Was haben die Künstler Cuno Amiet und Robert Zünd gemeinsam? Sie haben vor kurzem und immerhin einige Zeit nach ihrem Tod das Geschlecht gewechselt bekommen. Gleich vielen andern sind sie im Kunsthaus Zürich in den Apparat der Gendersprache geraten. Und da gibt es eben Probleme um Künstler:innen und Kunstschaffende. Zu deren Entwirrung ist der schlechtestmögliche Weg gewählt worden: Jeder Künstler (m.) ist in eine Kunstschaffende (f.) verwandelt worden. Und so steht dann über einer Bildbeschreibung «Kunstschaffende: Cuno Amiet». Und das ist einfach falsch. Eine Kunstschaffende ist eine Künstlerin, ein Kunstschaffender ist ein Künstler, da hat die Gendersprache nichts daran zu ändern. Nach dem Tod sind sie übrigens nicht mehr schaffend. Da wären sie Kunstgeschaffenhabende.
Kategorie: Sprachliches
Tschuggerei
Dank einer Schweizer Fernsehserie glauben viele Leute, «Tschugger» sei original Walliser Deutsch für Polizist. Nun mag die Fernsehproduktion ja lustig sein (etwa da, wo der etwas schmalbrüstige Kollege aus Zürich in der Kloake hockt und ihm der Walliser Tschugger über den Kopf pisst), doch der Ausdruck hat nichts mit sprachlicher Eigenständigkeit des Volkes am Rotten zu tun. Das beweist die Zürcher Tschugger-Affäre aus dem Jahre 1936. Unter dem Datum vom 18. Juni zitierte damals die NZZ eine Meldung der Schweizerischen Depeschenagentur: «Der Polizeirichter hat den in Zürich vielfach gebräuchlichen Dialektausdruck ‘Tschugger’ (für Polizist) als Beschimpfung bezeichnet und eine 17jährige Tochter verwarnt, die verzeigt worden war, zu ihrer Begleiterin gesagt zu haben: ‚Lueg, da chunnt en Tschugger.’» Das spreche nun nicht gerade von Grosszügigkeit und Humor des Polizeirichters, schrieb dazu der Lokalredaktor Edwin Arnet in einer Glosse. Und er sah unabsehbare Konsequenzen einer solchen Haltung. Man müsste beispielsweise die gesamte Schuljugend des Kantons Bern einsperren, die den Lehrer als «Leischt» bezeichnet, und nicht besser würde es der zürcherischen Schuljugend gehen, die den Schulabwarten «Schwartli» sage und die Strassenreiniger als «Strassenbütschgi» apostrophiere; dem folgte eine Aufzählung weiterer Dialektausdrücke, wegen derer man doch nicht immer gleich zum «Kadi, pardon, zum Richter» laufen könne. Die Glosse hatte ein starkes Echo, es gab zahlreiche Zuschriften, und der Zürcher Polizeirichter konnte sich nicht über mangelnde Beachtung beklagen, fand aber wenig Verständnis. Der Redaktor des Schweizerischen Idiotikons äusserte sich und wies auf die jenische Herkunft des Wortes Tschugger hin und seinen Gebrauch in den städtischen Mundarten von Zürich, Bern und St. Gallen; er steuerte aber auch einen Vierzeiler aus dem bernischen Volksliederschatz bei, in dem es heisst:
«Mueter, was si das für Mannli
Die so krummi Säbeli hei?»
«Kind, das sie die Tschuggermannli,
Die so krummi Säbeli hei.»
Ein anderer Leser erinnerte sich, dass er im Jahre 1893 oder so von einem Wächter der öffentlichen Ordnung gestellt und gerügt wurde, weil er den Ausdruck «Polüp» gebraucht hatte. – Insgesamt findet sich in den Zuschriften eine reiche Auswahl weiterer mehr oder weniger despektierlicher Bezeichnungen für die Polizei. Nachzutragen bleibt, dass 1954 das Berner Obergericht es nicht als strafbare Beschimpfung betrachtete, einen Landjäger als Tschugger zu bezeichnen, während etwa zur selben Zeit Aargauer Richter «Schroter» als nicht tolerierbar beurteilten. Was nun das Wallis betrifft, so ist nicht belegt, dass der Ausdruck «Tschugger» dort besonders gebräuchlich gewesen wäre. Hingegen gibt es auf Walliser Deutsch das Adjektiv «tschugg»: es bedeutet betrunken. Könnte das etwas mit dem Fernseh-Tschugger zu tun haben?
Attitude oder Attitüde
Die Fernsehwerbung möchte man oft am liebsten überspringen, auch wenn das den Fernsehanstalten wegen der Werbegelder nicht passt. Aber es gelingt nicht immer; und so prägt sich davon doch das eine oder andere ein – beispielsweise die fünfköpfige Familie, die sich monatelang Abend für Abend aus unerklärlichen Gründen nach hinten fallen lassen musste, offenbar im Auftrag einer Krankenversicherung. Das ist jetzt abgelöst worden durch Gruyèrekäse, dessen Geschmack der Schweiz seit 1115 anhaftet, wenn man der Werbung glaubt. Die Schweiz wurde wohl in der Käserinde geboren. Anno 1115 gehörte das Greyerzerland allerdings zu Burgund, und die alten Eidgenossen hatten sich noch nicht formiert, machten aber wohl bereits ihren eigenen Käse, wie die Glarner, deren Schabziger schon ums Jahr 800 bekannt gewesen sein soll. Doch dieser Exkurs lenkt ab von der TV-Werbung, also weg vom alten Käse und back to the future. Denn die drängt sich nun auf den Bildschirm mit dem Slogan „Future is an attitude“. Damit wird etwas aufgewärmt, was zwar nicht gerade alter Käse ist, aber doch Schnee von gestern (zugegeben: eine gewagte Metapher). „Beauty is an attitude“ ist eine Aussage, die der 1997 gestorbenen Kosmetik-Unternehmerin Estee Lauder zugeschrieben wird. Sie meinte damit, dass jede Frau schön sein könne, es sei nur eine Frage ihrer Einstellung. Damit setzte die Amerikanerin ihren Schlusspunkt zur Diskussion über Schönheit, die seit der Antike in der Philosophie gewaltet hatte. Das überzeugte umso mehr, als damit über Schönheit gar nichts ausgesagt war. Doch dann kam „elegance is an attitude“ – eine vertretbare Abwandlung, die mit Karl Lagerfeld in Verbindung gebracht und durch die Uhrenmarke Longines verbreitet wurde. Mit Bild und Unterschrift von Kate Winslet versehen stimmte der Slogan: Eleganz ist eine Haltung, die Personen zugeschrieben werden kann. Uhren allerdings, so elegant sie auch sein mögen, geben sich nicht eine Haltung. Und was ist nun mit der Zukunft, die von der Werbung als Haltung deklariert wird? Auf Englisch muss das natürlich geschehen, damit es wichtiger tönt. Dumm ist nur, dass „future is an attitude“ etwas abgegriffen wirkt nach „beauty“ und „elegance“. Schlimmer: Zukunft verbindet sich heute bei vielen Menschen mit Vorstellungen, bei denen es um Existenzielles geht, nicht nur um eine Frage der Haltung. Mit „future is an attitude“ ist eine Automarke bei einem Slogan angelangt, der bloss noch werberische Attitüde ist. Nun warten wir auf etwas wie „cheese is an attitude“.
Disharmonie in G
Einen Begriff zu haben wäre manchmal schön. Aber heutzutage werden einem häufig nur sprachliche Codes serviert, beispielsweise diese mit G. Dass solche Codes sich rasch in der Alltagssprache breit machen, dafür sorgen die Medien. Zwar sind Journalisten auch nur Menschen, und gelegentlich versuchen sie es darum mit bildlichen Ausdrücken. Gern verwendet wird gegenwärtig das Bild vom Nadelöhr, das entschärft werden sollte. Bei einem unscharfen Nadelöhr hätte es dann wohl Luft nach oben, und vielleicht ginge das biblische Kamel eher hindurch, doch das gehört hier nicht zur Sache. Zurück zum G-Thema! Bis vor nicht allzu langer Zeit sorgte vor allem 5G für Unruhe. Das ist ein Mobilfunkstandard der 5. Generation (aha, darum G), der an vielen Orten auf Opposition stösst – was allenfalls zu einem Nadelöhr in der Mobilfunkversorgung führen könnte. Aber lassen wir das und wenden uns dem oder den G aus der Welt der Pandemie zu, der Covid-19-Seuche also. G kann hier für dreierlei stehen, nämlich für geimpft, genesen oder getestet. Was bedeutet also 2G, 2G+ oder 3G? Auf dem eidgenössischen Coronavirusplakat des Bundesrates wird es so erklärt: 3G meint „Geimpfte, Genesene und Getestete“, 2G gilt für „Geimpfte und Genesene“, und bei 2G+ geht es um „in den letzten vier Monaten Geimpfte/Genesene oder Geimpfte/Genesene mit negativem Test“. Was ist jetzt eigentlich mit den gar nie Erkrankten, die darum auch nicht Genesene sind? Genügt etwa bei 2G auch nur 1 G, nämlich für geimpft oder genesen? Und kommt es auch bei 3G eigentlich nur auf eines der drei G an? Bei 2G+ scheint je nach dem Lauf der Zeit 1 G zu genügen, sofern man unter Geimpften/Genesenen nur Geimpfte oder Genesene oder Geimpfte und Genesene versteht, wobei das Plus „getestet“ bedeutet und zum erforderlichen G wird, wenn die andern G älter als vier Monate sind. Ist das jetzt alles klar? Im Zweifelsfall muss das eben mit dem Türsteher vor dem Partylokal durchdiskutiert werden. Eine andere Frage ist, was den Romands zugemutet wird, weil der Bundesrat sich nicht darum gekümmert hat, dass „personnes vaccinées, guérises ou testées“ sprachlich nur mit einem G etwas anfangen können. Und auf Italienisch ist es auch nicht besser. Müsste diese Verletzung des Verfassungsartikels betreffend die Landessprachen nicht die Treicheln (mindestens 2T) zum Klingen bringen? Wichtig zu wissen ist, dass unsachlicher Umgang mit 2G, 3G oder 2G+ dazu führen kann, dass die IPS zu einem Nadelöhr für die medizinische Versorgung werden können. (Wer IPS nicht versteht, soll sich endlich impfen lassen und dann zu Hause bleiben.) Noch etwas: Laut Google findet sich ein vollständiges Angebot zu 3G, 4G oder 5G im Fachhandel – halt, da sind wir wieder beim Mobilfunk. – Was bedeutet eigentlich G-Dur?
Bewerber(innen) gesucht
Erschienen am 19.11.1983 in der NZZ unter «Nebenbei notiert»
bl. Doch, doch, es werden Fortschritte gemacht auf dem Wege zur Gleichberechtigung der Geschlechter, auch wenn die «Frauenlohngleichheit» (vgl. NZZ Nr. 265) noch Probleme aufwirft, juristische und sprachliche, denen sich nun aber das Verwaltungsgericht nach dem Entscheid des Bundesgerichtes nicht mehr verschliessen darf. Immerhin bemüht sich die Verwaltung, wenigstens in Stellenausschreibungen eine Diskriminierung des einen oder andern Geschlechtes durch die Berufs- oder Amtsbezeichnung zu vermeiden. Ganz hat sich diese Entdiskriminierung (um das einmal so auszudrücken) allerdings noch nicht durchgesetzt. So sind kürzlich im Amtsblatt des Kantons Zürich folgende offene Stellen ausgeschrieben worden: Notar-Stellvertreter(in), Verwaltungsangestellte(r), Adjunkt(in), Steuersekretär(in), Chef(in) Einwohnerkontrolle ‒ und Gemeindearbeiter. Man kann sich also für fast alle Stellen sowohl als auch Bewerber(innen) vorstellen, nur wo es um die Betreuung der Anlagen und Strassen einer Gemeinde geht, wird für die als interessant und abwechslungsreich bezeichnete Aufgabe ausdrücklich ein jüngerer Mann gesucht und eine Frau ob jünger oder älter nicht in Erwägung gezogen. Lässt die Bundesverfassung das eigentlich noch zu?
Der Anwärter als problematische Person
Erschienen am 22.11.1984 in der NZZ unter «Nebenbei notiert»
bl. Kann als Anwärter auf eine Lehrstelle in einem Notariat auch eine nicht mehr den Jugendlichen zuzurechnende Person in Frage kommen? Und wenn ja – unter welchem Begriff fasst man die in Betracht fallenden Individuen zusammen? Dieses Problem hatte der Kantonsrat bei der Redaktionslesung des Notariatsgesetzes zu lösen, und er schaffte es, indem er sich in einem einwandfreien Abstimmungsverfahren (zwei Eventual- und eine Hauptabstimmung) für den Ausdruck «Lehrlinge» entschied. Die vorberatende Kommission hatte «geeignete Jugendliche» im Auge gehabt, die Redaktionskommission «geeignete Anwärter» empfohlen, «geeignete Personen» waren von einer freisinnigen Kantonsrätin in die Diskussion geworfen worden. Auch eine Progressive hätte lieber von Personen als von Anwärtern gesprochen, weil «Anwärter» männlichen Geschlechts sei und auf Frauen oder Mädchen nicht angewendet werde könne.
Ein Mitglied des Kantonsrates erklärte in dieser aufschlussreichen Debatte, der Ausdruck «Person» passe eigentlich nicht so recht in einen Gesetzestext. Dabei ist ja die Person, sowohl die natürliche als auch die juristische, im Schweizerischen Zivilgesetzbuch (ZGB) aus dem Jahre 1907 fest verankert. Sogar der Ausdruck «Mensch» kommt im ZGB vor, der in der Gesetzgebung sonst eher vermieden wird. Aus dem ZGB lässt sich rechtlich unzweifelhaft ableiten, dass jeder Mensch (Maskulinum) eine Person (Femininum) ist, ob er nun Frau oder Mann sei. Der heutige Geschlechtsfetischismus hat allerdings dazu geführt, dass solche Dinge bezweifelt werden, weil manche Leute offenbar Mühe haben, den Unterschied zwischen grammatischem und biologischem Geschlecht zu erfassen. Die würden dann sagen, dass nur eine Menschin als Person gelten könne, während der Mensch ein Persönerich sei.
Verflixte Verimpfung
Ich möchte nicht Deutsch lernen müssen. Einen Text mit «ich» zu beginnen finde ich zwar fragwürdig; aber hier war es am einfachsten. «Deutsch lernen zu müssen ist etwas, was ich nicht tun möchte» wäre mir zu geschraubt gewesen, abgesehen von der Frage, ob nicht «etwas, das ich nicht tun möchte» statt «was ich nicht tun möchte» richtig gewesen wäre. Doch das Kapitel über die relativen Anschlüsse kommt später im Deutschunterricht. Zunächst will man ja einige der wichtigsten Verben lernen, wie etwa «essen». Stark konjugiert, also nicht essen, esste, gegesst, sondern essen, ass, gegessen. Das kann man sich beispielsweise beim Apfelessen gut einprägen, indem man Biss für Biss die Kaubewegung mit «essen, ass, gegessen» begleitet. Nur gedanklich, nicht laut aussprechen! Ein Apfel müsste genügen. Ist er gegessen, sollte man es nicht mehr vergessen. Aber gegessen, vergessen – was ist jetzt das mit dieser Vorsilbe? Was für eine Form von «essen» ist «vergessen»? Gar keine. Es gibt auch kein Verb «gessen». Der entsprechende Wortstamm ist in der grauen Vorzeit der germanischen Sprachentwicklung verloren gegangen (verloren – noch so ein Fall!). Zwischenbemerkung: Das Verb «gissen» gehört zur seemännischen Fachsprache und hat mit alten Methoden der Positionsbestimmung zu tun; hatte sich der Navigator vergessen und sich vergisst, so war das vertrackt; als Laien können wir es aber vergessen. Hingegen kommt nun ein anderes Problem auf uns zu, nämlich die Verimpfung. Das Wort, zusammen mit dem Verb «verimpfen», erscheint jetzt pandemisch in den Medien. Da heisst es vorsichtig sein, denn wenn die Vorsilbe ver- auftaucht, denkt man unwillkürlich, es sei etwas schief gelaufen oder missraten, die Sache sei verbummelt oder verpfuscht worden. Das muss beim Verimpfen nicht unbedingt der Fall sein. Wenn mit dem verimpften Impfstoff ordnungsgemäss geimpft worden ist, so ist das kein Problem. Aber als zu Impfender möchte ich nicht verimpft, sondern richtig geimpft werden. Verimpfen heisst impfend verbrauchen. Dazu ist das Vakzin da. Die Impfwilligen hingegen sind nicht verimpfbar.
Und dann wäre da noch etwas Ästhetisches beizufügen. Nach einer zuverlässigen Quelle aus dem Jahre 1956 gab es damals eine dichterische Bewegung gegen das unschöne «Empf-» im poetisch wichtigen Wort Empfindung, das deshalb durch Entfindung ersetzt wurde (Nebelspalter Band 82 Heft 22). Und schöner als Impfung wäre doch auch Intfung. Denn was heisst eigentlich Pfung?
Bergbau und Prostituierte
Leicht beeinander wohnen im Internet die Dinge: Man sucht das eine und findet dieses und jenes. So ist es auch zu diesem Text gekommen. Eigentlich ging es darum, mehr zu erfahren über das Katastrophengebiet in der norwegischen Gemeinde Gjerdrum, wo die Erde wegsackte unter einem Wohngebiet und die Häuser verschwanden im Untergrund, der aus Fliesston (englisch Quick Clay) bestand, einem Lehm, der sich unter Belastung verflüssigen kann. Die Zeitungen berichten über die schwierigen Rettungsarbeiten und die Anteilnahme der Königsfamilie; zu den Ursachen wird vor allem ein norwegischer Experte zitiert, der gesagt haben soll, der Erdrutsch könnte auf natürliche Art oder durch den Bergbau ausgelöst worden sein. Die Suche im Internet ergibt, dass die problematische Bodenbeschaffenheit im Katastrophengebiet bekannt war. Hingegen findet sich kein Hinweis darauf, dass Bergbau betrieben würde in der Region, zu der Gjerdrum gehört. Wie also kam der zitierte Experte dazu, von möglichen Folgen des Bergbaus zu sprechen? Er äusserte sich wohl mehr so allgemein darüber, was theoretisch in Zusammenhang mit Fliesston zu bedenken wäre. Ein Experte muss ja etwas von seinen Kenntnissen kundtun, auch wenn er konkret nichts sagen kann. Für die Gerüchte sorgen dann die Medien. Doch das Thema Bergbau kann hier als erledigt betrachtet werden. Und Prostituierte haben ohnehin nichts mit der Sache zu tun. Sie werden nur hineingezogen, wenn Google den norwegischen Text einer Website über Gjermund ins Deutsche übersetzt. Da kann man dann lesen, welcher Prostituierten die Gemeinde zugehört. Gemäss Google-Übersetzung scheinen in der norwegischen Kirche die Prostituierten eine besondere Bedeutung zu haben – die Prosti, heisst es auf Norwegisch und bedeutet etwa soviel wie Kirchenkreise. Das Wort ist sprachlich verwandt mit Propstei im Deutschen. Aber das andere liegt lautlich näher. Honi soit qui mal y pense! Jedenfalls denkt sich der übersetzende Algorithmus nichts dabei, wenn er der norwegischen Kirche Prostituierte beschert.
Von Testungen und Küssungen
Mit einem Protestsong wendet sich der österreichische Musiker Thomas Gansch gegen die Inflation des Ausdrucks «Testungen». (Wer Thomas Gansch noch nicht kennt, soll sich schleunigst im Internet über ihn informieren, beispielsweise auf YouTube.) Man ist geneigt, ihm zuzustimmen. Mit Covid 19 hat sich das Wort «Testungen» pandemisch verbreitet – vor allem in der österreichischen Presse. Warum genügt denn «Tests» nicht oder «das Testen»? Das ist ja damit gemeint. Nachforschungen haben allerdings ergeben, dass die Testung samt ihrem Plural Testungen nicht mit dem verheerenden Virus aus China oder anderswoher in die deutsche Sprache eingeschleppt worden ist. Im Duden und in andern Wörterbüchern ist «Testung» schon viel länger verzeichnet. Beim Durchsuchen digitalisierter alter Zeitungsbestände finden sich Belege für den Gebrauch etwa seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Der Algorithmus, der dafür verwendet wird, ist allerdings ein Tölpel. Bei älteren Texten verwechselt er häufig «Festungen» mit «Testungen». In der NZZ geriet er im Kampf mit der schlecht digitalisierten Fraktur-Schrift untere anderem bei «Bestellung», «Deckung», «Einstellung», «Leistungen», «Öffnungen», «Segnungen», «Stiftungen», «Zeitung» auf die vermeintliche Fährte von «Testung» oder «Testungen», und einem Sterbenden liess er die «Testungen unserer hl. Religion» statt ihrer Tröstungen zuteil werden. Und da schliesst sich der Kreis: Was dem Mediziner die Testungen, sind dem Frommen die Tröstungen – der heilige Trost der Religion genügt offenbar nicht. Spezialisten werden darlegen, dass solche sprachliche Differenzierungen sinnvoll und nötig seien. Woran würde man sonst einen Spezialisten erkennen, wenn er nicht sein eigenes Vokabular hätte? Da kann man sich nur wundern, dass die Stiftung Warentest seit mehr als einem halben Jahrhundert besteht ohne den Ausdruck «Testungen» zu verwenden. Aber sie testet ja auch nur Konsumgüter und keine Mikroben. Leider ist der Sprachgebrauch nicht logisch, und so versucht man es am besten mit Vergleichen: vielleicht mit «Fest – festen – Festung»? Au, das ging daneben. Aber «Kuss» und «Test» sind zwei morphologisch vergleichbare Substantive; davon sind die Verben «küssen» und «testen» abgeleitet, die als «das Küssen» und «das Testen» substantivisch verwendet werden können. Und was ist mit «Küssungen»? Diesen Ausdruck sucht man heutzutage vergeblich in Wörterbüchern, im Gegensatz zu «Küsserei». Aber immerhin widmete Angelus Silesius 1657 der «Küssungs Begierde» ein Epigramm. Und Johannes Praetorius erwähnt 1668 die «Küssung des Bocks» als eine der «Verrichtungen» auf dem Blocksberg in der Walpurgisnacht. Ganz im Gegensatz dazu stand die verschiedentlich genannte «Küssung eines Creutzes» als Bestätigung eines Eidschwures. Und im Jahre 1728 behandelte ein Berliner Werk zur «Ceremoniel-Wissenschaft» die Frage, ob «bey denen Damen, die von einem ziemlich hohen Alter, mehr mit einem Kuß auf die Wangen, oder mit Küssung der Hand gedienet sey». Das alles blieb jedoch im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm unberücksichtigt. Sie hatten eben noch keine digitale Suchmaschine. So verschwanden die Küssungen aus dem deutschen Wortschatz. Dass dafür die Testungen aufgekommen sind, ist keine Tröstung.
Unerwünschte Nachhaltigkeit
Vor etwa drei Jahrzehnten ereignete sich ein epochaler Übersetzungsfehler. Es war die Zeit, da in der UNO das Thema Umwelt dringlich wurde. Da kam der Begriff «sustainable development» auf; umgekehrt wurde aber auch auf Vorgänge hingewiesen, die «unsustainable» waren, wie etwa bestimmte Produktionsformen. An der Umweltkonferenz von Rio im Jahre 1992 wurde «sustainability» schliesslich zum Leitbegriff der Sorge um die Umwelt. Leider war er schwer zu übersetzen, denn das englische Verb «sustain», das ihm zugrunde liegt, ist vieldeutig. Es gibt kein deutsches Wort, das dazu deckungsgleich ist. Hilfe kam von der Forstwirtschaft: Dort hatte sich schon vor Jahrhunderten das Konzept einer Waldbewirtschaftung entwickelt, die Nutzung mit Erhaltung des Waldes verband, wofür im frühen 18. Jahrhundert der Begriff «Nachhaltigkeit» geprägt wurde. Und der schien dann gerade handlich als Übersetzung von «sustainability». Das war leider verfehlt. Denn es führte dazu, dass nachhaltige Entwicklung oder Nachhaltigkeit schlechthin als etwas Positives verstanden wurde. Dass eine Wirkung nachhaltig ist, sagt aber eigentlich nichts darüber aus, ob sie erwünscht oder unerwünscht ist. Es bedeutet nur, dass sie von Dauer ist; jedoch verrät es nichts über die Art der Wirkung. Wir haben allen Grund, mit dem Begriff der Nachhaltigkeit vorsichtig umzugehen. Das lehrt uns erneut der Wald. In Australien hat er wieder gebrannt, und dieses Jahr in besonders weitem Umfang. Und so kommentierte die Moderatorin der Fernseh-Tagesschau einen Bericht darüber mit den Worten: «Auch wenn die Brände dereinst gelöscht sind – der angerichtete Schaden ist nachhaltig». Damit hatte sie recht (abgesehen davon, dass das Futurum angezeigt gewesen wäre). Aber die Australier werden die Waldbrände und ihre Folgen nicht für sustainable halten. Eigentlich hätte sich bei der Sorge um die Umwelt im Deutschen der Begriff der Sorgsamkeit geradezu aufgedrängt. Doch weil an internationalen Konferenzen sich fast niemand um die deutsche Sprache kümmert, ist uns dann eben die Nachhaltigkeit eingebrockt worden.
Nachtrag: Eben lese ich, dass in einer Zürcher Gemeinde für den Mittagstisch der Schulkinder nachhaltiges Essen gefordert wird. Das sollte man doch hoffen – sonst haben sie ja gleich wieder Hunger.
