GOTT SUCHT DICH. Nein, ich beginne nicht zu missionieren. Es ist einfach so, dass diese Botschaft unübersehbar auf dem Dach eines sonst unauffälligen Gebäudes steht, an dem ich seit Jahrzehnten immer wieder einmal vorbeikomme. Und sie hat mich immer irritiert. Wahrscheinlich hängt es zusammen mit der Erinnerung an erste frühkindliche Begegnungen mit dem Transzendentalen. Das war jeweils abends, wenn die Stunde kam, da brave Kinder mit gefalteten Händchen im Bettchen lagen und «Ich ghöören es Glöggli» sangen. (Das sei wohl vergangenes Kulturgut, dachte ich, tippte den Text aber versuchsweise doch einmal bei Google ein – und fast schlagartig präsentierte die Suchmaschine um die hundert Ergebnisse, samt einer Karaoke-Version.) Die entscheidende Stelle in dem Kinderlied heisst: «De Liebgott im Himmel wird au bii mer sii!» Und das kam dem durchaus rational denkenden Kind immer eigenartig vor: Wenn er oben war im Himmel und es unten im Kinderzimmer, wie konnte er dann bei ihm sein? Und zugleich noch bei allen andern Kindern, die «Ich ghöören es Glöggli» sangen? Und wenn es dem Kind geschah, dass es aus einem schlimmen Traum erschreckt aufwachte, aus dem Bettchen floh und in einer Ecke des dunkeln Kinderzimmers keinen Ausweg fand, dann war ja auch nie der liebe Gott da, sondern die liebe Mamma, die tröstend die Kinderwelt wieder in Ordnung brachte. Die Skepsis gegenüber der göttlichen Suchmeldung vom Dach ist also tief verwurzelt. Würde dieser Gott seine Menschenkinder kennen, so müsste er doch nicht für und für auf der Suche nach ihnen sein. Und wäre er in der digitalen Welt angekommen, so sollte er doch einen Suchalgorithmus beherrschen, mit denen er alle fände, die im Netz wären – oder zumindest jene, die der App Gottes die Berechtigung zur Abfrage ihres Standortes erteilt hätten. Vielleicht ist aber auch die Formulierung der Botschaft auf dem Dach misslungen, und sie sollte einfach ergebnisoffen lauten: Gott, wir suchen Dich.
