Erschienen am 15.07.1996 in der NZZ unter «Nebenbei notiert»
bl. Die Verwaltungsreform beim Kanton trägt Früchte: Dieser Tage ist der Geschäftsbericht des Regierungsrates für das Jahr 1995 erschienen, und darin stösst man nun an verschiedenen Stellen auf das Kürzel wif! – in dieser Schreibweise und typographischen Gestaltung, die sich vom übrigen Text auffällig abhebt. Das Ding findet sich auch auf immer mehr einschlägigen kantonalen Drucksachen. – Wer etwas Neues in Angriff nimmt, braucht ein Leitbild, ein Konzept und eine Abkürzung. Was die Verwaltungsreform betrifft, ist man punkto Abkürzung gleich doppelt bedient: Die einen reden von NPM, von wif! die andern. Der zweite Fall ist der schwierigere. Wie schafft man es, Kleingeschriebenes halbfett und teilweise kursiv auszusprechen und auch dem Ausrufzeichen angemessen mündlichen Ausdruck zu verleihen? Aus gewöhnlich unzuverlässiger Quelle vernimmt man, dass die Verwaltung dafür spezielle Sprechkurse anbietet, im Rahmen des Reformprogrammes wif! selbstverständlich. Die Sache mit den Abkürzungen hat den Vorteil, dass Klartext überflüssig wird. So ist beispielsweise LEP als Kombination von SEP und PAMS für Loras und dessen Einbettung in wif! in Zusammenhang mit dem neuen KVG für die GD von Bedeutung (Loras steht nicht für Papageien, sondern für «leistungsorientierte Ressourcenallokation im Spitalbereich»). Aber einmal abgesehen von solch hochspezialisierten Bereichen: Man stelle sich vor, die Reformer müssten stets die Begriffe New Public Management (19 Buchstaben und zwei Leerräume) oder gar «wirkungsorientierte Verwaltungsführung» (37 Buchstaben, ein Leerraum und kein Ausrufzeichen) in voller Länge verwenden! Wenn man sich überlegt, dass New Public Management eigentlich nicht viel aussagt (aber das wenigstens auf Englisch), dann versteht man auch, dass NPM irgendwie interessanter wirkt, weil das gemeine Volk noch weniger weiss, was es davon halten soll. Indessen ist NPM im Vergleich zu wif! schrecklich phantasielos. Bei wirkungsorientiertem Vorgehen wird man doch nicht einfach die Anfangsbuchstaben als Kürzel verwenden. Hätte man «wirkungsorientierte Verwaltungsführung» auf so banale Art abgekürzt, etwa mit WV, so wäre die Reform wohl gleich im Eimer gewesen.
