Mit einem Protestsong wendet sich der österreichische Musiker Thomas Gansch gegen die Inflation des Ausdrucks «Testungen». (Wer Thomas Gansch noch nicht kennt, soll sich schleunigst im Internet über ihn informieren, beispielsweise auf YouTube.) Man ist geneigt, ihm zuzustimmen. Mit Covid 19 hat sich das Wort «Testungen» pandemisch verbreitet – vor allem in der österreichischen Presse. Warum genügt denn «Tests» nicht oder «das Testen»? Das ist ja damit gemeint. Nachforschungen haben allerdings ergeben, dass die Testung samt ihrem Plural Testungen nicht mit dem verheerenden Virus aus China oder anderswoher in die deutsche Sprache eingeschleppt worden ist. Im Duden und in andern Wörterbüchern ist «Testung» schon viel länger verzeichnet. Beim Durchsuchen digitalisierter alter Zeitungsbestände finden sich Belege für den Gebrauch etwa seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Der Algorithmus, der dafür verwendet wird, ist allerdings ein Tölpel. Bei älteren Texten verwechselt er häufig «Festungen» mit «Testungen». In der NZZ geriet er im Kampf mit der schlecht digitalisierten Fraktur-Schrift untere anderem bei «Bestellung», «Deckung», «Einstellung», «Leistungen», «Öffnungen», «Segnungen», «Stiftungen», «Zeitung» auf die vermeintliche Fährte von «Testung» oder «Testungen», und einem Sterbenden liess er die «Testungen unserer hl. Religion» statt ihrer Tröstungen zuteil werden. Und da schliesst sich der Kreis: Was dem Mediziner die Testungen, sind dem Frommen die Tröstungen – der heilige Trost der Religion genügt offenbar nicht. Spezialisten werden darlegen, dass solche sprachliche Differenzierungen sinnvoll und nötig seien. Woran würde man sonst einen Spezialisten erkennen, wenn er nicht sein eigenes Vokabular hätte? Da kann man sich nur wundern, dass die Stiftung Warentest seit mehr als einem halben Jahrhundert besteht ohne den Ausdruck «Testungen» zu verwenden. Aber sie testet ja auch nur Konsumgüter und keine Mikroben. Leider ist der Sprachgebrauch nicht logisch, und so versucht man es am besten mit Vergleichen: vielleicht mit «Fest – festen – Festung»? Au, das ging daneben. Aber «Kuss» und «Test» sind zwei morphologisch vergleichbare Substantive; davon sind die Verben «küssen» und «testen» abgeleitet, die als «das Küssen» und «das Testen» substantivisch verwendet werden können. Und was ist mit «Küssungen»? Diesen Ausdruck sucht man heutzutage vergeblich in Wörterbüchern, im Gegensatz zu «Küsserei». Aber immerhin widmete Angelus Silesius 1657 der «Küssungs Begierde» ein Epigramm. Und Johannes Praetorius erwähnt 1668 die «Küssung des Bocks» als eine der «Verrichtungen» auf dem Blocksberg in der Walpurgisnacht. Ganz im Gegensatz dazu stand die verschiedentlich genannte «Küssung eines Creutzes» als Bestätigung eines Eidschwures. Und im Jahre 1728 behandelte ein Berliner Werk zur «Ceremoniel-Wissenschaft» die Frage, ob «bey denen Damen, die von einem ziemlich hohen Alter, mehr mit einem Kuß auf die Wangen, oder mit Küssung der Hand gedienet sey». Das alles blieb jedoch im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm unberücksichtigt. Sie hatten eben noch keine digitale Suchmaschine. So verschwanden die Küssungen aus dem deutschen Wortschatz. Dass dafür die Testungen aufgekommen sind, ist keine Tröstung.
