Denkanstrengungen

Erschienen am 02.08.1991 in der NZZ unter «Nebenbei notiert»

bl. Seit Jahren bemüht sich der Stadtrat von Zürich, den Automobilisten mit sinnigen Plakaten am Strassenrand eine gewisse Ablenkung zu bieten. Gegenwärtig werden weiss auf schwarz Merksprüche zum Stichwort Sommersmog angeboten. Eines dieser Plakate steht beispielsweise an der Witikonerstrasse bei der «Schlyfi» im Rank auf der Strassenseite ohne Trottoir. Es verkündet: «Denken strengt an – Ozon auch!». Da man dort am Strassenrand nicht verweilen kann, um auch das Kleingedruckte in Musse zu studieren, geht der Rest der Botschaft verloren, und es bleibt ungewiss, welche Probleme der Stadtrat mit den Anstrengungen des Denkens hat.

Denken und Ozon – welche Parallelen gibt es denn da? Beim Ozon ist ein Zuviel in den unteren Sphären schädlich, in den oberen Sphären dagegen bereitet ein Mangel Sorgen. Und beim Denken? Wo beginnt da die Sphäre der Mangelerscheinungen, und wo droht das Denken schädliche Konzentrationen zu erreichen? Plant der Stadtrat etwa Massnahmen, um die Bevölkerung vor den Gefahren übermässigen Denkens zu schützen? Gibt es schon Grenzwerte? Lässt sich Denken allenfalls durch umweltfreundlicheres Umdenken ersetzen? Übrigens braucht sich der Stadtrat gar nicht unbedingt etwas gedacht zu haben bei der Schaffung der Sommersmog-Plakate. Er kann ja auch denken lassen. Das strengt weniger an.

Noch während des Nachdenkens über die plakative Botschaft taucht schon das nächste schwarze Plakat am Strassenrand auf, mit dem der Stadtrat verkünden lässt: «Auswandern nützt nichts!» Ja, wie kann der Stadtrat das denn wissen? Uns ist nichts davon bekannt, dass er schon einmal einen Versuch unternommen hätte – und ohne Probe aufs Exempel bleibt es eine offene Frage, ob es der Stadt Zürich nicht doch etwas nützte, wenn der Stadtrat auswanderte.

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