Windmühlenkämpfer

Der Kampf gegen Windmühlen findet sich in meinem Leibblatt und anderswo immer wieder in Titeln und Texten. Aber es sollte mit diesem Bild vorsichtig umgegangen werden, denn manchmal ist es unpassend oder gar beleidigend. Es leitet sich ja ab vom legendären Kampf, den der selbsternannte Ritter Don Quijote im Roman von Miguel de Cervantes gegen Windmühlen führte. Nun lässt Cervantes von Anfang an keinen Zweifel daran aufkommen, dass Don Quijote verrückt ist. Er verwechselt die reale Welt mit seiner imaginären Ritterwelt, welche die fiktive Welt der Ritterromane ist, die er im Übermass verschlungen hat. Es ist eben nicht immer so, dass Lesen bildet. Und da Don Quijote mangels Realitätsbezug auch Störungen der visuellen Wahrnehmung hat, erscheinen ihm Windmühlen als eine Schar von übelgesinnten Riesen, gegen die unerschrocken den Kampf aufzunehmen ihm seine Ritterpflicht gebietet. Da sich nun die Flügel der Windmühlen zu drehen beginnen, wegen des aufkommenden Windes und nicht aus Schrecken vor dem kühnen Ritter, ist der Kampf bald entschieden, und Don Quijote liegt niedergeschmettert und lädiert auf dem Boden.
Nun zurück zum bildlichen Windmühlenkampf in der Zeitung: Wenn in der Realität ein Mensch, der nicht verwirrten Sinnes ist, einen anscheinend aussichtslosen Kampf führt gegen Gegner, Zustände, Verhältnisse, die nicht seiner Phantasie entsprungen sondern wirklich vorhanden sind, so ist er kein Don Quijote, der gegen Windmühlen als vermeintliche Feinde ficht. Ein Vergleich mit diesem Verrückten ist dann nicht fair. Womit aber nicht gesagt sein soll, es gebe heute keine Verrückten mehr, die einen Kampf gegen Windmühlen führen.

Wer ist eigentlich der Vordermann?

Die Werft der Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees (SGV) ist ein besonderer Ort: Hier werden, wie ich in der Zeitung lese, «die klassischen Raddampfer auf Vordermann gebracht». Wer ist denn der Vordermann eines Raddampfers? Doch nicht etwa der Kapitän? – Nein, Raddampfer haben keine Vordermänner. Die Metapher kommt aus der Welt des Militärs: Wenn die Truppe in Reih‘ und Glied dasteht, ist es wichtig, dass jeder Mann in der hinteren Reihe auf den Vordermann in der vorderen Reihe ausgerichtet ist. Sonst ist das ja ein ungeordneter Haufen. Und wenn einer aus der Reihe tanzt, muss er eben  wieder auf Vordermann gebracht werden. Danach ist er nicht ein herausragendes Individuum, sondern schlicht ein ordentlich eingereihtes. – Merke: Wer auf Vordermann gebracht wird, steht nie ganz vorne.

Die Facility-Manager kommen

Erschienen am 21.6.1999 in der NZZ unter «Nebenbei notiert»

bl. In der Schweizer Wirtschaft zeichne sich eine starke Nachfrage nach Facility-Managern ab, und deshalb werde erstmals im Rahmen des neuen Fachhochschul-Studienganges Ökotrophologie eine entsprechende Ausbildung angeboten, entnehmen wir einer Presse-Einladung. Aha. Was ist denn Ökotrophologie? Es ist eine offenbar in Deutschland geschaffene Bezeichnung für Ernährungs- und Haushaltswissenschaften; man kann dort an verschiedenen Fachhochschulen bereits den Titel Dipl. oec. troph. (FH) erwerben. Es scheint ein lustiges Studium zu sein, wenigstens nach den Internet-Seiten zu urteilen, mit denen der Fachbereich präsentiert wird: Die Fachhochschule Münster illustriert das mit Pieter Breughels Bauernhochzeit, die Fachhochschule Anhalt hält eine Wilhelm-Busch-Zeichnung bereit, mit Witwe Bolte, die gerade im Keller Sauerkohl holt, während Max und Moritz auf dem Dach durch das Kamin nach den brutzelnden Hühnern angeln. Es dürfte sich lohnen, diese Situation auch einmal ökotrophologisch aufzuarbeiten. Aber damit ist uns der Facility-Manager ja noch nicht nähergebracht. Mit unserem Englisch, das wir eben nicht in der Primarschule gelernt haben, stehen wir am Berg: Der Ausdruck facility ist ein Sammelbegriff (soweit er nicht in der engeren Bedeutung von Leichtigkeit angewendet wird) für Einrichtungen, Anlagen, Systeme, Bauten, Institutionen, Dienstleistungen, kurz Dinge, die irgendwie einem bestimmten Zweck dienen, nützlich oder hilfreich sind. Also werden die Facility Manager wohl schon etwas Nützliches in Schwung halten. Eine Autovermietung kann zu den facilities zählen, eine Schuhputzmaschine auch, so gut wie eine Bibliothek, ein Coiffeursalon, ein Faxgerät, eine Fachhochschule oder ein Kindergarten. An manchen Orten werden auch die gewissen Örtchen schamhaft als facilities bezeichnet – aber nur in englischsprachigen Ländern, in denen Ökotrophologie ein unbekannter Begriff ist und folglich auch kein Dipl. oec. troph. das Management übernehmen kann. Somit ist immer noch nicht klar, was denn eigentlich ein Facility-Manager genau zu tun hat. Aber schliesslich gibt es ja eine Maintenance and Facility-Management Society of Switzerland, die bis vor kurzem noch Schweizerischer Verein für Instandhaltung hiess. Sie hat das Ziel, «das Fachwissen der Instandhaltung von Anlagen (Bauten, Betriebsmittel, Produktionsmittel, Infrastruktur, usw.) zu fördern». Jetzt ist uns alles klar – bis auf den Unterschied zwischen Maintenance und Facility-Management. Aber der wird einem altmodischen Redaktor, der es noch nicht einmal bis zum Print Media Document Manager gebracht hat, wohl immer verborgen bleiben.

HR im städtischen Amt

Erschienen am 11.2.1999 in der NZZ unter «Nebenbei notiert»

bl. Ein städtisches Amt sucht per Inserat offenbar einen neuen Personalchef beziehungsweise eine Personalchefin. Aber das ist zu einfach gesagt. Im Zeichen des New Public Management inseriert man jetzt für eine beziehungsweise einen «Human Resource Managerin/Manager». Schliesslich hat sich dieses Amt ja «grundlegend neu organisiert», wie im Inserat mitgeteilt wird; nun hat es eine «Unternehmenskultur», und diese «beruht auf einer wirkungs- und prozessorientierten, flexiblen Arbeitsweise». Da braucht es auch ein «visionäres, auf die künftigen Anforderungen ausgerichtetes Personalmanagement», und «die Herausforderung besteht darin, den anspruchsvollen Change-Management-Prozess aktiv mitzugestalten und im Personalbereich umzusetzen»: etwas für «eine kommunikative und kontaktfreudige Persönlichkeit» mit der Gabe, «hohe Sozialkompetenz sowie wirtschaftliches Denken und Handeln auf sich zu vereinigen». Man kann sich doch nicht wie früher einfach umsehen nach einer Persönlichkeit mit Menschenkenntnis, die mit den Leuten zu reden und umzugehen weiss und etwas von Betriebsorganisation versteht.
Was die neue Stellenbezeichnung betrifft, so wäre anzumerken, dass das englische Wort resource vom Französischen ressource stammt – gleich wie das im Deutschen geläufige Fremdwort Ressourcen, mit dem unter anderem Betriebsmittel bezeichnet werden: Finanzen, Technik, Rohstoffe, Menschen. «Menschliche Ressourcen» tönt immerhin nicht ganz so unmenschlich wie Menschenmaterial. Ausdrücke aus dem Französischen gelten heutzutage aber mehr, wenn sie über das Englische zu uns kommen, somit schwieriger auszusprechen sind und für die kommunikative Kompetenz zu Stolpersteinen werden. So hat man auch in dem erwähnten städtischen Amt nicht bemerkt, dass im Englischen human resources im Plural üblich ist und manageress die weibliche Form von manager wäre. Aber die amtliche Unternehmenskultur ist in ihrer Wirkungsorientierung wohl nicht darauf ausgerichtet, dass man das Englische, mit dem man um sich wirft, auch noch richtig beherrscht.
Englische Ausdrücke haben in der Regel den Vorteil, dass sie knapper sind als deutsche, aber eben nicht immer: Wenn der viersilbige Personalchef zum achtsilbigen Human Resources Manager aufgebläht wird, so fragt man sich schon, was denn das bringen soll – zumal im Falle dieses städtischen Amtes, wo es sich nur um einen 50-Prozent-Job handelt. Aber den Leuten kann geholfen werden: Der im Englischen erst seit etwa dreissig Jahren verbreitete Ausdruck human resources ist als unhandlich anerkannt und wird daher mehr und mehr durch die Abkürzung «HR» ersetzt. Wenn das kein Fortschritt ist!


Anmerkung des Autors: Eine Anfrage in jüngerer Zeit, ob die Verwaltung der Stadt Zürich (mit ü-Punkten) zur Vermeidung überflüssiger Anglizismen nicht wieder zur Bezeichnung Personalamt statt Human Resources Management zurückkehren könnte, ist abschlägig beantwortet worden. Der Hinweis auf die kantonale Verwaltung mit ihrem Personalamt oder den Zentralen Personaldienst des Kantons Basel-Stadt wurde als nicht stichhaltig bezeichnet, da eine solche Bezeichnung dem Aufgabenkreis des Stadtzürcher Human Resources Management nicht gerecht werde – und dies, obwohl die Gemeindeordnung der Stadt Zürich dem Finanzdepartement einfach die Besorgung der stadtweiten Personalaufgaben zuweist.

Ausgerückt

«Die sofort ausgerückte Feuerwehr brachte den Brand unter Kontrolle.» Derartiges liest man nicht selten in Meldungen über Brandfälle. Eine insgesamt erfreuliche Mitteilung, Glück im Unglück, auch wenn es gewisse Fragen aufwirft. Auf jeden Fall ist es beruhigend zu wissen, dass die Feuerwehr ausgerückt ist und die Brände nicht online bekämpft. Dass sie sofort auszurücken pflegt, würde man eigentlich erwarten. Warum wird es hier ausdrücklich erwähnt? Ist das vielleicht doch nicht ohne Weiteres gewährleistet? Und dann wüsste man doch gerne, ob das unter Kontrolle gebrachte Feuer schliesslich auch gelöscht worden ist, oder ob es weiter mottet.

Man geht aus

«Deutscher Jagdverband geht von über 1000 Wölfen aus» liest man in der Zeitung als Titel über einer Agenturmeldung. Und wohin geht denn nun die Jägerschaft von da aus? – «Davon ausgehen» ist zu einer Standardfloskel geworden, die in der Regel das Entscheidende verschweigt: Geht es nun um eine gesicherte Erkenntnis, eine Vermutung, eine Schätzung, eine These, von der ausgegangen wird? Und wenn ein Ausgangspunkt vorhanden ist, dann müsste ja wohl auch ein Ziel ins Auge gefasst werden. Aber das alles bleibt in der Regel im Ungewissen. «Die Polizei geht von einem Beziehungsdelikt aus», meldet der Polizeisprecher. Man ahnt, in welcher Richtung jetzt die Ermittlungstätigkeit der Polizei gehen wird, aber so genau will sie das natürlich nicht verraten. Und ob sie sicher ist, dass es ein Beziehungsdelikt ist oder dies nur vermutet, bleibt ebenfalls offen. Hätte die Polizei nur eine Vermutung, so würde sich das nicht so gut machen. Besser wirkt die Erklärung, sie habe etwas, wovon sie ausgehe. Diese Sprachverschleierung im Amtsdeutschen hat durchaus Methode. Und sie vereinfacht auch das Vokabular für die Verfasser von Medienmitteilungen. Es gäbe ja viele je nach Fall treffende Ausdrücke: Wir vermuten, nehmen an, rechnen damit, schätzen, meinen, denken, haben festgestellt, dass . . . Aber wozu der Aufwand? Es ist doch viel einfacher, wenn man davon ausgeht, dass es dem Leser auf solche Präzision nicht ankomme.