Unpigmentierte Musik

«Wie weiss ist die klassische Musik?» Die Frage wurde mir vor kurzem mit einem Titel in der Zeitung sozusagen ins Gesicht geschleudert. Und meine spontane Reaktion darauf wäre eigentlich gewesen: «Das ist mir wurst». Nur hätte das in Zusammenhang mit Klassik etwas unkultiviert gewirkt. Und ausserdem: Wenn eine Frage in den Raum gestellt wird, weist das auf ein Problem hin, und da muss man vorsichtig sein. Wer auf ein Problem nicht eingehen will, wird vielleicht Teil des Problems, und nicht Stellung zu nehmen bedeutet, sich einer Verantwortung zu entziehen und zum Mitschuldigen zu werden. Also begann ich schon halb schuldbewusst über die Farbe der klassischen Musik nachzudenken. Es kam mir dabei nicht zustatten, dass mir Farbpsychologie, Farbsymbolik und dergleichen wenig bedeutet und meine Sinnesorgane für das Farbensehen keine engen Beziehungen zum Gehörsinn unterhalten. Aber ich bemühte mich redlich, den Begriff Klangfarbe in seiner ganzen Tragweite zu erfassen. Damit war ich auf dem Holzweg. Denn es ging gar nicht um den Klang, sondern um die Hautfarbe der Komponisten und des Publikums. Auf den Programmen klassischer Konzerte fänden sich fast ausschliesslich Werke von weissen Komponisten, und gehört würden sie von einem nicht sehr internationalen Publikum, wurde moniert. Das mit dem Publikum hat mir nicht recht eingeleuchtet; Salzburg und Luzern würden protestieren, aber in Tokio stimmt es vielleicht. Dass in Europa die Komponisten wie die Bevölkerung im allgemeinen weiss waren, lässt sich wohl nicht mehr ändern. Mir ist es kein Problem; zum Ausgleich höre ich Jazz, aber eigentlich nicht wegen der Hautfarbe der Musiker und Komponisten. In dem Zeitungsartikel wird schliesslich zu Bedenken gegeben, im Repertoire der Vergangenheit werde sich nie ein ideales Abbild der heutigen Gesellschaft finden lassen. Wie denn auch? Musik hat ja zu keiner Zeit ein Abbild der ganzen Gesellschaft gezeigt.

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