Erschienen am 23.04.1993 in der NZZ unter «Nebenbei notiert»
bl. Das Publikum soll jünger werden, wünscht sich der neue Hausregisseur des Schauspielhauses. Da steht man nun, seit vielen Jahren Besucher des Pfauentheaters, und fragt sich, wie man diesem Wunsch begegnen soll. An sich möchte man ja vielleicht ganz gern wieder etwas jünger werden, aber irgendwie scheint es doch der Natur zuwiderzulaufen. Oder bahnen sich da ganz unerwartete Entwicklungen an? Wird demnächst eine Schauspielhauskur dort helfen, wo Ginseng oder Frischzellen versagt haben? Vorderhand traut man der Sache noch nicht so recht und fragt sich eher, ob man eine Erneuerung des Abonnements dem neuen Hausregisseur gegenüber künstlerisch noch verantworten könne, wenn man tief in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts geboren wurde. Man hofft, rechtzeitig vom Schauspielhaus Hinweise auf das ins Auge zu fassende Rücktrittsalter zu erhalten, damit man der Verjüngung des Publikums nicht im Wege steht. Als älteres Publikum hat man ja die fatale Neigung, heutiges Theater zu messen an den Theatererlebnissen, die man in jungen Jahren als jüngeres Publikum hatte. Das ist einem lebendigen Theater nicht förderlich. Dieses aber braucht es, damit auch ein jüngeres Publikum jene starken Theatererlebnisse empfangen kann, durch die es so geprägt wird, dass es später als älteres Publikum wiederum einem jungen Regisseur Anlass geben kann, sich ein jüngeres Publikum zu wünschen.
