Verwirrende Selbstneoinvention

Selbstneoinvention scheint eine der grossen Herausforderungen unserer Zeit zu sein. Noch nie etwas davon gehört? Das kann schon sein, weil das Wort hier in einem Anfall von Kreativität mutmasslich eben neu erfunden worden ist. Dabei lesen wir täglich in der Zeitung darüber; hier einige Beispiele. «Die Autobauer müssen sich neu erfinden – und mit ihnen die Schweizer Zulieferer». Wen wundert da die Meldung: «Die klassischen Automessen müssen sich neu erfinden, um zu überleben.» Es gilt überhaupt weit herum in der Wirtschaft: «Kaufhäuser müssen sich neu erfinden», oder auch gleich die ganze Zürcher Bahnhofstrasse. «Apple will sich neu erfinden» kann nicht überraschen, denn «Jahrzehnte erfolgreiche Firmen mussten sich neu erfinden». Die Welt des Sports bleibt auch nicht unberührt: «Der HC Lugano muss sich neu erfinden» und «die GC-Verantwortlichen erklärten gestern, sie wollten sich neu erfinden.» Von den Niederungen des grünen Rasens hinauf in den Schnee: «Die Tour de Ski muss sich neu erfinden.» Auch der Mensch kann der Selbstneoinvention nicht entgehen. Von einer Schriftstellerin erfahren wir: «Sie wollte das Schreiben jedoch keinesfalls aufgeben, und so erfand sie sich neu.» War sie zuvor denn auch nur eine Erfindung? Das ist ein Einzelschicksal, aber andernorts geht es um ein Massenereignis: «Eine Legion an Wall-Street-Analysten muss sich neu erfinden.» Ist das nun Sache der einzelnen Analysten, oder besorgt es die Legion kollektiv für alle? Machen wir es kurz und erwähnen nur noch summarisch, dass sich auch Europa, die Kirche und Kasachstan neu erfinden müssen, während Pro Senectute es schon getan hat.

Und dabei geht das alles gar nicht. Dinge erfinden sich nicht selbst, sondern werden erfunden. Institutionen werden geschaffen und sind keine Selbsterfindungen. Das Hühnerei erfindet sich nicht, sondern wird gelegt, und wenn es zum Spiegelei wird, hat es sich nicht neu erfunden. Keine Regel ohne Ausnahme: Dass Künstler sich selbst als ihre eigenen Kunstwerke erfunden haben, soll schon vorgekommen sein. Wenn etwas schon besteht, kann es nicht neu erfunden werden; soll es aber ersetzt werden durch etwas Neues, dann muss das Alte verschwinden. Soll sich etwa die Kirche abschaffen, damit sie sich neu erfinden könnte, auch wenn es sie dann gar nicht mehr gäbe? Nein, das will oder soll doch alles bleiben, wenn auch nicht mehr unbedingt so, wie es jetzt ist. Die Klischee-Floskel «sich neu erfinden» gehört einfach in den Papierkorb, und Selbstneoinvention gibt es nicht. Aber vielleicht taucht es jetzt dann bei Google auf.

In die Luft nach oben gesprochen

Die Stabhochspringerin hat noch Luft nach oben. Einer Firma, die wieder auf Kurs kommen muss, geht es gleich. Auch die Fussball-Nationalmannschaft, eine Kantonalbank und ein Theaterfestival haben noch Luft nach oben, und nicht zu vergessen der Handel mit Indien und Europas Aktien. Überall Luft nach oben ‒ es war in der Zeitung zu lesen. Eigentlich ist es ja normal und gar nicht erwähnenswert, dass nach oben Luft ist. Eine Stabhochspringerin kümmert sich eher darum, wieviel Luft sie unter sich bringt. Die Fussballer hingegen sollten nicht den Boden unter den Füssen verlieren; doch selbst beim Hallenfussball müssen sie sich kaum Gedanken machen, dass die Luft nach oben begrenzt ist: einfach den Ball flach halten! Eine Firma hat sicher keine Luft mehr nach oben, wenn sie beerdigt ist, um es bildhaft zu sagen, aber das ist keine erwünschte Zielsetzung. Schwieriger zu beurteilen ist der Fall einer Kantonalbank: Bei welchen luftigen Geschäften ist die Luft nach oben von Bedeutung? Was das Theaterfestival betrifft, so lassen wir es einfach dort in der Luft wo es will, weil gängige Konventionen im Theater ohnehin in Frage gestellt werden. Für den Handel mit Indien indessen, soweit er per Luftfracht abgewickelt wird, gilt es auch auf genügend Luft nach unten zu achten. Bei Europas Aktien allerdings kann die Luft nach oben knapp werden, wenn sie in zu engen Tresoren gestapelt werden. Manchmal kann ein Bild ja auch anschaulich sein ‒ und dennoch falsch.

Abgestumpft und zugespitzt

Gegenwärtig ist die Hochwasserlage stumpf, weil die Trockenheitssituation sich zuspitzt. Stumpfe Hochwasserlage? Wer hat denn schon so etwas gehört? Aber es muss sie ja geben, denn jedesmal, wenn von der Verschärfung einer Hochwasserlage gesprochen wird, muss man doch, selbst wenn die Lage nie ganz scharf wird, auf eine Abstumpfung hoffen. Allerdings ist am Ende der Abstumpfung von der Lage vielleicht gar nichts mehr vorhanden, so dass es tatsächlich keine stumpfen Hochwasserlagen gäbe. Aber irgend eine Situation bleibt immer. Jetzt also, im Hochsommer in unserem Teil der Welt ist die Situation trockenheitsbezogen, und sie kann sich sowohl zuspitzen als auch verschärfen. Beim Zuspitzen wird eher eine Spitze erreicht als eine Schärfe bei der Verschärfung, das ist bei Wassermangel gleich wie beim Überfluss. Um präzis zu sein sollte man allerdings nicht einfach von Mangel sprechen, sondern von einer Mangelsituation. Das ist vorteilhafter, weil man eine Situation in der Griff bekommen kann. Der Mangel selbst hat eine Neigung, sich dem Zugriff zu entziehen. Es gibt eben bei manchen Situationen Lagen, die schwierig zu beurteilen sind. Aber ein starker Regen könnte jetzt helfen. Er sollte nur nicht zu Hochwasserverhältnissen führen; das wäre lagemässig ungünstig.  Man muss die Situation handhaben können, auch wenn man sie nicht in den Händen halten kann, denen sie uns nicht entgleiten sollte. Wer nun findet, dieses Blabla laufe Gefahr, sich allzu sehr zuzuspitzen, hat die Lage situativ erfasst.

Der kleinste ist der beste Nenner

«Es geht letztlich darum, den grössten gemeinsamen Nenner zu ermitteln und daraus eine gemeinsame Vision abzuleiten», erklärt der Chef eines Unternehmens, das sich neu erfinden muss, wie es in der Zeitung heisst. Auf der Erfinderlaufbahn kann er so weit kommen, nur nicht ans Ziel. Denn einen grössten gemeinsamen Nenner gibt es nicht. Hier gilt es, sich die Tücken des Bruchrechnens in Erinnerung zu rufen, in das man an der Primarschule eingeweiht wurde. In dieser Phase begann sich bei den mathematischen Hoffnungsträgern die Spreu vom Weizen zu trennen. Aber wir kommen nicht darum herum, da nochmals einzusetzen: Der Nenner ist die Zahl, die unter dem Bruchstrich steht; die Zahl darüber ist der Zähler. Will man nun beispielsweise ein Drittel und ein Viertel zusammenzählen, so gibt es ein Problem: Die beiden Brüche haben nicht den gleichen Nenner – beim Drittel steht eine 3 unter dem Strich, und beim Viertel eine 4, und so kann man sie nicht addieren. Man muss sie also zuerst auf den gleichen Nenner bringen, und da bietet sich 12 an. 12 Zwölftel sind ein Ganzes, und das lässt sich nun sowohl dritteln als auch vierteln, und die Addition ergibt dann 7 Zwölftel. Wenn man lieber einen grösseren Nenner als 12 hat, so kann man zum Dritteln und Vierteln jedes beliebige Vielfache von 12 nehmen, und das Ergebnis kann man dann kürzen (die nächste Schikane des Bruchrechnens), so dass man wieder bei 7 Zwölftel ist. Versuchen wir es also mit dem Nenner 84 oder 156 . . . nein, jetzt reichts!  Die Mathematik lehrt uns, dass es von jeder Zahl unendlich viele Vielfache gibt; die Suche nach dem grössten gemeinsamen Nenner ist also aussichtslos. Wenn also verschiedene Interessen zur Deckung gebracht werden sollen, muss man sich zusammenraufen, um den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. Damit rechnet es sich besser. Aber was soll jemand, der nach Grösse strebt, mit dem Kleinsten anfangen?

Äpfel-Birnen-Vergleich

Die Sache mit den Äpfeln und den Birnen ist heikel. Schon in vielen Diskussionen ist ein scheinbar treffendes Argument vom Tisch gewischt worden mit der Bemerkung: «Man kann doch nicht Äpfel mit Birnen vergleichen!» – Ja, warum denn nicht? Es handelt sich doch bei beiden Früchten um Kernobst, und wieso soll man sich denn nicht fragen dürfen, welche von beiden beispielsweise besser zum Käse passt? Und dem Ernährungsbewussten könnte vielleicht auch der unterschiedliche Mineraliengehalt von Äpfeln und Birnen zu denken geben. Wie kommt man denn damit zurecht, dass der Kalziumgehalt von Birnen doppelt so hoch ist wie der von Äpfeln, während es beim Natrium gerade umgekehrt ist? Gut, es gibt auch Menschen, denen es nur darauf ankommt, wie das aussieht, was der Obsthändler an Kernobst gerade im Tagesangebot hat. Auch das muss erlaubt sein. – Grundsätzlich ist es doch so, dass es keinen Sinn hat, Gleiches mit Gleichem zu vergleichen. Man möchte ja beim Vergleichen die Unterschiede herausfinden. Wenn die aber allzu gross sind, verliert das Ergebnis an Relevanz. Man kann beispielsweise auch ein Smartphone und ein Ei vergleichen: Das eine ist essbar, das andere nicht (ein wesentlicher Unterschied), es passen nicht beide gleich gut in die Westentasche, und das Smartphone hat einen Akku, während dem Ei die Energie extern zugeführt wird, beispielsweise durch einen Eierkocher. Aber diese Vergleiche bringen ja nichts, weil jemand von vornherein nicht zum Eierhändler geht, wenn er ein Smartphone kaufen will. Auf dem Obstmarkt jedoch sollte für den wertebewussten Konsumenten schon ein gründlicher Vergleich die Grundlage des Kaufentscheides für Äpfel oder Birnen sein. Keinesfalls aber sollte man Äpfel mit Birnen verwechseln. Übrigens: Wer gar kein Kernobst mag, kann ja Zwetschgen und Pflaumen vergleichen.

Windmühlenkämpfer

Der Kampf gegen Windmühlen findet sich in meinem Leibblatt und anderswo immer wieder in Titeln und Texten. Aber es sollte mit diesem Bild vorsichtig umgegangen werden, denn manchmal ist es unpassend oder gar beleidigend. Es leitet sich ja ab vom legendären Kampf, den der selbsternannte Ritter Don Quijote im Roman von Miguel de Cervantes gegen Windmühlen führte. Nun lässt Cervantes von Anfang an keinen Zweifel daran aufkommen, dass Don Quijote verrückt ist. Er verwechselt die reale Welt mit seiner imaginären Ritterwelt, welche die fiktive Welt der Ritterromane ist, die er im Übermass verschlungen hat. Es ist eben nicht immer so, dass Lesen bildet. Und da Don Quijote mangels Realitätsbezug auch Störungen der visuellen Wahrnehmung hat, erscheinen ihm Windmühlen als eine Schar von übelgesinnten Riesen, gegen die unerschrocken den Kampf aufzunehmen ihm seine Ritterpflicht gebietet. Da sich nun die Flügel der Windmühlen zu drehen beginnen, wegen des aufkommenden Windes und nicht aus Schrecken vor dem kühnen Ritter, ist der Kampf bald entschieden, und Don Quijote liegt niedergeschmettert und lädiert auf dem Boden.
Nun zurück zum bildlichen Windmühlenkampf in der Zeitung: Wenn in der Realität ein Mensch, der nicht verwirrten Sinnes ist, einen anscheinend aussichtslosen Kampf führt gegen Gegner, Zustände, Verhältnisse, die nicht seiner Phantasie entsprungen sondern wirklich vorhanden sind, so ist er kein Don Quijote, der gegen Windmühlen als vermeintliche Feinde ficht. Ein Vergleich mit diesem Verrückten ist dann nicht fair. Womit aber nicht gesagt sein soll, es gebe heute keine Verrückten mehr, die einen Kampf gegen Windmühlen führen.

Wer ist eigentlich der Vordermann?

Die Werft der Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees (SGV) ist ein besonderer Ort: Hier werden, wie ich in der Zeitung lese, «die klassischen Raddampfer auf Vordermann gebracht». Wer ist denn der Vordermann eines Raddampfers? Doch nicht etwa der Kapitän? – Nein, Raddampfer haben keine Vordermänner. Die Metapher kommt aus der Welt des Militärs: Wenn die Truppe in Reih‘ und Glied dasteht, ist es wichtig, dass jeder Mann in der hinteren Reihe auf den Vordermann in der vorderen Reihe ausgerichtet ist. Sonst ist das ja ein ungeordneter Haufen. Und wenn einer aus der Reihe tanzt, muss er eben  wieder auf Vordermann gebracht werden. Danach ist er nicht ein herausragendes Individuum, sondern schlicht ein ordentlich eingereihtes. – Merke: Wer auf Vordermann gebracht wird, steht nie ganz vorne.

Man geht aus

«Deutscher Jagdverband geht von über 1000 Wölfen aus» liest man in der Zeitung als Titel über einer Agenturmeldung. Und wohin geht denn nun die Jägerschaft von da aus? – «Davon ausgehen» ist zu einer Standardfloskel geworden, die in der Regel das Entscheidende verschweigt: Geht es nun um eine gesicherte Erkenntnis, eine Vermutung, eine Schätzung, eine These, von der ausgegangen wird? Und wenn ein Ausgangspunkt vorhanden ist, dann müsste ja wohl auch ein Ziel ins Auge gefasst werden. Aber das alles bleibt in der Regel im Ungewissen. «Die Polizei geht von einem Beziehungsdelikt aus», meldet der Polizeisprecher. Man ahnt, in welcher Richtung jetzt die Ermittlungstätigkeit der Polizei gehen wird, aber so genau will sie das natürlich nicht verraten. Und ob sie sicher ist, dass es ein Beziehungsdelikt ist oder dies nur vermutet, bleibt ebenfalls offen. Hätte die Polizei nur eine Vermutung, so würde sich das nicht so gut machen. Besser wirkt die Erklärung, sie habe etwas, wovon sie ausgehe. Diese Sprachverschleierung im Amtsdeutschen hat durchaus Methode. Und sie vereinfacht auch das Vokabular für die Verfasser von Medienmitteilungen. Es gäbe ja viele je nach Fall treffende Ausdrücke: Wir vermuten, nehmen an, rechnen damit, schätzen, meinen, denken, haben festgestellt, dass . . . Aber wozu der Aufwand? Es ist doch viel einfacher, wenn man davon ausgeht, dass es dem Leser auf solche Präzision nicht ankomme.

Quadratur des Kreises

Wenn die Politiker wieder einmal so lange im Kreise herum diskutiert haben, bis das Problem nicht gelöst ist, dann kommt häufig das Fazit, dass die Aufgabe eben der Quadratur des Kreises gleichkomme. Und die ist in der reinen Theorie beziehungsweise mit Zirkel und Lineal nicht lösbar. Aber da sich Politiker nicht in der dünnen Luft der reinen Theorie bewegen sondern auf dem Boden der Praxis ihre Aufgaben erfüllen sollten, brauchen sie doch vor der Quadratur des Kreises nicht aufzugeben. Die ist nämlich für den praktischen Gebrauch längst gelöst, wenn auch nur näherungsweise. Oder haben Politiker noch nie etwas von der Kreiszahl Pi gehört, mit deren Hilfe man aus dem Radius des Kreises das flächengleiche Quadrat errechnen kann? Das erledigt heute jedes Handy mit hinreichender Genauigkeit. Sicher, es bleibt immer ein minimer Rundungsfehler; aber wer erwartet denn schon von der Politik restlose Perfektion? Wenn die Politiker also angeblich mit der Quadratur des Kreises nicht zurechtkommen, so besteht das Problem eben meistens darin, dass sie sich nicht einigen können, ob sie einen Kreis oder ein Quadrat wollen. Und da hilft auch die Kreiszahl Pi nicht.