«Zu unseren Veranstaltungen kommen Leute, die sonst nichts mit Kultur zu tun haben.» Das hat kürzlich ein Kulturtätiger in einem Zeitungsinterview zum Besten gegeben. Wer nun vermutet, er habe von Veranstaltungen in fernen Ländern bei kulturfremden Eingeborenen geredet, täuscht sich. Der Mann meinte die Festspiele Zürich, deren Geschäftsführer er ist. Wie merkt man es eigentlich den Leuten an, ob sie etwas mit Kultur zu tun haben? Muss man etwa bei einem Kultur-Pisa-Test eine Mindestpunktzahl erreichen, um sich über Kulturteilhaftigkeit ausweisen zu können? Vielleicht könnte eine Kulturhaltigkeits-Etikette (A ist gut, E ist ungenügend) dem Kultursuchenden helfen, oder eine Kulturampel, entsprechend dem Lebensmittel-Ampelsystem. Kultur ist ein weites Feld, und weit wird auch bei den Festspielen Zürich der Themenkreis gezogen: Im letzten Programm beispielsweise hatte vom Bodybuilding bis zur Psychiatrie und zur Theologie vieles Platz. Nur Briefmarkensammeln blieb unberücksichtigt. Sich von jeglicher Kultur fern zu halten ist also gar nicht so einfach, besonders in einer Stadt wie Zürich, der im gleichen Interview «eine unvergleichlich reiche Kulturlandschaft» attestiert wird. Abwegige Zwischenfrage: Ist Kulturland auch ein Teil der Kulturlandschaft? Sicher gehört der öffentliche Raum dazu, dessen Bestückung mit Kunst den Stadtbehörden ein besonderes Anliegen ist. Dass man es mit Kultur zu tun hat, leuchtet zwar nicht bei allem ein, was da präsentiert wird. Aber der gute Wille ist zu anerkennen. Fazit: Niemand wächst hierzulande fern von jeglicher Kultur auf. Spätestens beim Malen und Zeichnen im Kindergarten wird doch eine kulturelle Grundlage geschaffen. Das ist nicht Ironie, sondern ergibt sich aus dem Kindergarten-Lehrplan. Doch zurück zur Aussage über Festspielbesucher, die sonst nichts mit Kultur zu tun hätten: Liegt da etwa eine Verwechslung von Kultur mit Kulturbetrieb vor?
