizerischen Depeschenagentur: «Der Polizeirichter hat den in Zürich vielfach gebräuchlichen Dialektausdruck ‘Tschugger’ (für Polizist) als Beschimpfung bezeichnet und eine 17jährige Tochter verwarnt, die verzeigt worden war, zu ihrer Begleiterin gesagt zu haben: ‚Lueg, da chunnt en Tschugger.’» Das spreche nun nicht gerade von Grosszügigkeit und Humor des Polizeirichters, schrieb dazu der Lokalredaktor Edwin Arnet in einer Glosse. Und er sah unabsehbare Konsequenzen einer solchen Haltung. Man müsste beispielsweise die gesamte Schuljugend des Kantons Bern einsperren, die den Lehrer als «Leischt» bezeichnet, und nicht besser würde es der zürcherischen Schuljugend gehen, die den Schulabwarten «Schwartli» sage und die Strassenreiniger als «Strassenbütschgi» apostrophiere; dem folgte eine Aufzählung weiterer Dialektausdrücke, wegen derer man doch nicht immer gleich zum «Kadi, pardon, zum Richter» laufen könne. Die Glosse hatte ein starkes Echo, es gab zahlreiche Zuschriften, und der Zürcher Polizeirichter konnte sich nicht über mangelnde Beachtung beklagen, fand aber wenig Verständnis. Der Redaktor des Schweizerischen Idiotikons äusserte sich und wies auf die jenische Herkunft des Wortes Tschugger hin und seinen Gebrauch in den städtischen Mundarten von Zürich, Bern und St. Gallen; er steuerte aber auch einen Vierzeiler aus dem bernischen Volksliederschatz bei, in dem es heisst:

«Mueter, was si das für Mannli
Die so krummi Säbeli hei?»
«Kind, das sie die Tschuggermannli,
Die so krummi Säbeli hei.»

Ein anderer Leser erinnerte sich, dass er im Jahre 1893 oder so von einem Wächter der öffentlichen Ordnung gestellt und gerügt wurde, weil er den Ausdruck «Polüp» gebraucht hatte. – Insgesamt findet sich in den Zuschriften eine reiche Auswahl weiterer mehr oder weniger despektierlicher Bezeichnungen für die Polizei. Nachzutragen bleibt, dass 1954 das Berner Obergericht es nicht als strafbare Beschimpfung betrachtete, einen Landjäger als Tschugger zu bezeichnen, während etwa zur selben Zeit Aargauer Richter «Schroter» als nicht tolerierbar beurteilten. Was nun das Wallis betrifft, so ist nicht belegt, dass der Ausdruck «Tschugger» dort besonders gebräuchlich gewesen wäre. Hingegen gibt es auf Walliser Deutsch das Adjektiv «tschugg»: es bedeutet betrunken. Könnte das etwas mit dem Fernseh-Tschugger zu tun haben?

Gletscherwelt im Tram

Der Grosse Aletschgletscher fährt nun bildlich Tram in Zürich. Er findet sich auf einem Plakat an der Scheibe hinter dem Sitz des Trampiloten. Ein Informations-Display würde hier den Tramfahrgästen zwar besser dienen, aber nun müssen sie sich eben vom eindrücklichen Bild des Gletschers begeistern lassen. Der Blick fällt vom Eggishorn her auf ihn, wie er sich breit hinaufzieht bis zum Konkordiaplatz und zum Jungfraufirn, mit Eiger und Mönch am Horizont. Man soll die Zeichen erkennen, steht darunter. Die Zeichen der Vergletscherung? Wer so etwas zu äussern wagte, müsste ganz rasch den Kopf einziehen. Sagt man Gletscher, so muss man auch Klimawandel sagen, oder zumindest daran denken. Und wer’s nicht selbst merkt, dem wird mit dem Text auf dem Plakat auf die Sprünge geholfen: «Steigen Sie aufs klimaschonende Tram um.» Das ist nun etwas verwirrlich, da ich ja schon im Tram bin. Weshalb soll ich denn jetzt umsteigen? Es wird im Kleingedruckten nachgedoppelt: «Mit Tram oder Trolleybus kommen Sie mit Elektro-Energie komfortabel ans Ziel in Zürich. Und schonen neben dem Klima gleich noch die Nerven im dichten Stadtverkehr.» Falls man sich aber im Tram oder im Trolleybus einmal nicht ganz so komfortabel fühlen sollte, weil sich zu viele klimaschonende Menschen in den Wagen drängen, die manchmal auch Abfall liegen lassen: dann einfach die Augen schliessen und sich der Elektro-Energie hingeben – aber dabei nicht etwa Gedanken an die Probleme der Energieversorgung aufkommen lassen. Und wer Zeit hat, bleibt bis zur Endstation im Tram, sucht sich dort einen Platz mit Blick auf den Grossen Aletschgletscher und fährt gleich noch einmal eine Runde. Man muss doch etwas tun fürs Klima. Ausserdem soll es gut sein für die Nerven im dichten Stadtverkehr.

Attitude oder Attitüde

Die Fernsehwerbung möchte man oft am liebsten überspringen, auch wenn das den Fernsehanstalten wegen der Werbegelder nicht passt. Aber es gelingt nicht immer; und so prägt sich davon doch das eine oder andere ein – beispielsweise die fünfköpfige Familie, die sich monatelang Abend für Abend aus unerklärlichen Gründen nach hinten fallen lassen musste, offenbar im Auftrag einer Krankenversicherung. Das ist jetzt abgelöst worden durch Gruyèrekäse, dessen Geschmack der Schweiz seit 1115 anhaftet, wenn man der Werbung glaubt. Die Schweiz wurde wohl in der Käserinde geboren. Anno 1115 gehörte das Greyerzerland allerdings zu Burgund, und die alten Eidgenossen hatten sich noch nicht formiert, machten aber wohl bereits ihren eigenen Käse, wie die Glarner, deren Schabziger schon ums Jahr 800  bekannt gewesen sein soll. Doch dieser Exkurs lenkt ab von der TV-Werbung, also weg vom alten Käse und back to the future. Denn die drängt sich nun auf den Bildschirm mit dem Slogan „Future is an attitude“. Damit wird etwas aufgewärmt, was zwar nicht gerade alter Käse ist, aber doch Schnee von gestern (zugegeben: eine gewagte Metapher). „Beauty is an attitude“ ist eine Aussage, die der 1997 gestorbenen Kosmetik-Unternehmerin Estee Lauder zugeschrieben wird. Sie meinte damit, dass jede Frau schön sein könne, es sei nur eine Frage ihrer Einstellung. Damit setzte die Amerikanerin ihren Schlusspunkt zur  Diskussion über Schönheit, die seit der Antike in der Philosophie gewaltet hatte. Das überzeugte umso mehr, als damit über Schönheit gar nichts ausgesagt war. Doch dann kam „elegance is an attitude“ – eine vertretbare Abwandlung, die mit Karl Lagerfeld in Verbindung gebracht und durch die Uhrenmarke Longines verbreitet wurde. Mit Bild und Unterschrift von Kate Winslet versehen stimmte der Slogan: Eleganz ist eine Haltung, die Personen zugeschrieben werden kann. Uhren allerdings, so elegant sie auch sein mögen, geben sich nicht eine Haltung. Und was ist nun mit der Zukunft, die von der Werbung als Haltung deklariert wird? Auf Englisch muss das natürlich geschehen, damit es wichtiger tönt. Dumm ist nur, dass „future is an attitude“ etwas abgegriffen wirkt nach „beauty“ und „elegance“. Schlimmer: Zukunft verbindet sich heute bei vielen Menschen mit Vorstellungen, bei denen es um Existenzielles geht, nicht nur um eine Frage der Haltung. Mit „future is an attitude“ ist eine Automarke bei einem Slogan angelangt, der bloss noch werberische Attitüde ist. Nun warten wir auf etwas wie „cheese is an attitude“.

Disharmonie in G

Einen Begriff zu haben wäre manchmal schön. Aber heutzutage werden einem häufig nur sprachliche Codes serviert, beispielsweise diese mit G. Dass solche Codes sich rasch in der Alltagssprache breit machen, dafür sorgen die Medien. Zwar sind Journalisten auch nur Menschen, und gelegentlich versuchen sie es darum mit bildlichen Ausdrücken. Gern verwendet wird gegenwärtig das Bild vom Nadelöhr, das entschärft werden sollte.  Bei einem unscharfen Nadelöhr hätte es dann wohl Luft nach oben, und vielleicht ginge das biblische Kamel eher hindurch, doch das gehört hier nicht zur Sache. Zurück zum G-Thema! Bis vor nicht allzu langer Zeit sorgte vor allem 5G für Unruhe. Das ist ein Mobilfunkstandard der 5. Generation (aha, darum G), der an vielen Orten auf Opposition stösst – was allenfalls zu einem Nadelöhr in der Mobilfunkversorgung führen könnte. Aber lassen wir das und wenden uns dem oder den G aus der Welt der Pandemie zu, der Covid-19-Seuche also. G kann hier für dreierlei stehen, nämlich für geimpft, genesen oder getestet. Was bedeutet also 2G, 2G+ oder 3G? Auf dem eidgenössischen Coronavirusplakat des Bundesrates wird es so erklärt: 3G meint „Geimpfte, Genesene und Getestete“, 2G gilt für „Geimpfte und Genesene“, und bei 2G+ geht es um „in den letzten vier Monaten Geimpfte/Genesene oder Geimpfte/Genesene mit negativem Test“. Was ist jetzt eigentlich mit den gar nie Erkrankten, die darum auch nicht Genesene sind? Genügt etwa bei 2G auch nur 1 G, nämlich für geimpft oder genesen? Und kommt es auch bei 3G eigentlich nur auf eines der drei G an? Bei 2G+ scheint je nach dem Lauf der Zeit 1 G zu genügen, sofern man unter Geimpften/Genesenen nur Geimpfte oder Genesene oder Geimpfte und Genesene versteht, wobei das Plus „getestet“ bedeutet und zum erforderlichen G wird, wenn die andern G älter als vier Monate sind. Ist das jetzt alles klar? Im Zweifelsfall muss das eben mit dem Türsteher vor dem Partylokal durchdiskutiert werden. Eine andere Frage ist, was den Romands zugemutet wird, weil der Bundesrat sich nicht darum gekümmert hat, dass „personnes vaccinées, guérises ou testées“ sprachlich nur mit einem G etwas anfangen können. Und auf Italienisch ist es auch nicht besser. Müsste diese Verletzung des Verfassungsartikels betreffend die Landessprachen nicht die Treicheln (mindestens 2T) zum Klingen bringen? Wichtig zu wissen ist, dass unsachlicher Umgang mit 2G, 3G oder 2G+ dazu führen kann, dass die IPS zu einem Nadelöhr für die medizinische Versorgung werden können. (Wer IPS nicht versteht, soll sich endlich impfen lassen und dann zu Hause bleiben.) Noch etwas: Laut Google findet sich ein vollständiges Angebot zu 3G, 4G oder 5G im Fachhandel – halt, da sind wir wieder beim Mobilfunk. – Was bedeutet eigentlich G-Dur?

Kampf um die Unterschrift

Eine Geschichte zum Kampf um die Gleichstellung von Mann und Frau ist noch nicht geschrieben: jene der doppelten Unterschrift auf der Steuererklärung. Es fanden keine Kundgebungen und Fackelzüge dafür statt. Aber zu heftigen Auseinandersetzung kam es schon. Hier ein authentischer Bericht über das Geschehen im Zürcher Kantonsrat im Jahre 1986. Im Zürcher Steuergesetz hiess es bis dahin: «Leben Ehegatten in rechtlich und tatsächlich ungetrennter Ehe, so wird die Ehefrau nicht selbständig besteuert». Anders gesagt: Um die Steuern der Eheleute kümmerte sich der Ehemann, die Ehefrau war kein «Steuersubjekt». Das hielt nicht Stand vor dem Gleichstellungsgebot der Bundesverfassung. So wurde es denn in der Vorlage zur Änderung des Zürcher Steuergesetzes, die der Kantonsrat am 27. Januar in Beratung zog, in §8 neu formuliert: «Einkommen und Vermögen der in rechtlich und tatsächlich ungetrennter Ehe lebenden Ehegatten werden zusammengerechnet. –  Die Ehegatten sind gemeinsam steuerpflichtig. Handlungen eines Ehegatten sowie die Handlungen der Steuerbehörden gegenüber einem Ehegatten binden auch den andern Ehegatten.» Das gefiel einer progressiven Kantonsrätin aus der Stadt Zürich nicht ganz. Sie wollte den letzten Satz streichen und dafür als neuen Absatz einfügen: «Schriftliche Eingaben sind von beiden Ehegatten zu unterzeichnen.» Aber der Regierungsrat und die Kommissionsmehrheit waren der Auffassung, dass es doch genüge, wenn der Ehefrau die gleiche Verantwortung und die gleiche verfahrensrechtliche Stellung zugesprochen werde, da brauche es doch nicht noch ihre Unterschrift. Sie könne auf dem Wege der Akteneinsicht immer Einblick in die Steuererklärung erhalten. Ein versierter Jurist, Vertreter der Stadtzürcher FDP, vermochte die verfahrensrechtlichen Aspekte dieser Konstellation differenziert darzulegen. Der Antrag der progressiven Stadtzürcher Kantonsrätin wurde mit 84 gegen 42 Stimmen abgelehnt.

Immerhin hatte ein FDP-Kantonsrat aus der Agglomeration erklärt, er habe für das Grundanliegen der doppelten Unterschrift Verständnis, dass es aber ein paar Dutzend Paragraphen weiter hinten, bei den Verfahrensgrundsätzen, aufgenommen werden müsse. Die rückten erst vier Sitzungen später, am 3. Februar ins Visier des Rates. Der FDP-Kantonsrat aus der Agglomeration hielt Wort: Er beantragte, § 86 über die Pflicht zur Einreichung einer Steuererklärung zu ergänzen durch den Absatz: «In ungetrennter Ehe lebende Steuerpflichtige haben die Steuererklärung gemeinsam zu unterzeichnen.» Der Finanzdirektor war ungehalten; jetzt beginne diese Diskussion wieder von vorn. Das Fehlen einer Unterschrift würde zu Problemen führen, es käme zu Mahnverfahren bis zu Zwangseinschätzungen, was der Wahrheitsfindung nicht dienen könne und die Stellung der Eheleute verschlechtern würde. Ein SVP-Vertreter aus dem Unterland wies ausserdem darauf hin, dass der Steuerämter-Verband sich gegen die Doppelunterschrift geäussert hatte, weil ein überdimensionaler Aufwand zu befürchten sei. Der Rat beschloss mit 65 gegen 58 Stimmen, den Antrag abzulehnen. Das wars.

Oder doch nicht. Schliesslich findet vor der Verabschiedung eines Gesetzes noch die Redaktionslesung statt. So kam am 3. März unerwartet neue Bewegung in die Sache. Ein Landesring-Vertreter verlangte Rückkommen auf § 8 und beantragte, hier die Pflicht der Ehegatten zur gemeinsamen Unterzeichnung der Steuererklärung einzufügen. Rückkommen wurde beschlossen, der Änderungsantrag mit 53 zu 52 Stimmen abgelehnt. Die Stunde der Wahrheit kam mit dem Rückkommen auf § 86. Der FDP-Vertreter aus der Agglomeration ersuchte, die Sache etwas unter sportlichem Aspekt zu betrachten; vielleicht habe ja bei der Abstimmung mit einer Stimme Differenz der eine oder andere Anwesende gedacht, er würde das lieber hier geregelt haben. Und jetzt entschied der Kantonsrat mit 58 gegen 54 Stimmen: «In ungetrennter Ehe lebende Steuerpflichtige haben die Steuererklärung gemeinsam zu unterzeichnen.» Daran wurde nicht mehr gerüttelt.

Doch es folgt eine Pointe. Ein Algorithmus sorgt dafür. Er steckt seit diesem Jahr irgendwo im Programm zur elektronischen Erstellung und Einreichung der Steuererklärung ohne Unterschrift, und er nimmt eigenmächtig die steuerpflichtigen Ehegatten in die Pflicht, dass die Steuererklärung vollständig und richtig sei. Wer die Steuererklärung elektronisch bearbeitet und eingereicht hat, spielt keine Rolle. Es kann einer der Ehegatten oder eine hilfreiche Drittperson sein, Hauptsache es war jemand mit Zugriff auf die vom Steueramt per Brief mitgeteilten Daten: den Zugangscode und die Versichertennummer. Auf Spitzfindigkeiten wie zertifizierte elektronische Signaturen lässt sich der Zürcher Fiskus nicht ein.

Ist Homeoffice besser als Heimarbeit?

Homeoffice tönt besser als Heimarbeit, weil man meinen könnte, es sei englisch. Die Engländer scheinen den Ausdruck aber nicht zu kennen. Unter Home Office verstehen sie das Innenministerium. Telecommuting, teleworking oder working from home nennen sie die moderne Form der Heimarbeit. Sie wissen eben mit ihrer Sprache etwas anzufangen. Auf Französisch wird von télétravail gesprochen. Und wir machen Homeoffice, was eigentlich blöd tönt. Wer macht schon Büro? Sprachlich ist das übrigens gar nicht so einfach. Man muss sich entscheiden zwischen Home-Office und Homeoffice (von Duden empfohlen). Und wie heisst das in der Mehrzahl? Duden meint Homeoffices, aber das braucht’s ja nicht, wer hat schon mehrere davon? Den Genetiv vergessen wir einfach. Das Verb homeofficen ist noch nicht aufgetaucht, aber das Partizip gehomeofficed wird wohl kaum lange auf sich warten lassen. Wie nennt man übrigens eine Person, die im Homeoffice arbeitet? Ist Homeofficer richtig, und sind dann alle ihre eigenen CHO oder Chiefhomeofficer? Das wäre in einem ruhigen Augenblick im Heimbüro einmal zu überlegen. Bleibt gesund!

Auf in die Kultur!

«Zu unseren Veranstaltungen kommen Leute, die sonst nichts mit Kultur zu tun haben.» Das hat kürzlich ein Kulturtätiger in einem Zeitungsinterview zum Besten gegeben. Wer nun vermutet, er habe von Veranstaltungen in fernen Ländern bei kulturfremden Eingeborenen geredet, täuscht sich. Der Mann meinte die Festspiele Zürich, deren Geschäftsführer er ist. Wie merkt man es eigentlich den Leuten an, ob sie etwas mit Kultur zu tun haben? Muss man etwa bei einem Kultur-Pisa-Test eine Mindestpunktzahl erreichen, um sich über Kulturteilhaftigkeit ausweisen zu können? Vielleicht könnte eine Kulturhaltigkeits-Etikette (A ist gut, E ist ungenügend) dem Kultursuchenden helfen, oder eine Kulturampel, entsprechend dem Lebensmittel-Ampelsystem. Kultur ist ein weites Feld, und weit wird auch bei den Festspielen Zürich der Themenkreis gezogen: Im letzten Programm beispielsweise hatte vom Bodybuilding bis zur Psychiatrie und zur Theologie vieles Platz. Nur Briefmarkensammeln blieb unberücksichtigt. Sich von jeglicher Kultur fern zu halten ist also gar nicht so einfach, besonders in einer Stadt wie Zürich, der im gleichen Interview «eine unvergleichlich reiche Kulturlandschaft» attestiert wird. Abwegige Zwischenfrage: Ist Kulturland auch ein Teil der Kulturlandschaft? Sicher gehört der öffentliche Raum dazu, dessen Bestückung mit Kunst den Stadtbehörden ein besonderes Anliegen ist. Dass man es mit Kultur zu tun hat, leuchtet zwar nicht bei allem ein, was da präsentiert wird. Aber der gute Wille ist zu anerkennen.  Fazit: Niemand wächst hierzulande fern von jeglicher Kultur auf. Spätestens beim Malen und Zeichnen im Kindergarten wird doch eine kulturelle Grundlage geschaffen. Das ist nicht Ironie, sondern ergibt sich aus dem Kindergarten-Lehrplan. Doch zurück zur Aussage über Festspielbesucher, die sonst nichts mit Kultur zu tun hätten: Liegt da etwa eine Verwechslung von Kultur mit Kulturbetrieb vor?

Naturfreuden im Stromsee

Wie das ist mit dem Strom, der aus der Steckdose kommt, erklärt das EWZ zeitgemäss mit einem Video. Es sei hier mit Worten versucht: Elektrischer Strom wird erzeugt mit Wasserkraft, Windkraft, Photovoltaik (dann ist er natürlich), oder in Kernkraftwerken (lieber nichts dazu sagen), oder auf andere Weise (beispielsweise durch Verbrennung von Kohle, Erdöl, Gas, was dem Klima schadet, aber zur Deckung des Bedarfes nötig ist, im Video aber nicht näher erläutert wird). Alle diese Quellen speisen das internationale Netz, das mit dem Stromsee symbolisiert wird. Aus diesem kommt auch der Strom für die Kunden des EWZ, der folglich ein Mischprodukt ist – für alle. Aber das EWZ verkauft ja nur natürlichen Strom, auch wenn es ein Mischprodukt liefert. Das Wunder erklärt sich dadurch, dass die EWZ-Kunden über den Stromtarif die Produktion von Strom aus erneuerbaren Quellen fördern. Sie können noch etwas mehr tun, und für Ökostrom bezahlen. Geliefert wird immer der Strommix. Wenn man sich den Stromsee als Badegewässer vorstellt (aber das ist nun nicht mehr das EWZ-Video), so kann man Badende herumplantschen sehen, von denen einige hellgrüne und andere dunkelgrüne Badekappen tragen. Das sind die EWZ-Kunden, die den Badenden ohne grüne Kappe zurufen: Hei, unser Wasser ist sauberer als eure Brühe, denn wir haben dafür bezahlt! Als Geschäftsmodell für eine Badanstalt würde das allerdings nicht taugen. Aber lassen wir das. Immerhin ist es nützlich zu wissen, womit denn das EWZ den Stromsee alimentiert. Es lieferte 2018 laut Geschäftsbericht 2247 GWh Wasserkraft,  2233 GWh aus Kernkraftwerken, 328 GWh Windkraft, 27 GWh Solarenergie und 80 GWh aus verschiedenen anderen Quellen. Wasserkraft und Windkraft zusammen hätten noch nicht gereicht, um den Stromverbrauch der Stadt Zürich zu decken, wobei die Windkraft zur Hauptsache ohnehin nicht zu den Zürchern fliesst; denn die meisten Windräder stehen in Nordeuropa an einem andern Stromsee. Nun wird aber 2020 alles neu, oder wenigstens der Stromtarif des EWZ. Man kann nun wählen zwischen «natur», «pronatur» und «econatur». Nicht angeboten wird «pseudonatur», obwohl sich an der gelieferten Mischung aus dem Stromsee wenig ändert.

Wagner zerfetzt

Wagner ist nicht mehr zeitgemäss. Das ist ein Problem für Bayreuth. Dort sieht man die Lösung darin, dass Regisseure engagiert werden, die aus Wagners Opern etwas Zeitgemässes zu machen suchen. Nehmen wir als Beispiel «Tannhäuser»: Im ersten Akt langweilt sich der Ritter Tannhäuser nach des Komponisten Vorstellung in einer Grotte der Wollust, von der Liebesgöttin Venus höchstpersönlich betreut, und verkündet, dass er genug habe. Bewundernswert die orgiastische Phantasie, mit der Wagner die Szenerie im Libretto beschreibt. Eigentlich liesse sich das noch heute bühnenwirksam umsetzen. Nur darf und will doch der heutige Regisseur nicht so, wie es der Komponist gewollt hat. Ausserdem hat man das ja schon gesehen – und Orgiastisches wird heute allenfalls in Opern präsentiert, in denen der Komponist das nicht vorgesehen hat. Also erscheint Tannhäuser heute als trauriger Clown, der unterwegs ist mit einer Tingeltangeltruppe unter Führung einer Schönen in glitzerndem Hosendress. Sie fährt einen alten Van, dem das Benzin ausgeht. Die Kumpanen – eine pompöse Dragqueen und ein Kleinwüchsiger mit Blechtrommel – machen sich jetzt nützlich, indem sie auf einem Parkplatz mit dem Siphontrick Benzin aus einem fremden Auto klauen. Die Truppe wird immer übermütiger, überfährt nebenbei auch einen Ordnungshüter, was dem Clown aber je länger desto weniger gefällt, weshalb er schliesslich aus dem Roadmovie aussteigt. Wirklich ein munterer Einstieg in die Thematik der Oper, nämlich den Zwiespalt zwischen den Gefühlen hehrer Liebe und wollüstiger Triebe und die Vergebung der Sünden. Der Effekt wird nur dadurch beeinträchtigt, dass die Protagonisten Wagner singen und der traurige Clown die Tingeltangelschönheit als Göttin anhimmeln muss.

Der Regisseur aber will ja gar nichts Zeitgemässes aus Wagner machen. Er zieht vielmehr alle Register, um die Oper zur Farce werden zu lassen, und parodiert nicht nur den Bayreuther Festspielrummel, sondern stellt mit der Dragqueen die Verkörperung der Parodie an sich auf die Bühne. Der Blechtrommler allerdings hat so viel Taktgefühl, dass er die Oper nicht zertrommelt.  Aber am Schlusse wird dann doch Wagner richtig erledigt. Elisabeth, der alles Sehnen Tannhäusers galt, wartet vergeblich auf die Rückkehr des reuigen Sünders aus Rom, wohin sie ihn zur Busse geschickt hat, gibt sich dem Rivalen Wolfram von Eschenbach hin (explizit) und bringt sich um. Tannhäuser, verspätet zurück von Rom, wo ihm christliche Gnade und Vergebung der Sünden nicht gewährt worden ist, zerfetzt die Partitur der Oper und wirft sie ins Feuer.  Schluss? Nein, es geschieht ja – heilige Elisabeth! – noch ein Wunder, durch das der Sünder Gnade findet und stirbt: «Hoch über aller Welt ist Gott, und sein Erbarmen ist kein Spott! Halleluja! Halleluja! Halleluja!» – Man versteht den Jubel, da es gar nicht so einfach ist, auf Gott einen Reim zu finden.