Kunst im Hauptbahnhof

Bei Tageslicht wirkt die Sache immer etwas verwahrlost: Die Installation vor der grossen Fensterfront in der Halle des Zürcher Hauptbahnhofes mit der schwach leuchtenden Spirale, einigen herunterhängenden künstlichen Vögeln und einem Hirsch, der zu entfliehen sucht, was man verstehen kann. Es ist Kunst. Doch es lief von Anfang an etwas schief. Vorgesehen gewesen wäre eigentlich eine Bestückung  der rund 300 Quadratmeter Fensterfläche mit ausgestopften Vögeln verschiedener Grösse – angeblich von Möwe bis Schwan, 15 an der Zahl. So sah es der Vorschlag des Künstlers Mario Merz vor, der eine Wettbewerbsjury überzeugt hatte. Aber bei der Realisierung wurde aus praktischen Gründen der Gedanke an ausgestopftes Geflügel fallen gelassen, und es blieben fünf Kunststoffvögel, die sich nun zusammen mit dem Hirsch, der völlig unerwartet hinzukam, mit der leuchtenden Spirale arrangieren müssen. Man kann dieses Kunstwerk nicht richtig würdigen, wenn man nicht auf die leuchtenden Zahlen auf den Rücken der Tiere eingeht: Sie entstammen der Reihe der Fiboncci-Zahlen, auf die Merz versessen war. Der Hirsch mit der Nummer 55 wäre eigentlich das zehnte Element dieser unendlichen Reihe, aber mit nur fünf Vögeln davor kommt man mathematisch etwas in Schwierigkeiten. Immerhin finden sich alle zehn Fibonacci-Zahlen von 1 bis 55 vollständig auf einer Quersprosse des Fensters. Für Genaueres zu Fibonacci sei auf Google verwiesen. Hier nur so viel: Es soll einen Zusammenhang zwischen der Vermehrung der Hasen und der Fibonacci-Reihe geben, sofern sich die Hoppeltiere bei ihren Fruchtbarkeitsritualen an die einschlägigen mathematischen Gesetzmässigkeiten halten. Aber mathematisch korrekt findet sich die Fibonacci-Reihe in der Zahl der Vorfahren einer jeden männlichen Biene, auch Drohne genannt. Und so fragt man sich, weshalb das Fenster in der Bahnhofhalle nicht voller Hasen oder Drohnen hängt. Das Werk wurde 1992 installiert; die SBB wurden vertraglich verpflichtet, es 20 Jahre unangetastet bestehen zu lassen – womit wir zur guten Nachricht kämen, dass es jetzt eigentlich wieder entfernt werden könnte. Schön wäre, wenn an seiner Stelle wieder so etwas Beglückendes prangen würde wie seinerzeit die animierte Leuchtreklame für die bekannten feinen Schokoladen vom Zürichsee.

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