Provokative Ente

Auf einem Weiher in Winterthur schwimmen gegenwärtig aufblasbare Plastikeinhörner. Sie sind den Schwänen nachgebildet, die als Badespielzeug beliebt sind. Man soll sich nicht dadurch irritieren lassen, dass Einhörner eigentlich keine Wasservögel sind, denn es handelt sich um Kunst. Wenn man gedanklich tief genug schürft, lässt sich das ohne weiteres belegen. Und wie ist denn das mit der lebenden Ente auf dem Hausdach gegenüber? Sie hat sich da als Wasservogel niedergelassen, obwohl im Umkreis von mehreren hundert Metern kein Wasservogelgewässer zu finden ist. Dieses Dach betrachteten bisher nur Rabenvögel, Amseln und Möwen als ihr Revier, und zwar abwechselnd und nicht gleichzeitig. Die Präsenz der Ente muss also geradezu als Provokation bezeichnet werden, was ja bekanntlich die vordringlichste Aufgabe der Kunst ist. Nun mag man in Bezug auf das Kunstbewusstsein der Enten gewisse Vorbehalte anbringen, aber darf man ihnen ein unbewusst kreatives Verhalten einfach absprechen? Dass Kunst geschieht, setzt ja auch den Betrachter voraus, der bereit ist, sich darauf einzulassen. Fand nicht das Huhn in der Bahnhofhalle durch Christian Morgenstern seine künstlerische Bedeutung? Also lassen wir uns auf die Ente auf dem Dach ein. Ob man in ihr eine Parallele zu Chagalls Geiger auf dem Dach sehen könnte, wäre noch eingehender zu analysieren. Aber fraglos steht oder sitzt sie für den Ausbruch aus der Konvention, ohne den gesellschaftliche Entwicklung nicht denkbar ist. Doch einer vertieften Betrachtung dazu will sich die Ente leider nicht stellen. Sie ist einfach weg geflogen.

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