Schuhnummer aus der Opernwelt

Tröstlich in dieser pandemischen Zeit ist uns das Streaming, Bit für Bit eröffnet es uns die Welt der Oper. «Orphée et Eurydice» von Christoph Willibald Gluck ist uns vom Opernhaus Zürich digital dargeboten worden. Wer mit dem Werk nicht besonders vertraut ist, dem wird es nach dieser Aufführung in der Inszenierung von Christoph Marthaler noch weniger vertraut sein. Aber es geschieht Interessantes, etwa die Schuhnummer in der Szene, da Orpheus das Gefilde der seligen Geister in der Unterwelt erblickt, wo er Eurydike finden soll. Ihr ist hier kurz zuvor ein belebender Trank verabreicht worden, worauf sie, inmitten sich am Boden windender Gestalten seliger Geister, kichernd und lachend in einen Freudentaumel gerät, sich die Pumps von den Füssen streift und zu tanzen beginnt. Dann wird sie bühnentechnisch auf schmalem Sims einen Stock in die Höhe gehoben, preist in einer Arie mit Chor dieses heitere Reich der Seligkeit und entschwindet mit dem Lift nach unten. Nun also erscheint Orpheus, betrachtet die Örtlichkeit vom oberen Stock aus und hebt an mit seiner Arie: «Quel nouveau ciel pare ces lieux!» Vom Himmel ist jedoch nichts zu sehen, wohl aber liegen unten gut sichtbar Eurydikes Pumps. Da gibt es zum Glück in dieser Inszenierung eine praktische Person mit Sonnenbrille (sie trägt eine Art College-Uniform mit weissen Kniesocken); die kümmert sich um solche Dinge, hebt die Schuhe auf und stopft sie in ihre Umhängetasche. Orpheus: «Quels sons harmonieux!» Und während für ihn die Landschaft vom Zwitschern der Vögel, vom Murmeln der Bäche und vom Säuseln des Zephirs widerhallt, stellt unten die praktische Person Eurydikes Pumps ordentlich in die Nähe des Lifts, was sie aber nicht befriedigt. Sie nimmt Eurydikes Pumps und placiert sie auf einer Art Buffet. Orpheus: «On goûte en ce séjour un éternel repos.» Doch keine Ruhe gibt es für Eurydikes Pumps, die wieder in der Umhängetasche der praktischen Person verschwinden. Unter dem Klappstuhl an der Wand, der schon etliche gute Dienste geleistet hat, ist für Eurydikes Pumps aber auch kein Bleiben. Orpheus klagt, die Stille, die man hier atme, könne seinen Schmerz auch nicht lindern. Eurydikes Pumps stecken bereits wieder in der Umhängetasche der praktischen Person. Nun scheint ein Platz gleich neben der Lifttüre dafür passend zu sein – oder doch nicht. Orpheus beteuert, dass nur Eurydikes zärtliche, bewegende Worte, ihre verführerischen Blicke, ihr liebliches Lächeln das einzige Gut seien, das er begehre. Eurydikes Pumps aber bleiben schliesslich in der Umhängetasche der praktischen Person, die damit die Szene verlässt. Und es ertönt Chorgesang.

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