Geschockt in der Enge der dünnen Luft

Munter schreibe der Journalist. Er soll nicht nur Informationen vermitteln und über Sachverhalte und Ereignisse berichten, sondern Geschichten erzählen. Man nennt das Storytelling. Der heutige Leser kapiert Dinge nicht, wenn sie nicht in eine Geschichte gepackt werden. Hilfreich bei einer solchen zeitgemässen Gestaltung ist eine Einleitung, bei der man zunächst nicht erfährt, wovon eigentlich die Rede ist. Geübte Zeitungsleser wissen deshalb, dass sie dem Anfang eines Artikels keine besondere Beachtung schenken müssen, weil das nur Zeitverschwendung wäre. Wer will schon wirklich wissen, von welchen Gefühlen Herr oder Frau Müller oder Meier bewegt waren, als sie nachts aus dem Fenster schauten, weil es in der Nähe gekracht hatte. In knappste Form gebracht kann der Ansatz zum Storytelling allerdings auch nur aus einem einzigen Satz bestehen. «Jetzt wird es eng für . . .» ist geläufig, und der Leser ist emotional angesprochen und leidet bereits mit dem Eingeklemmten, obwohl er noch gar nicht weiss, was los ist. Oder er fühlt die Atemnot, wenn die Luft dünn wird für einen, in dessen Umfeld dicke Luft herrscht. Überhaupt ist es beliebt, dem Leser gleich zu Beginn zu deklarieren, wie er zu empfinden habe. «Das Land ist geschockt . . .» Wer würde es da noch wagen, seelenruhig seinen Kaffee zu trinken oder wenigstens einen Coffee to go zwischen Daumen und Zeigfinger zu klemmen und damit ins Tram zu steigen? Wenn kein schockierender Anlass besteht, kann man einem Text natürlich auch eine erhöhte Bedeutung verleihen, indem man Einfaches kompliziert ausdrückt, etwa indem man von der Nomenklatur der Reizwörter schreibt, wenn es nur um ein Reizwort geht. Der Journalist hat ja auch einen Bildungsauftrag.

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