Wagner zerfetzt

Wagner ist nicht mehr zeitgemäss. Das ist ein Problem für Bayreuth. Dort sieht man die Lösung darin, dass Regisseure engagiert werden, die aus Wagners Opern etwas Zeitgemässes zu machen suchen. Nehmen wir als Beispiel «Tannhäuser»: Im ersten Akt langweilt sich der Ritter Tannhäuser nach des Komponisten Vorstellung in einer Grotte der Wollust, von der Liebesgöttin Venus höchstpersönlich betreut, und verkündet, dass er genug habe. Bewundernswert die orgiastische Phantasie, mit der Wagner die Szenerie im Libretto beschreibt. Eigentlich liesse sich das noch heute bühnenwirksam umsetzen. Nur darf und will doch der heutige Regisseur nicht so, wie es der Komponist gewollt hat. Ausserdem hat man das ja schon gesehen – und Orgiastisches wird heute allenfalls in Opern präsentiert, in denen der Komponist das nicht vorgesehen hat. Also erscheint Tannhäuser heute als trauriger Clown, der unterwegs ist mit einer Tingeltangeltruppe unter Führung einer Schönen in glitzerndem Hosendress. Sie fährt einen alten Van, dem das Benzin ausgeht. Die Kumpanen – eine pompöse Dragqueen und ein Kleinwüchsiger mit Blechtrommel – machen sich jetzt nützlich, indem sie auf einem Parkplatz mit dem Siphontrick Benzin aus einem fremden Auto klauen. Die Truppe wird immer übermütiger, überfährt nebenbei auch einen Ordnungshüter, was dem Clown aber je länger desto weniger gefällt, weshalb er schliesslich aus dem Roadmovie aussteigt. Wirklich ein munterer Einstieg in die Thematik der Oper, nämlich den Zwiespalt zwischen den Gefühlen hehrer Liebe und wollüstiger Triebe und die Vergebung der Sünden. Der Effekt wird nur dadurch beeinträchtigt, dass die Protagonisten Wagner singen und der traurige Clown die Tingeltangelschönheit als Göttin anhimmeln muss.

Der Regisseur aber will ja gar nichts Zeitgemässes aus Wagner machen. Er zieht vielmehr alle Register, um die Oper zur Farce werden zu lassen, und parodiert nicht nur den Bayreuther Festspielrummel, sondern stellt mit der Dragqueen die Verkörperung der Parodie an sich auf die Bühne. Der Blechtrommler allerdings hat so viel Taktgefühl, dass er die Oper nicht zertrommelt.  Aber am Schlusse wird dann doch Wagner richtig erledigt. Elisabeth, der alles Sehnen Tannhäusers galt, wartet vergeblich auf die Rückkehr des reuigen Sünders aus Rom, wohin sie ihn zur Busse geschickt hat, gibt sich dem Rivalen Wolfram von Eschenbach hin (explizit) und bringt sich um. Tannhäuser, verspätet zurück von Rom, wo ihm christliche Gnade und Vergebung der Sünden nicht gewährt worden ist, zerfetzt die Partitur der Oper und wirft sie ins Feuer.  Schluss? Nein, es geschieht ja – heilige Elisabeth! – noch ein Wunder, durch das der Sünder Gnade findet und stirbt: «Hoch über aller Welt ist Gott, und sein Erbarmen ist kein Spott! Halleluja! Halleluja! Halleluja!» – Man versteht den Jubel, da es gar nicht so einfach ist, auf Gott einen Reim zu finden.  

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert