Die Journalisten zeigten sich für einmal aussergewöhnlich feinfühlig: Im Zusammenhang mit dem Rücktritt des Präsidenten der «Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz» in der Woche vor Pfingsten wurde nirgends in der Presse der Ausdruck «Knatsch» verwendet (der Basler Zeitung schien das zwar schwer zu fallen, und sie behalf sich mit «Zoff»). Dabei ist es doch schon beinahe journalistische Pflicht, bei Zwist, Streit und Konflikten von Knatsch zu schreiben, nicht zuletzt bei Fällen in kirchlicher Umgebung. Und bei diesem Rücktritt mangelt es ja nicht an Konfliktstoff, auch wenn Genaueres über die geltend gemachten Grenzverletzungen nicht bekannt ist. In anderer Hinsicht folgten die Medien aber gerne ihrem Drang zum Klischee: Der zurückgetretene Gottfried Locher wurde allenthalben als «oberster» oder «höchster Protestant» bezeichnet, unbekümmert darum, dass Hierarchien für die evangelisch-reformierten Kirchen wesensfremd sind. Die «Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz» ist ein Verein, der bis vor kurzem «Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund» hiess. Er bezeichnet seine Statuten jetzt als Verfassung, das tönt prätentiöser, ändert aber nichts daran, dass er ein Verband unabhängiger kirchlicher Körperschaften ist, die ihm nicht untergeordnet sind. Da ist keiner der Oberste oder Höchste, auch der Vereinspräsident nicht. Sein Amt ist nicht mit dem eines reformierten Bischofs zu verwechseln. Was übrigens das ausnahmsweise vermiedene Wort «Knatsch» betrifft, so bedeutet es nach Grimms Deutschem Wörterbuch ursprünglich «breiartig kotiger Boden oder Weg, Strassenschmutz» oder auch «unordentliches Gerede». Und gemäss dem Etymologischen Wörterbuch von Kluge hat es einen lautmalenden Ausgangspunkt, nämlich den Laut, der beim Zerdrücken oder Zertreten von etwas Weichem entsteht, womit es zum weiteren Umfeld von knutschen gehöre. Dieser Gedankengang sei hier nicht weiter fortgesetzt; er könnte in gefährliche Nähe zu Grenzverletzungen führen.
