«Nicht an einen Bären denken!» Das ist die Bedingung für die Wirkung des Trankes, der dem liebessüchtigen Fürsten in Frank Wedekinds Schwank «Der Liebestrank» verabreicht wird. Lange ist es her, seit Gustav Knuth auf der Bühne des Schauspielhauses verzweifelt versuchte, nicht an einen Bären zu denken – ein unvergesslicher Moment grosser Schauspielkunst! Aber es gelingt nicht. Zwar scheint ihm in einem hochdramatischen Augenblick jeder Gedanke an Bären vergangen zu sein, er stürzt den Trank hinunter – der Bär ist wieder da! Heute gibt es viele Dinge, die man nicht denken und nicht sagen soll. Dafür sind in Amerika spezielle Ausdrücke erfunden worden, beispielsweise das f-word. Das f steht für fuck, was einst als unaussprechlich galt, weil es explicit war. Heute gehört es bei vielen zur Alltagssprache. Aktueller ist das n-word, sozusagen ein Code, der in Amerika seit 1985 in Gebrauch ist. Zu erklären, was damit gemeint ist, würde bedeuten, das auszusprechen was nicht ausgesprochen werden soll, nämlich Nigger. Mittlerweile ist der Ausdruck N-Wort auch im Deutschen angekommen; Duden kennt ihn aber noch nicht. Und weil ich der rasenden Entwicklung des deutschen Wortschatzes auch nicht immer zu folgen vermag, ist er auch mir erst vor kurzem aufgefallen in einem Zeitungsinterview, in dem es unter anderem um die Ungehörigkeit der Verwendung des N-Wortes durch die Polizei ging. Und nun stelle ich mir alle die gut gewillten Polizeikräfte vor, die in einer entsprechenden Situation denken: «Aha, da darf ich jetzt aber ja nicht das N-Wort verwenden!» Woran denken sie dann? An das N-Wort. Es gibt kein besseres Mittel, das N-Wort ins Gedächtnis einzubrennen, als es zu umschreiben mit N-Wort. Aber bitte nicht daran denken!
