Vor etwa drei Jahrzehnten ereignete sich ein epochaler Übersetzungsfehler. Es war die Zeit, da in der UNO das Thema Umwelt dringlich wurde. Da kam der Begriff «sustainable development» auf; umgekehrt wurde aber auch auf Vorgänge hingewiesen, die «unsustainable» waren, wie etwa bestimmte Produktionsformen. An der Umweltkonferenz von Rio im Jahre 1992 wurde «sustainability» schliesslich zum Leitbegriff der Sorge um die Umwelt. Leider war er schwer zu übersetzen, denn das englische Verb «sustain», das ihm zugrunde liegt, ist vieldeutig. Es gibt kein deutsches Wort, das dazu deckungsgleich ist. Hilfe kam von der Forstwirtschaft: Dort hatte sich schon vor Jahrhunderten das Konzept einer Waldbewirtschaftung entwickelt, die Nutzung mit Erhaltung des Waldes verband, wofür im frühen 18. Jahrhundert der Begriff «Nachhaltigkeit» geprägt wurde. Und der schien dann gerade handlich als Übersetzung von «sustainability». Das war leider verfehlt. Denn es führte dazu, dass nachhaltige Entwicklung oder Nachhaltigkeit schlechthin als etwas Positives verstanden wurde. Dass eine Wirkung nachhaltig ist, sagt aber eigentlich nichts darüber aus, ob sie erwünscht oder unerwünscht ist. Es bedeutet nur, dass sie von Dauer ist; jedoch verrät es nichts über die Art der Wirkung. Wir haben allen Grund, mit dem Begriff der Nachhaltigkeit vorsichtig umzugehen. Das lehrt uns erneut der Wald. In Australien hat er wieder gebrannt, und dieses Jahr in besonders weitem Umfang. Und so kommentierte die Moderatorin der Fernseh-Tagesschau einen Bericht darüber mit den Worten: «Auch wenn die Brände dereinst gelöscht sind – der angerichtete Schaden ist nachhaltig». Damit hatte sie recht (abgesehen davon, dass das Futurum angezeigt gewesen wäre). Aber die Australier werden die Waldbrände und ihre Folgen nicht für sustainable halten. Eigentlich hätte sich bei der Sorge um die Umwelt im Deutschen der Begriff der Sorgsamkeit geradezu aufgedrängt. Doch weil an internationalen Konferenzen sich fast niemand um die deutsche Sprache kümmert, ist uns dann eben die Nachhaltigkeit eingebrockt worden.
Nachtrag: Eben lese ich, dass in einer Zürcher Gemeinde für den Mittagstisch der Schulkinder nachhaltiges Essen gefordert wird. Das sollte man doch hoffen – sonst haben sie ja gleich wieder Hunger.
