Ich möchte nicht Deutsch lernen müssen. Einen Text mit «ich» zu beginnen finde ich zwar fragwürdig; aber hier war es am einfachsten. «Deutsch lernen zu müssen ist etwas, was ich nicht tun möchte» wäre mir zu geschraubt gewesen, abgesehen von der Frage, ob nicht «etwas, das ich nicht tun möchte» statt «was ich nicht tun möchte» richtig gewesen wäre. Doch das Kapitel über die relativen Anschlüsse kommt später im Deutschunterricht. Zunächst will man ja einige der wichtigsten Verben lernen, wie etwa «essen». Stark konjugiert, also nicht essen, esste, gegesst, sondern essen, ass, gegessen. Das kann man sich beispielsweise beim Apfelessen gut einprägen, indem man Biss für Biss die Kaubewegung mit «essen, ass, gegessen» begleitet. Nur gedanklich, nicht laut aussprechen! Ein Apfel müsste genügen. Ist er gegessen, sollte man es nicht mehr vergessen. Aber gegessen, vergessen – was ist jetzt das mit dieser Vorsilbe? Was für eine Form von «essen» ist «vergessen»? Gar keine. Es gibt auch kein Verb «gessen». Der entsprechende Wortstamm ist in der grauen Vorzeit der germanischen Sprachentwicklung verloren gegangen (verloren – noch so ein Fall!). Zwischenbemerkung: Das Verb «gissen» gehört zur seemännischen Fachsprache und hat mit alten Methoden der Positionsbestimmung zu tun; hatte sich der Navigator vergessen und sich vergisst, so war das vertrackt; als Laien können wir es aber vergessen. Hingegen kommt nun ein anderes Problem auf uns zu, nämlich die Verimpfung. Das Wort, zusammen mit dem Verb «verimpfen», erscheint jetzt pandemisch in den Medien. Da heisst es vorsichtig sein, denn wenn die Vorsilbe ver- auftaucht, denkt man unwillkürlich, es sei etwas schief gelaufen oder missraten, die Sache sei verbummelt oder verpfuscht worden. Das muss beim Verimpfen nicht unbedingt der Fall sein. Wenn mit dem verimpften Impfstoff ordnungsgemäss geimpft worden ist, so ist das kein Problem. Aber als zu Impfender möchte ich nicht verimpft, sondern richtig geimpft werden. Verimpfen heisst impfend verbrauchen. Dazu ist das Vakzin da. Die Impfwilligen hingegen sind nicht verimpfbar.
Und dann wäre da noch etwas Ästhetisches beizufügen. Nach einer zuverlässigen Quelle aus dem Jahre 1956 gab es damals eine dichterische Bewegung gegen das unschöne «Empf-» im poetisch wichtigen Wort Empfindung, das deshalb durch Entfindung ersetzt wurde (Nebelspalter Band 82 Heft 22). Und schöner als Impfung wäre doch auch Intfung. Denn was heisst eigentlich Pfung?
