Elektronische Identitätskrise

In der Welt der elektronischen Daten verwirren sich die Begriffe. Da ist etwa die Sache mit der virtuellen Realität: ein Widerspruch in sich selbst. Das Virtuelle ist ja eben gerade nicht das Reale. In der Science-Fiction mag das anders sein. Und eben aus einem solchen Roman soll ja der Begriff virtuelle Realität stammen. Die Fiktion hat sich ausgebreitet. Die vorgetäuschte Wirklichkeit nannte man früher Simulation. Der Flugsimulator ist ein Beispiel: Da sitzen reale Piloten in einem realen Cockpit und üben virtuelle Flüge vor einem simulierten Ausblick aus dem Cockpit. Man bittet, das Virtuelle und das Reale schön auseinanderzuhalten, damit ein virtueller Absturz keinen realen Schaden anrichtet. Ans Existenzielle aber geht es, wenn uns eine elektronische Identität verliehen werden soll, was ja nichts anderes als eine virtuelle Identität wäre. Da sollten wir uns wehren. Unsere Identität ruht in uns selbst. Ich bin ich und niemand anders, und das kann auch kein anderer sein. Bezeugt wird das rechtsgültig durch Eintragungen in amtlichen Registern. Aber ein Verzeichnis der Identitäten enthält nicht die Identitäten selbst, weil die ja fest in den Personen etabliert sind. Und nun stellt sich einfach die Frage der Identifikation. Dafür wurde ja früher vor allem die Unterschrift verwendet; aber die ist in der digitalen Welt  heruntergekommen, allenfalls bis auf einen nichtsnutzigen Krakel auf einem elektronischen Display. Pass oder Identitätskarte dagegen sind immer noch wichtige Identifikationsmittel geblieben. Aber niemand würde ernsthaft den Pass als seine Papieridentität bezeichnen. Und die ID, sprich die Identitätskarte, ist keine Plastikidentität. Da können nun die Politiker beschliessen, was sie wollen: Eine elektronische Identität können sie uns nicht verpassen. Schön wäre es ja vielleicht, wenn man seine Verpflichtungen der elektronischen Identität überlassen könnte, um persönlich einfach zu verschwinden. Aber da wären wir dann wieder bei der Science-Fiction.

Nachtrag: Erst nach der Veröffentlichung dieses Beitrags ist der Autor darauf gekommen, dass Urs Bühler schon in der NZZ vom 12.06.2017  die «elektronische Identität» glossiert hatte  unter dem Titel «Identitätskrise, amtlich verordnet» (Link). Zur Lektüre herzlich empfohlen!

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