Der Grosse Aletschgletscher fährt nun bildlich Tram in Zürich. Er findet sich auf einem Plakat an der Scheibe hinter dem Sitz des Trampiloten. Ein Informations-Display würde hier den Tramfahrgästen zwar besser dienen, aber nun müssen sie sich eben vom eindrücklichen Bild des Gletschers begeistern lassen. Der Blick fällt vom Eggishorn her auf ihn, wie er sich breit hinaufzieht bis zum Konkordiaplatz und zum Jungfraufirn, mit Eiger und Mönch am Horizont. Man soll die Zeichen erkennen, steht darunter. Die Zeichen der Vergletscherung? Wer so etwas zu äussern wagte, müsste ganz rasch den Kopf einziehen. Sagt man Gletscher, so muss man auch Klimawandel sagen, oder zumindest daran denken. Und wer’s nicht selbst merkt, dem wird mit dem Text auf dem Plakat auf die Sprünge geholfen: «Steigen Sie aufs klimaschonende Tram um.» Das ist nun etwas verwirrlich, da ich ja schon im Tram bin. Weshalb soll ich denn jetzt umsteigen? Es wird im Kleingedruckten nachgedoppelt: «Mit Tram oder Trolleybus kommen Sie mit Elektro-Energie komfortabel ans Ziel in Zürich. Und schonen neben dem Klima gleich noch die Nerven im dichten Stadtverkehr.» Falls man sich aber im Tram oder im Trolleybus einmal nicht ganz so komfortabel fühlen sollte, weil sich zu viele klimaschonende Menschen in den Wagen drängen, die manchmal auch Abfall liegen lassen: dann einfach die Augen schliessen und sich der Elektro-Energie hingeben – aber dabei nicht etwa Gedanken an die Probleme der Energieversorgung aufkommen lassen. Und wer Zeit hat, bleibt bis zur Endstation im Tram, sucht sich dort einen Platz mit Blick auf den Grossen Aletschgletscher und fährt gleich noch einmal eine Runde. Man muss doch etwas tun fürs Klima. Ausserdem soll es gut sein für die Nerven im dichten Stadtverkehr.
Kategorie: Varia
Disharmonie in G
Einen Begriff zu haben wäre manchmal schön. Aber heutzutage werden einem häufig nur sprachliche Codes serviert, beispielsweise diese mit G. Dass solche Codes sich rasch in der Alltagssprache breit machen, dafür sorgen die Medien. Zwar sind Journalisten auch nur Menschen, und gelegentlich versuchen sie es darum mit bildlichen Ausdrücken. Gern verwendet wird gegenwärtig das Bild vom Nadelöhr, das entschärft werden sollte. Bei einem unscharfen Nadelöhr hätte es dann wohl Luft nach oben, und vielleicht ginge das biblische Kamel eher hindurch, doch das gehört hier nicht zur Sache. Zurück zum G-Thema! Bis vor nicht allzu langer Zeit sorgte vor allem 5G für Unruhe. Das ist ein Mobilfunkstandard der 5. Generation (aha, darum G), der an vielen Orten auf Opposition stösst – was allenfalls zu einem Nadelöhr in der Mobilfunkversorgung führen könnte. Aber lassen wir das und wenden uns dem oder den G aus der Welt der Pandemie zu, der Covid-19-Seuche also. G kann hier für dreierlei stehen, nämlich für geimpft, genesen oder getestet. Was bedeutet also 2G, 2G+ oder 3G? Auf dem eidgenössischen Coronavirusplakat des Bundesrates wird es so erklärt: 3G meint „Geimpfte, Genesene und Getestete“, 2G gilt für „Geimpfte und Genesene“, und bei 2G+ geht es um „in den letzten vier Monaten Geimpfte/Genesene oder Geimpfte/Genesene mit negativem Test“. Was ist jetzt eigentlich mit den gar nie Erkrankten, die darum auch nicht Genesene sind? Genügt etwa bei 2G auch nur 1 G, nämlich für geimpft oder genesen? Und kommt es auch bei 3G eigentlich nur auf eines der drei G an? Bei 2G+ scheint je nach dem Lauf der Zeit 1 G zu genügen, sofern man unter Geimpften/Genesenen nur Geimpfte oder Genesene oder Geimpfte und Genesene versteht, wobei das Plus „getestet“ bedeutet und zum erforderlichen G wird, wenn die andern G älter als vier Monate sind. Ist das jetzt alles klar? Im Zweifelsfall muss das eben mit dem Türsteher vor dem Partylokal durchdiskutiert werden. Eine andere Frage ist, was den Romands zugemutet wird, weil der Bundesrat sich nicht darum gekümmert hat, dass „personnes vaccinées, guérises ou testées“ sprachlich nur mit einem G etwas anfangen können. Und auf Italienisch ist es auch nicht besser. Müsste diese Verletzung des Verfassungsartikels betreffend die Landessprachen nicht die Treicheln (mindestens 2T) zum Klingen bringen? Wichtig zu wissen ist, dass unsachlicher Umgang mit 2G, 3G oder 2G+ dazu führen kann, dass die IPS zu einem Nadelöhr für die medizinische Versorgung werden können. (Wer IPS nicht versteht, soll sich endlich impfen lassen und dann zu Hause bleiben.) Noch etwas: Laut Google findet sich ein vollständiges Angebot zu 3G, 4G oder 5G im Fachhandel – halt, da sind wir wieder beim Mobilfunk. – Was bedeutet eigentlich G-Dur?
Denkanstrengungen
Erschienen am 02.08.1991 in der NZZ unter «Nebenbei notiert»
bl. Seit Jahren bemüht sich der Stadtrat von Zürich, den Automobilisten mit sinnigen Plakaten am Strassenrand eine gewisse Ablenkung zu bieten. Gegenwärtig werden weiss auf schwarz Merksprüche zum Stichwort Sommersmog angeboten. Eines dieser Plakate steht beispielsweise an der Witikonerstrasse bei der «Schlyfi» im Rank auf der Strassenseite ohne Trottoir. Es verkündet: «Denken strengt an – Ozon auch!». Da man dort am Strassenrand nicht verweilen kann, um auch das Kleingedruckte in Musse zu studieren, geht der Rest der Botschaft verloren, und es bleibt ungewiss, welche Probleme der Stadtrat mit den Anstrengungen des Denkens hat.
Denken und Ozon – welche Parallelen gibt es denn da? Beim Ozon ist ein Zuviel in den unteren Sphären schädlich, in den oberen Sphären dagegen bereitet ein Mangel Sorgen. Und beim Denken? Wo beginnt da die Sphäre der Mangelerscheinungen, und wo droht das Denken schädliche Konzentrationen zu erreichen? Plant der Stadtrat etwa Massnahmen, um die Bevölkerung vor den Gefahren übermässigen Denkens zu schützen? Gibt es schon Grenzwerte? Lässt sich Denken allenfalls durch umweltfreundlicheres Umdenken ersetzen? Übrigens braucht sich der Stadtrat gar nicht unbedingt etwas gedacht zu haben bei der Schaffung der Sommersmog-Plakate. Er kann ja auch denken lassen. Das strengt weniger an.
Noch während des Nachdenkens über die plakative Botschaft taucht schon das nächste schwarze Plakat am Strassenrand auf, mit dem der Stadtrat verkünden lässt: «Auswandern nützt nichts!» Ja, wie kann der Stadtrat das denn wissen? Uns ist nichts davon bekannt, dass er schon einmal einen Versuch unternommen hätte – und ohne Probe aufs Exempel bleibt es eine offene Frage, ob es der Stadt Zürich nicht doch etwas nützte, wenn der Stadtrat auswanderte.
Wo bin ich?
GOTT SUCHT DICH. Nein, ich beginne nicht zu missionieren. Es ist einfach so, dass diese Botschaft unübersehbar auf dem Dach eines sonst unauffälligen Gebäudes steht, an dem ich seit Jahrzehnten immer wieder einmal vorbeikomme. Und sie hat mich immer irritiert. Wahrscheinlich hängt es zusammen mit der Erinnerung an erste frühkindliche Begegnungen mit dem Transzendentalen. Das war jeweils abends, wenn die Stunde kam, da brave Kinder mit gefalteten Händchen im Bettchen lagen und «Ich ghöören es Glöggli» sangen. (Das sei wohl vergangenes Kulturgut, dachte ich, tippte den Text aber versuchsweise doch einmal bei Google ein – und fast schlagartig präsentierte die Suchmaschine um die hundert Ergebnisse, samt einer Karaoke-Version.) Die entscheidende Stelle in dem Kinderlied heisst: «De Liebgott im Himmel wird au bii mer sii!» Und das kam dem durchaus rational denkenden Kind immer eigenartig vor: Wenn er oben war im Himmel und es unten im Kinderzimmer, wie konnte er dann bei ihm sein? Und zugleich noch bei allen andern Kindern, die «Ich ghöören es Glöggli» sangen? Und wenn es dem Kind geschah, dass es aus einem schlimmen Traum erschreckt aufwachte, aus dem Bettchen floh und in einer Ecke des dunkeln Kinderzimmers keinen Ausweg fand, dann war ja auch nie der liebe Gott da, sondern die liebe Mamma, die tröstend die Kinderwelt wieder in Ordnung brachte. Die Skepsis gegenüber der göttlichen Suchmeldung vom Dach ist also tief verwurzelt. Würde dieser Gott seine Menschenkinder kennen, so müsste er doch nicht für und für auf der Suche nach ihnen sein. Und wäre er in der digitalen Welt angekommen, so sollte er doch einen Suchalgorithmus beherrschen, mit denen er alle fände, die im Netz wären – oder zumindest jene, die der App Gottes die Berechtigung zur Abfrage ihres Standortes erteilt hätten. Vielleicht ist aber auch die Formulierung der Botschaft auf dem Dach misslungen, und sie sollte einfach ergebnisoffen lauten: Gott, wir suchen Dich.
Ein Tram, ein Tram!
Es scheint ein Alptraum zu sein für die Verantwortlichen der Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ), dass ihr Unternehmen in der Öffentlichkeit zu wenig beachtet werden könnte. Mit Plakaten wird dem entgegengewirkt. Eines davon prägt uns neuerdings ein: «Tram und Bus sind aus dem Zürcher Stadtbild nicht mehr wegzudenken.» (Ja, und wenn doch? Aber dieser abwegige Gedankengang soll hier nicht weiterverfolgt werden.) Denn die frohe Plakatbotschaft lautet: «Zürich muss den ÖV nicht unter der Erde verstecken: das neue Flexity-Tram.» Es wird auf dem Plakat in aller Pracht gezeigt – zusammen mit drei düsteren Bildern von Untergrundbahnen aus unbekannten Städten, die sich darob wohl schämen müssen. Im Weltformat angeschlagen ist das unter anderem nicht weit von der Tramhaltestelle Fröhlichstrasse. Dort in der Nähe befanden sich im vorletzten Jahrhundert das Depot und die Stallungen des Zürcher Rösslitrams. Das war bis 1900 in Betrieb – als in London bereits die erste Untergrundbahn verkehrte und in Paris mit dem Bau der Metro begonnen worden war. Aber Zürich blieb ja auch nicht beim Rösslitram; vielmehr wurden die Strassenbahnen elektrifiziert, und die Fahrzeuge wurden immer länger – bis hin zum knapp 43 Meter langen blau-weissen Flexity-Wunder. Manchmal weiss man im Zürcher Stadtbild gar nicht mehr, wohin man schauen soll vor lauter unverstecktem ÖV. Draussen im Seefeld, wo früher das Rösslitram rollte, während andernorts bereits der ÖV verlocht wurde, betreiben heute die VBZ zwei Tramlinien (neu mit Flexity) und eine Trolleybuslinie; da ist immer das eine oder andere ÖV-Fahrzeug in Sichtweite. Wäre das jemandem aufgefallen ohne das Plakat der VBZ? Immerhin zeigt dieses ja auch, dass die Zürcher sich freuen dürfen über die Untergrundbahn, die sie nicht haben.
Verflixte Verimpfung
Ich möchte nicht Deutsch lernen müssen. Einen Text mit «ich» zu beginnen finde ich zwar fragwürdig; aber hier war es am einfachsten. «Deutsch lernen zu müssen ist etwas, was ich nicht tun möchte» wäre mir zu geschraubt gewesen, abgesehen von der Frage, ob nicht «etwas, das ich nicht tun möchte» statt «was ich nicht tun möchte» richtig gewesen wäre. Doch das Kapitel über die relativen Anschlüsse kommt später im Deutschunterricht. Zunächst will man ja einige der wichtigsten Verben lernen, wie etwa «essen». Stark konjugiert, also nicht essen, esste, gegesst, sondern essen, ass, gegessen. Das kann man sich beispielsweise beim Apfelessen gut einprägen, indem man Biss für Biss die Kaubewegung mit «essen, ass, gegessen» begleitet. Nur gedanklich, nicht laut aussprechen! Ein Apfel müsste genügen. Ist er gegessen, sollte man es nicht mehr vergessen. Aber gegessen, vergessen – was ist jetzt das mit dieser Vorsilbe? Was für eine Form von «essen» ist «vergessen»? Gar keine. Es gibt auch kein Verb «gessen». Der entsprechende Wortstamm ist in der grauen Vorzeit der germanischen Sprachentwicklung verloren gegangen (verloren – noch so ein Fall!). Zwischenbemerkung: Das Verb «gissen» gehört zur seemännischen Fachsprache und hat mit alten Methoden der Positionsbestimmung zu tun; hatte sich der Navigator vergessen und sich vergisst, so war das vertrackt; als Laien können wir es aber vergessen. Hingegen kommt nun ein anderes Problem auf uns zu, nämlich die Verimpfung. Das Wort, zusammen mit dem Verb «verimpfen», erscheint jetzt pandemisch in den Medien. Da heisst es vorsichtig sein, denn wenn die Vorsilbe ver- auftaucht, denkt man unwillkürlich, es sei etwas schief gelaufen oder missraten, die Sache sei verbummelt oder verpfuscht worden. Das muss beim Verimpfen nicht unbedingt der Fall sein. Wenn mit dem verimpften Impfstoff ordnungsgemäss geimpft worden ist, so ist das kein Problem. Aber als zu Impfender möchte ich nicht verimpft, sondern richtig geimpft werden. Verimpfen heisst impfend verbrauchen. Dazu ist das Vakzin da. Die Impfwilligen hingegen sind nicht verimpfbar.
Und dann wäre da noch etwas Ästhetisches beizufügen. Nach einer zuverlässigen Quelle aus dem Jahre 1956 gab es damals eine dichterische Bewegung gegen das unschöne «Empf-» im poetisch wichtigen Wort Empfindung, das deshalb durch Entfindung ersetzt wurde (Nebelspalter Band 82 Heft 22). Und schöner als Impfung wäre doch auch Intfung. Denn was heisst eigentlich Pfung?
Zungenfertigkeit
Es gibt Ratschläge fürs Leben, die man nicht in den Wind schlagen sollte. Hier etwas Bedenkenswertes aus der NZZ:
«Hat man die Auster im Mund, so dreht man sie mehrmals mit der Zunge herum und drückt sie behutsam an den Gaumen, wie um sie dem Gehirn möglichst nahe zu bringen, denn man behauptet, dass die kostbare Ausströmung der Auster das Hirn augenblicklich erreicht und ihm Kraft, Lebhaftigkeit und Fähigkeit verleihe. Dann löst man mit der Zunge den Magen der Auster von ihren andern Körperteilen – denn dieser scheinbar so einfache Organismus hat einen Magen – und verschluckt ihn als erstes ohne ihn zu kauen. Den übrigen Körper zerkaut man, allerdings nur ganz leicht, vor dem Schlucken. Hierauf hebt man die Schale und saugt den letzten Tropfen daraus.»
Das ist allerdings nicht aus dem redaktionellen Teil der NZZ, sondern von einem Inserat in der Morgenausgabe des 26. November 1952, mit dem eine bekannte Restaurantgruppe ihre lebendfrisch aus Limfjord eingetroffenen Austern empfahl. Gewährsmann für den richtigen Zungendreh war dabei der amerikanische Gastro- und Gesellschaftsjournalist Iles Brody. Die Zürcher mussten da noch etwas üben. Für einfachere Gemüter fand sich auf der gleichen Zeitungsseite übrigens eine Anzeige mit dem Ratschlag: «Quäle nie ein Tier zum Scherz, trink lieber ein Rivella.»
Bergbau und Prostituierte
Leicht beeinander wohnen im Internet die Dinge: Man sucht das eine und findet dieses und jenes. So ist es auch zu diesem Text gekommen. Eigentlich ging es darum, mehr zu erfahren über das Katastrophengebiet in der norwegischen Gemeinde Gjerdrum, wo die Erde wegsackte unter einem Wohngebiet und die Häuser verschwanden im Untergrund, der aus Fliesston (englisch Quick Clay) bestand, einem Lehm, der sich unter Belastung verflüssigen kann. Die Zeitungen berichten über die schwierigen Rettungsarbeiten und die Anteilnahme der Königsfamilie; zu den Ursachen wird vor allem ein norwegischer Experte zitiert, der gesagt haben soll, der Erdrutsch könnte auf natürliche Art oder durch den Bergbau ausgelöst worden sein. Die Suche im Internet ergibt, dass die problematische Bodenbeschaffenheit im Katastrophengebiet bekannt war. Hingegen findet sich kein Hinweis darauf, dass Bergbau betrieben würde in der Region, zu der Gjerdrum gehört. Wie also kam der zitierte Experte dazu, von möglichen Folgen des Bergbaus zu sprechen? Er äusserte sich wohl mehr so allgemein darüber, was theoretisch in Zusammenhang mit Fliesston zu bedenken wäre. Ein Experte muss ja etwas von seinen Kenntnissen kundtun, auch wenn er konkret nichts sagen kann. Für die Gerüchte sorgen dann die Medien. Doch das Thema Bergbau kann hier als erledigt betrachtet werden. Und Prostituierte haben ohnehin nichts mit der Sache zu tun. Sie werden nur hineingezogen, wenn Google den norwegischen Text einer Website über Gjermund ins Deutsche übersetzt. Da kann man dann lesen, welcher Prostituierten die Gemeinde zugehört. Gemäss Google-Übersetzung scheinen in der norwegischen Kirche die Prostituierten eine besondere Bedeutung zu haben – die Prosti, heisst es auf Norwegisch und bedeutet etwa soviel wie Kirchenkreise. Das Wort ist sprachlich verwandt mit Propstei im Deutschen. Aber das andere liegt lautlich näher. Honi soit qui mal y pense! Jedenfalls denkt sich der übersetzende Algorithmus nichts dabei, wenn er der norwegischen Kirche Prostituierte beschert.
Von Testungen und Küssungen
Mit einem Protestsong wendet sich der österreichische Musiker Thomas Gansch gegen die Inflation des Ausdrucks «Testungen». (Wer Thomas Gansch noch nicht kennt, soll sich schleunigst im Internet über ihn informieren, beispielsweise auf YouTube.) Man ist geneigt, ihm zuzustimmen. Mit Covid 19 hat sich das Wort «Testungen» pandemisch verbreitet – vor allem in der österreichischen Presse. Warum genügt denn «Tests» nicht oder «das Testen»? Das ist ja damit gemeint. Nachforschungen haben allerdings ergeben, dass die Testung samt ihrem Plural Testungen nicht mit dem verheerenden Virus aus China oder anderswoher in die deutsche Sprache eingeschleppt worden ist. Im Duden und in andern Wörterbüchern ist «Testung» schon viel länger verzeichnet. Beim Durchsuchen digitalisierter alter Zeitungsbestände finden sich Belege für den Gebrauch etwa seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Der Algorithmus, der dafür verwendet wird, ist allerdings ein Tölpel. Bei älteren Texten verwechselt er häufig «Festungen» mit «Testungen». In der NZZ geriet er im Kampf mit der schlecht digitalisierten Fraktur-Schrift untere anderem bei «Bestellung», «Deckung», «Einstellung», «Leistungen», «Öffnungen», «Segnungen», «Stiftungen», «Zeitung» auf die vermeintliche Fährte von «Testung» oder «Testungen», und einem Sterbenden liess er die «Testungen unserer hl. Religion» statt ihrer Tröstungen zuteil werden. Und da schliesst sich der Kreis: Was dem Mediziner die Testungen, sind dem Frommen die Tröstungen – der heilige Trost der Religion genügt offenbar nicht. Spezialisten werden darlegen, dass solche sprachliche Differenzierungen sinnvoll und nötig seien. Woran würde man sonst einen Spezialisten erkennen, wenn er nicht sein eigenes Vokabular hätte? Da kann man sich nur wundern, dass die Stiftung Warentest seit mehr als einem halben Jahrhundert besteht ohne den Ausdruck «Testungen» zu verwenden. Aber sie testet ja auch nur Konsumgüter und keine Mikroben. Leider ist der Sprachgebrauch nicht logisch, und so versucht man es am besten mit Vergleichen: vielleicht mit «Fest – festen – Festung»? Au, das ging daneben. Aber «Kuss» und «Test» sind zwei morphologisch vergleichbare Substantive; davon sind die Verben «küssen» und «testen» abgeleitet, die als «das Küssen» und «das Testen» substantivisch verwendet werden können. Und was ist mit «Küssungen»? Diesen Ausdruck sucht man heutzutage vergeblich in Wörterbüchern, im Gegensatz zu «Küsserei». Aber immerhin widmete Angelus Silesius 1657 der «Küssungs Begierde» ein Epigramm. Und Johannes Praetorius erwähnt 1668 die «Küssung des Bocks» als eine der «Verrichtungen» auf dem Blocksberg in der Walpurgisnacht. Ganz im Gegensatz dazu stand die verschiedentlich genannte «Küssung eines Creutzes» als Bestätigung eines Eidschwures. Und im Jahre 1728 behandelte ein Berliner Werk zur «Ceremoniel-Wissenschaft» die Frage, ob «bey denen Damen, die von einem ziemlich hohen Alter, mehr mit einem Kuß auf die Wangen, oder mit Küssung der Hand gedienet sey». Das alles blieb jedoch im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm unberücksichtigt. Sie hatten eben noch keine digitale Suchmaschine. So verschwanden die Küssungen aus dem deutschen Wortschatz. Dass dafür die Testungen aufgekommen sind, ist keine Tröstung.
Unerwünschte Nachhaltigkeit
Vor etwa drei Jahrzehnten ereignete sich ein epochaler Übersetzungsfehler. Es war die Zeit, da in der UNO das Thema Umwelt dringlich wurde. Da kam der Begriff «sustainable development» auf; umgekehrt wurde aber auch auf Vorgänge hingewiesen, die «unsustainable» waren, wie etwa bestimmte Produktionsformen. An der Umweltkonferenz von Rio im Jahre 1992 wurde «sustainability» schliesslich zum Leitbegriff der Sorge um die Umwelt. Leider war er schwer zu übersetzen, denn das englische Verb «sustain», das ihm zugrunde liegt, ist vieldeutig. Es gibt kein deutsches Wort, das dazu deckungsgleich ist. Hilfe kam von der Forstwirtschaft: Dort hatte sich schon vor Jahrhunderten das Konzept einer Waldbewirtschaftung entwickelt, die Nutzung mit Erhaltung des Waldes verband, wofür im frühen 18. Jahrhundert der Begriff «Nachhaltigkeit» geprägt wurde. Und der schien dann gerade handlich als Übersetzung von «sustainability». Das war leider verfehlt. Denn es führte dazu, dass nachhaltige Entwicklung oder Nachhaltigkeit schlechthin als etwas Positives verstanden wurde. Dass eine Wirkung nachhaltig ist, sagt aber eigentlich nichts darüber aus, ob sie erwünscht oder unerwünscht ist. Es bedeutet nur, dass sie von Dauer ist; jedoch verrät es nichts über die Art der Wirkung. Wir haben allen Grund, mit dem Begriff der Nachhaltigkeit vorsichtig umzugehen. Das lehrt uns erneut der Wald. In Australien hat er wieder gebrannt, und dieses Jahr in besonders weitem Umfang. Und so kommentierte die Moderatorin der Fernseh-Tagesschau einen Bericht darüber mit den Worten: «Auch wenn die Brände dereinst gelöscht sind – der angerichtete Schaden ist nachhaltig». Damit hatte sie recht (abgesehen davon, dass das Futurum angezeigt gewesen wäre). Aber die Australier werden die Waldbrände und ihre Folgen nicht für sustainable halten. Eigentlich hätte sich bei der Sorge um die Umwelt im Deutschen der Begriff der Sorgsamkeit geradezu aufgedrängt. Doch weil an internationalen Konferenzen sich fast niemand um die deutsche Sprache kümmert, ist uns dann eben die Nachhaltigkeit eingebrockt worden.
Nachtrag: Eben lese ich, dass in einer Zürcher Gemeinde für den Mittagstisch der Schulkinder nachhaltiges Essen gefordert wird. Das sollte man doch hoffen – sonst haben sie ja gleich wieder Hunger.
