Wie kurz darf eine Strasse eigentlich sein für die Ehrung einer Persönlichkeit, nach der sie benannt wird? In der Stadt Zürich reichen dafür schon gut 19 Meter im Falle der Robert-Walser-Gasse. Ist sie schon nicht lang, so ist sie mit rund zwei Meter Breite wenigsten schön schmal. Die Suche in einem Adressenverzeichnis nach dem Gässchen bei der St. Peterhofstatt wird nicht unbedingt gelingen, weil es keine Liegenschaft mit dieser Adresse gibt. Robert Walser ist kürzlich in der NZZ kurzerhand zum Zürcher Schriftsteller erklärt worden (es stand aber nicht im Feuilleton). Bedeutungsvoll an seinem zeitweiligen Aufenthalt in Zürich war vor allem, dass er eine Anstellung in Wädenswil gefunden hatte, die den Stoff zu seinem Roman «Der Gehülfe» lieferte. Die Wädenswiler (im Roman «Bärenswiler» genannt) widmeten ihm dafür eine über 120 Meter lange Quartierstrasse. Mehr verpflichtet ist dem Schweizer Schriftsteller Robert Walser seine Geburtsstadt Biel, wo er aufwuchs und wohin er nach wechselnden Aufenthalten an vielen Orten, darunter vor allem Berlin, für einige Jahre zurückkehrte, bevor es ihn nach Bern zog. Und so gibt es in Biel den Robert-Walser-Platz hinter dem Bahnhof. Doch zurück zur Kürze der Gassen und Strassen in Zürich. An Friedrich Glauser, Schöpfer der Wachtmeister-Studer-Romane, erinnern hier rund 30 Meter Gasse zwischen Niederdorf und Zähringerstrasse. Noch darunter bleibt die rund zwei Meter kürzere Kurt-Guggenheim-Strasse, die bei der Bahnhofstrasse 1 zur Talstrasse führt. Sie dient unter anderem den Bussen nach Kilchberg und Rüschlikon als Kehrstrasse – was will ein echter Zürcher Schriftsteller mehr an Ehrung? Den Kürze-Rekord aber hält, wenn nicht alles täuscht, die 18 Meter lange Lochmann-Strasse hinter dem Geiserbrunnen bei der Stadthausanlage. Sie ist wohl noch kürzer als der Nachruhm jener Lochmanns aus Zürich, die sich im 17. und 18. Jahrhundert Rang und Verdienst erwarben als Offiziere fremder Herrscher. Aber verachtet mir die Lochmannstrasse nicht! Es gibt nicht nur eine Liegenschaft mit dieser Adresse, sondern es finden sich hier auch sieben öffentliche Parkplätze, und das will in Zürich schon etwas heissen. Was Walser und Glauser betrifft, so waren sie offenbar vergessen worden, als 1996 im Zentrum Zürich-Nord, auch Neu-Oerlikon genannt, drei Dutzend neuer Strassen und Wege zu benennen waren. Es hätte ihnen hier wohl doch etwas zugestanden, vielleicht in der Grössenordnung des Mascha-Kaléko-Weges (86 Meter) oder des Nikolaus-Meienberg-Weges (130 Meter in ungewisser Planung). Ein Glück für sie, dass die städtische Strassenbenennungskommission im Jahr 2001 noch zwei unbenannte Altstadtgassen entdeckte. Im Falle von Friedrich Glauser traf es sich, dass dieser einmal für kurze Zeit an der Zähringerstrasse gewohnt hatte, bis ihm die Zimmerwirtin kündigte – einer der Gründe: «Glauser brachte auch Weiber auf das Zimmer». So steht es im Stadtratsbeschluss 731/2001 zur Benennung der Friedrich-Glauser-Gasse. Ferner heisst es da, dass man sich das Niederdorf auch als Schauplatz eines Wachtmeister-Studer-Romans vorstellen könnte. Ja, wenn man nie einen gelesen hat.
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Ein Tram, ein Tram!
Es scheint ein Alptraum zu sein für die Verantwortlichen der Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ), dass ihr Unternehmen in der Öffentlichkeit zu wenig beachtet werden könnte. Mit Plakaten wird dem entgegengewirkt. Eines davon prägt uns neuerdings ein: «Tram und Bus sind aus dem Zürcher Stadtbild nicht mehr wegzudenken.» (Ja, und wenn doch? Aber dieser abwegige Gedankengang soll hier nicht weiterverfolgt werden.) Denn die frohe Plakatbotschaft lautet: «Zürich muss den ÖV nicht unter der Erde verstecken: das neue Flexity-Tram.» Es wird auf dem Plakat in aller Pracht gezeigt – zusammen mit drei düsteren Bildern von Untergrundbahnen aus unbekannten Städten, die sich darob wohl schämen müssen. Im Weltformat angeschlagen ist das unter anderem nicht weit von der Tramhaltestelle Fröhlichstrasse. Dort in der Nähe befanden sich im vorletzten Jahrhundert das Depot und die Stallungen des Zürcher Rösslitrams. Das war bis 1900 in Betrieb – als in London bereits die erste Untergrundbahn verkehrte und in Paris mit dem Bau der Metro begonnen worden war. Aber Zürich blieb ja auch nicht beim Rösslitram; vielmehr wurden die Strassenbahnen elektrifiziert, und die Fahrzeuge wurden immer länger – bis hin zum knapp 43 Meter langen blau-weissen Flexity-Wunder. Manchmal weiss man im Zürcher Stadtbild gar nicht mehr, wohin man schauen soll vor lauter unverstecktem ÖV. Draussen im Seefeld, wo früher das Rösslitram rollte, während andernorts bereits der ÖV verlocht wurde, betreiben heute die VBZ zwei Tramlinien (neu mit Flexity) und eine Trolleybuslinie; da ist immer das eine oder andere ÖV-Fahrzeug in Sichtweite. Wäre das jemandem aufgefallen ohne das Plakat der VBZ? Immerhin zeigt dieses ja auch, dass die Zürcher sich freuen dürfen über die Untergrundbahn, die sie nicht haben.
Schuhnummer aus der Opernwelt
Tröstlich in dieser pandemischen Zeit ist uns das Streaming, Bit für Bit eröffnet es uns die Welt der Oper. «Orphée et Eurydice» von Christoph Willibald Gluck ist uns vom Opernhaus Zürich digital dargeboten worden. Wer mit dem Werk nicht besonders vertraut ist, dem wird es nach dieser Aufführung in der Inszenierung von Christoph Marthaler noch weniger vertraut sein. Aber es geschieht Interessantes, etwa die Schuhnummer in der Szene, da Orpheus das Gefilde der seligen Geister in der Unterwelt erblickt, wo er Eurydike finden soll. Ihr ist hier kurz zuvor ein belebender Trank verabreicht worden, worauf sie, inmitten sich am Boden windender Gestalten seliger Geister, kichernd und lachend in einen Freudentaumel gerät, sich die Pumps von den Füssen streift und zu tanzen beginnt. Dann wird sie bühnentechnisch auf schmalem Sims einen Stock in die Höhe gehoben, preist in einer Arie mit Chor dieses heitere Reich der Seligkeit und entschwindet mit dem Lift nach unten. Nun also erscheint Orpheus, betrachtet die Örtlichkeit vom oberen Stock aus und hebt an mit seiner Arie: «Quel nouveau ciel pare ces lieux!» Vom Himmel ist jedoch nichts zu sehen, wohl aber liegen unten gut sichtbar Eurydikes Pumps. Da gibt es zum Glück in dieser Inszenierung eine praktische Person mit Sonnenbrille (sie trägt eine Art College-Uniform mit weissen Kniesocken); die kümmert sich um solche Dinge, hebt die Schuhe auf und stopft sie in ihre Umhängetasche. Orpheus: «Quels sons harmonieux!» Und während für ihn die Landschaft vom Zwitschern der Vögel, vom Murmeln der Bäche und vom Säuseln des Zephirs widerhallt, stellt unten die praktische Person Eurydikes Pumps ordentlich in die Nähe des Lifts, was sie aber nicht befriedigt. Sie nimmt Eurydikes Pumps und placiert sie auf einer Art Buffet. Orpheus: «On goûte en ce séjour un éternel repos.» Doch keine Ruhe gibt es für Eurydikes Pumps, die wieder in der Umhängetasche der praktischen Person verschwinden. Unter dem Klappstuhl an der Wand, der schon etliche gute Dienste geleistet hat, ist für Eurydikes Pumps aber auch kein Bleiben. Orpheus klagt, die Stille, die man hier atme, könne seinen Schmerz auch nicht lindern. Eurydikes Pumps stecken bereits wieder in der Umhängetasche der praktischen Person. Nun scheint ein Platz gleich neben der Lifttüre dafür passend zu sein – oder doch nicht. Orpheus beteuert, dass nur Eurydikes zärtliche, bewegende Worte, ihre verführerischen Blicke, ihr liebliches Lächeln das einzige Gut seien, das er begehre. Eurydikes Pumps aber bleiben schliesslich in der Umhängetasche der praktischen Person, die damit die Szene verlässt. Und es ertönt Chorgesang.
Verflixte Verimpfung
Ich möchte nicht Deutsch lernen müssen. Einen Text mit «ich» zu beginnen finde ich zwar fragwürdig; aber hier war es am einfachsten. «Deutsch lernen zu müssen ist etwas, was ich nicht tun möchte» wäre mir zu geschraubt gewesen, abgesehen von der Frage, ob nicht «etwas, das ich nicht tun möchte» statt «was ich nicht tun möchte» richtig gewesen wäre. Doch das Kapitel über die relativen Anschlüsse kommt später im Deutschunterricht. Zunächst will man ja einige der wichtigsten Verben lernen, wie etwa «essen». Stark konjugiert, also nicht essen, esste, gegesst, sondern essen, ass, gegessen. Das kann man sich beispielsweise beim Apfelessen gut einprägen, indem man Biss für Biss die Kaubewegung mit «essen, ass, gegessen» begleitet. Nur gedanklich, nicht laut aussprechen! Ein Apfel müsste genügen. Ist er gegessen, sollte man es nicht mehr vergessen. Aber gegessen, vergessen – was ist jetzt das mit dieser Vorsilbe? Was für eine Form von «essen» ist «vergessen»? Gar keine. Es gibt auch kein Verb «gessen». Der entsprechende Wortstamm ist in der grauen Vorzeit der germanischen Sprachentwicklung verloren gegangen (verloren – noch so ein Fall!). Zwischenbemerkung: Das Verb «gissen» gehört zur seemännischen Fachsprache und hat mit alten Methoden der Positionsbestimmung zu tun; hatte sich der Navigator vergessen und sich vergisst, so war das vertrackt; als Laien können wir es aber vergessen. Hingegen kommt nun ein anderes Problem auf uns zu, nämlich die Verimpfung. Das Wort, zusammen mit dem Verb «verimpfen», erscheint jetzt pandemisch in den Medien. Da heisst es vorsichtig sein, denn wenn die Vorsilbe ver- auftaucht, denkt man unwillkürlich, es sei etwas schief gelaufen oder missraten, die Sache sei verbummelt oder verpfuscht worden. Das muss beim Verimpfen nicht unbedingt der Fall sein. Wenn mit dem verimpften Impfstoff ordnungsgemäss geimpft worden ist, so ist das kein Problem. Aber als zu Impfender möchte ich nicht verimpft, sondern richtig geimpft werden. Verimpfen heisst impfend verbrauchen. Dazu ist das Vakzin da. Die Impfwilligen hingegen sind nicht verimpfbar.
Und dann wäre da noch etwas Ästhetisches beizufügen. Nach einer zuverlässigen Quelle aus dem Jahre 1956 gab es damals eine dichterische Bewegung gegen das unschöne «Empf-» im poetisch wichtigen Wort Empfindung, das deshalb durch Entfindung ersetzt wurde (Nebelspalter Band 82 Heft 22). Und schöner als Impfung wäre doch auch Intfung. Denn was heisst eigentlich Pfung?
Zungenfertigkeit
Es gibt Ratschläge fürs Leben, die man nicht in den Wind schlagen sollte. Hier etwas Bedenkenswertes aus der NZZ:
«Hat man die Auster im Mund, so dreht man sie mehrmals mit der Zunge herum und drückt sie behutsam an den Gaumen, wie um sie dem Gehirn möglichst nahe zu bringen, denn man behauptet, dass die kostbare Ausströmung der Auster das Hirn augenblicklich erreicht und ihm Kraft, Lebhaftigkeit und Fähigkeit verleihe. Dann löst man mit der Zunge den Magen der Auster von ihren andern Körperteilen – denn dieser scheinbar so einfache Organismus hat einen Magen – und verschluckt ihn als erstes ohne ihn zu kauen. Den übrigen Körper zerkaut man, allerdings nur ganz leicht, vor dem Schlucken. Hierauf hebt man die Schale und saugt den letzten Tropfen daraus.»
Das ist allerdings nicht aus dem redaktionellen Teil der NZZ, sondern von einem Inserat in der Morgenausgabe des 26. November 1952, mit dem eine bekannte Restaurantgruppe ihre lebendfrisch aus Limfjord eingetroffenen Austern empfahl. Gewährsmann für den richtigen Zungendreh war dabei der amerikanische Gastro- und Gesellschaftsjournalist Iles Brody. Die Zürcher mussten da noch etwas üben. Für einfachere Gemüter fand sich auf der gleichen Zeitungsseite übrigens eine Anzeige mit dem Ratschlag: «Quäle nie ein Tier zum Scherz, trink lieber ein Rivella.»
