Narrativ-Narrheit

Seit etwa fünf Jahren stösst man immer häufiger in der Zeitung auf das Wort «Narrativ». Man kann sich gar nicht recht vorstellen, wie denn etwa die NZZ vorher überhaupt ihrer Rolle als Weltblatt gerecht werden konnte ohne dieses Substantiv. Früher kannte sie nämlich nur das Adjektiv «narrativ», wobei von «narrativen Strukturen» in Literatur und Musik besonders häufig die Rede war. Meistens hätte «erzählerisch» oder «erzählend» auch genügt; aber wer im Feuilleton schreibt, möchte ja dem gewöhnlichen Publikum seine Kompetenz auch mit seinem Fachwortschatz beweisen. Irgendwie schlich sich dann mit Zitaten das englische «narrative» als Substantiv ein. Das deutsche «Narrativ» aber war der NZZ noch im Jahre 1997 so unvertraut, dass sie es in Anführungszeichen setzte. Dann tauchte das Wort immer häufiger in Zusammenhang mit der jüdischen Geschichte auf, und nach und nach entwickelten sich alle Geschichtsbilder, historische Betrachtungen oder Darstellungen zu Narrativen. In der Politik wurden und werden nun auch unentwegt Narrative verbreitet. Aber man konnte auch solche Sätze lesen: «Das Als-ob-Dokumentarische erweist sich dabei als ebenso plausibles Narrativ wie das Sampling von Diskursbrocken und Soundschnipseln.» Was immer das auch heissen mag. Wer nun meint, «Narrativ» hätte etwas mit Narren zu tun, erliegt einem Irrtum – oder einem falschen Narrativ. Es stammt vielmehr vom lateinischen «narrare», was erzählen bedeutet. Ein «narrativum» gab es im klassischen Latein nicht. Vielmehr war eine Erzählung eine «narratio». Aber was kümmert uns schon das alte Latein. Narrativ kann jeder Narr verwenden. Das Programm meines Computers zur Prüfung von Grammatik und Rechtschreibung ist damit allerdings nicht einverstanden. Es meldet bei dem Wort jedesmal: «Schreiben Sie Adjektive klein.» Auf seine Art hat es ja recht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert