Der Dirigent Franz Welser-Möst ist gefalzt worden. Nicht gefilzt, gefalzt. Das ist ihm in der Zeitung passiert, wo sein Bild so auf einer Panoramaseite platziert worden ist, dass ihm der senkrechte Falz des Blattes mitten durch das Gesicht geht. Panoramaseiten, die zwei Seiten zu einer zusammenfassen, sind offenbar die Hohe Schule der Zeitungsgestaltung. An den Leser wird dabei nicht gedacht. Denn um die Gestaltung einer Panoramaseite als Gesamtkunstwerk würdigen zu können, muss man die Zeitung mit gestreckten Armen vor sich halten oder auf einem Tisch ausbreiten. Zum Lesen geht das weniger gut, und unterwegs mit dem ÖV oder im Café ist das auch nicht tunlich. Die meisten Leute halten die Zeitung bei der Lektüre als gefalzten Bund in der Hand, und dabei lässt es sich nicht vermeiden, dass die Seiten innen etwas zerknautscht werden. Und das ganze ästhetische Bemühen der Zeitungsgestalter mit der Panoramaseite ist zunichte gemacht, wenn das Gesicht des gefalzten Chefdirigenten in der Knautschzone verschwindet. Was aber passiert in der Online-Ausgabe, die ja allmählich die zu Print reduzierte gedruckte Zeitung überflügelt? Da zerfällt die Panoramaseite vollends in zwei Einzelseiten. Über der ersten Seite steht in unserem Fall: «Unterforderung ist d. Über der nächsten Seite liest man: as Schlimmste». Und dazu je das Bild eines halben Chefdirigenten. Jüngere Leser kennen wahrscheinlich Ludwig Uhlands Balladen nicht mehr, aber ältere fühlen sich allenfalls an dessen Verse erinnert: «Zur Rechten sieht man wie zur Linken / einen halben Türken herniedersinken». Was hier selbstverständlich völlig unangemessen ist.
Kategorie: Zeitung
Was für ein Tier ist das KMU?
«Es steht noch nicht im Brehm. Es steht noch nicht im Meyer. Und auch im Brockhaus nicht.» So schrieb Christian Morgenstern, und er meinte damit das Nasobeem, das man aber nicht unbedingt kennen muss, obwohl es das Schicksal mit dem Kmu teilt, das auch in keinem Lexikon steht. Man darf deshalb das Kmu nicht verwechseln mit dem Gnu, dessen Existenz zoologisch gesichert ist. Das Kmu indessen gibt es gar nicht. Selbst wenn es sich zu voller Grösse erhebt und sich KMU schreibt: als einzelnes Individuum vermag es nicht zu existieren. Ja, die KMU – das ist ganz was andres: Da haben wir es mit einer Abkürzung für «kleine und mittlere Unternehmen» zu tun und nicht etwa mit der weiblichen Form von dem KMU, das es nicht gibt. Wer sagt, er führe ein KMU, der weiss nicht recht, was er tut, selbst wenn es der Verwaltungsdirektor des Klosters Einsiedeln ist, der sich laut einem Zeitungsbericht kürzlich so geäussert haben soll. Der Unternehmer muss sich schon entscheiden, ob er zu den kleinen oder den mittleren gehört, beides zugleich geht nicht. Die grösseren Schweizer Klöster, um bei dieser Branche zu bleiben, dürfen sich wirtschaftlich gesehen wohl durchaus zu den mittleren Unternehmen zählen. Aber bitte nicht abkürzen: Der Abt stehe einem MU vor würde doch etwas läppisch tönen.
Mutmassliche Mutmassungen
Und wieder einmal stand es in der Zeitung: Nach einer Gewalttat sei der «mutmassliche Täter» geflüchtet und nicht gefasst worden. Man kann über vieles mutmassen, gewiss aber ist, dass eine Tat nicht ohne Täter geschieht. Und wer eine Tat begangen hat, wird nicht zum mutmasslichen Täter, weil er unerkannt entkommen ist. Einen mutmasslichen Täter gibt es eigentlich nur dann, wenn eine Tat nur mutmasslich begangen worden ist. Bei einem Brandfall beispielsweise wäre mutmassliche Brandstiftung durch einen mutmasslichen Brandstifter eine Möglichkeit.
Wenn aber an der Tat nicht zu zweifeln ist, dann hat die Polizei nach dem Täter zu suchen, und zwar nicht nach dem mutmasslichen. Findet sie dann einen Verdächtigen, bei dem es sich mutmasslich um den Täter handelt, so wäre es besser – je nach dem Stand der Ermittlungen und des Verfahrens – vom Verdächtigten, Beschuldigten oder Angeklagten zu sprechen statt vom mutmasslichen Täter.
Aber der «mutmassliche Täter» ist nun im Sprachgebrauch vieler Journalisten so fest verankert, dass sie die Bezeichnung ohne Bedenken auch für Täter verwenden, die in flagranti, also auf frischer Tat, ertappt worden sind oder als Geständige vor Gericht stehen. Da stiftet wohl die Unschuldsvermutung Verwirrung. «Jede Person gilt bis zu ihrer rechtskräftigen Verurteilung als unschuldig», steht in der Strafprozessordnung, die damit der Europäischen Menschenrechtskonvention folgt. Und in den Richtlinien des Schweizer Presserates zum Journalistenkodex heisst es, die Journalisten hätten der Unschuldsvermutung Rechnung zu tragen. Was ist dann beispielsweise mit dem Einbrecher, der auf der Flucht samt der Beute und dem Einbruchswerkzeug gefasst worden ist und der eindeutige Spuren am Tatort hinterlassen hatte? Dürfte er bis zum Vorliegen eines letztinstanzlichen Schuldspruchs nur als mutmasslicher Täter bezeichnet werden? Das hat doch nichts zu tun mit Unschuldsvermutung in strafrechtlichem Sinne. Es heisst ja nicht, jeder Täter gelte bis zur rechtskräftigen Verurteilung nicht als Täter. Es gibt auch Personen, die ohne Zweifel eine Tat begangen hatten aber dafür nicht verurteilt worden sind – das Strafgesetzbuch nennt dafür eine ganze Reihe möglicher Gründe. Wer erinnert sich da nicht an den pädophilen Pädagogen, der sich öffentlich zu seinen früheren sexuellen Verfehlungen bekannte, dafür aber wegen Verjährung keine Verurteilung mehr gewärtigen musste? War er nur ein mutmasslicher Täter? Für mutmassliche Journalisten vielleicht schon.
Narrativ-Narrheit
Seit etwa fünf Jahren stösst man immer häufiger in der Zeitung auf das Wort «Narrativ». Man kann sich gar nicht recht vorstellen, wie denn etwa die NZZ vorher überhaupt ihrer Rolle als Weltblatt gerecht werden konnte ohne dieses Substantiv. Früher kannte sie nämlich nur das Adjektiv «narrativ», wobei von «narrativen Strukturen» in Literatur und Musik besonders häufig die Rede war. Meistens hätte «erzählerisch» oder «erzählend» auch genügt; aber wer im Feuilleton schreibt, möchte ja dem gewöhnlichen Publikum seine Kompetenz auch mit seinem Fachwortschatz beweisen. Irgendwie schlich sich dann mit Zitaten das englische «narrative» als Substantiv ein. Das deutsche «Narrativ» aber war der NZZ noch im Jahre 1997 so unvertraut, dass sie es in Anführungszeichen setzte. Dann tauchte das Wort immer häufiger in Zusammenhang mit der jüdischen Geschichte auf, und nach und nach entwickelten sich alle Geschichtsbilder, historische Betrachtungen oder Darstellungen zu Narrativen. In der Politik wurden und werden nun auch unentwegt Narrative verbreitet. Aber man konnte auch solche Sätze lesen: «Das Als-ob-Dokumentarische erweist sich dabei als ebenso plausibles Narrativ wie das Sampling von Diskursbrocken und Soundschnipseln.» Was immer das auch heissen mag. Wer nun meint, «Narrativ» hätte etwas mit Narren zu tun, erliegt einem Irrtum – oder einem falschen Narrativ. Es stammt vielmehr vom lateinischen «narrare», was erzählen bedeutet. Ein «narrativum» gab es im klassischen Latein nicht. Vielmehr war eine Erzählung eine «narratio». Aber was kümmert uns schon das alte Latein. Narrativ kann jeder Narr verwenden. Das Programm meines Computers zur Prüfung von Grammatik und Rechtschreibung ist damit allerdings nicht einverstanden. Es meldet bei dem Wort jedesmal: «Schreiben Sie Adjektive klein.» Auf seine Art hat es ja recht.
In die Luft nach oben gesprochen
Die Stabhochspringerin hat noch Luft nach oben. Einer Firma, die wieder auf Kurs kommen muss, geht es gleich. Auch die Fussball-Nationalmannschaft, eine Kantonalbank und ein Theaterfestival haben noch Luft nach oben, und nicht zu vergessen der Handel mit Indien und Europas Aktien. Überall Luft nach oben ‒ es war in der Zeitung zu lesen. Eigentlich ist es ja normal und gar nicht erwähnenswert, dass nach oben Luft ist. Eine Stabhochspringerin kümmert sich eher darum, wieviel Luft sie unter sich bringt. Die Fussballer hingegen sollten nicht den Boden unter den Füssen verlieren; doch selbst beim Hallenfussball müssen sie sich kaum Gedanken machen, dass die Luft nach oben begrenzt ist: einfach den Ball flach halten! Eine Firma hat sicher keine Luft mehr nach oben, wenn sie beerdigt ist, um es bildhaft zu sagen, aber das ist keine erwünschte Zielsetzung. Schwieriger zu beurteilen ist der Fall einer Kantonalbank: Bei welchen luftigen Geschäften ist die Luft nach oben von Bedeutung? Was das Theaterfestival betrifft, so lassen wir es einfach dort in der Luft wo es will, weil gängige Konventionen im Theater ohnehin in Frage gestellt werden. Für den Handel mit Indien indessen, soweit er per Luftfracht abgewickelt wird, gilt es auch auf genügend Luft nach unten zu achten. Bei Europas Aktien allerdings kann die Luft nach oben knapp werden, wenn sie in zu engen Tresoren gestapelt werden. Manchmal kann ein Bild ja auch anschaulich sein ‒ und dennoch falsch.
Abgestumpft und zugespitzt
Gegenwärtig ist die Hochwasserlage stumpf, weil die Trockenheitssituation sich zuspitzt. Stumpfe Hochwasserlage? Wer hat denn schon so etwas gehört? Aber es muss sie ja geben, denn jedesmal, wenn von der Verschärfung einer Hochwasserlage gesprochen wird, muss man doch, selbst wenn die Lage nie ganz scharf wird, auf eine Abstumpfung hoffen. Allerdings ist am Ende der Abstumpfung von der Lage vielleicht gar nichts mehr vorhanden, so dass es tatsächlich keine stumpfen Hochwasserlagen gäbe. Aber irgend eine Situation bleibt immer. Jetzt also, im Hochsommer in unserem Teil der Welt ist die Situation trockenheitsbezogen, und sie kann sich sowohl zuspitzen als auch verschärfen. Beim Zuspitzen wird eher eine Spitze erreicht als eine Schärfe bei der Verschärfung, das ist bei Wassermangel gleich wie beim Überfluss. Um präzis zu sein sollte man allerdings nicht einfach von Mangel sprechen, sondern von einer Mangelsituation. Das ist vorteilhafter, weil man eine Situation in der Griff bekommen kann. Der Mangel selbst hat eine Neigung, sich dem Zugriff zu entziehen. Es gibt eben bei manchen Situationen Lagen, die schwierig zu beurteilen sind. Aber ein starker Regen könnte jetzt helfen. Er sollte nur nicht zu Hochwasserverhältnissen führen; das wäre lagemässig ungünstig. Man muss die Situation handhaben können, auch wenn man sie nicht in den Händen halten kann, denen sie uns nicht entgleiten sollte. Wer nun findet, dieses Blabla laufe Gefahr, sich allzu sehr zuzuspitzen, hat die Lage situativ erfasst.
Windmühlenkämpfer
Der Kampf gegen Windmühlen findet sich in meinem Leibblatt und anderswo immer wieder in Titeln und Texten. Aber es sollte mit diesem Bild vorsichtig umgegangen werden, denn manchmal ist es unpassend oder gar beleidigend. Es leitet sich ja ab vom legendären Kampf, den der selbsternannte Ritter Don Quijote im Roman von Miguel de Cervantes gegen Windmühlen führte. Nun lässt Cervantes von Anfang an keinen Zweifel daran aufkommen, dass Don Quijote verrückt ist. Er verwechselt die reale Welt mit seiner imaginären Ritterwelt, welche die fiktive Welt der Ritterromane ist, die er im Übermass verschlungen hat. Es ist eben nicht immer so, dass Lesen bildet. Und da Don Quijote mangels Realitätsbezug auch Störungen der visuellen Wahrnehmung hat, erscheinen ihm Windmühlen als eine Schar von übelgesinnten Riesen, gegen die unerschrocken den Kampf aufzunehmen ihm seine Ritterpflicht gebietet. Da sich nun die Flügel der Windmühlen zu drehen beginnen, wegen des aufkommenden Windes und nicht aus Schrecken vor dem kühnen Ritter, ist der Kampf bald entschieden, und Don Quijote liegt niedergeschmettert und lädiert auf dem Boden.
Nun zurück zum bildlichen Windmühlenkampf in der Zeitung: Wenn in der Realität ein Mensch, der nicht verwirrten Sinnes ist, einen anscheinend aussichtslosen Kampf führt gegen Gegner, Zustände, Verhältnisse, die nicht seiner Phantasie entsprungen sondern wirklich vorhanden sind, so ist er kein Don Quijote, der gegen Windmühlen als vermeintliche Feinde ficht. Ein Vergleich mit diesem Verrückten ist dann nicht fair. Womit aber nicht gesagt sein soll, es gebe heute keine Verrückten mehr, die einen Kampf gegen Windmühlen führen.
Ausgerückt
«Die sofort ausgerückte Feuerwehr brachte den Brand unter Kontrolle.» Derartiges liest man nicht selten in Meldungen über Brandfälle. Eine insgesamt erfreuliche Mitteilung, Glück im Unglück, auch wenn es gewisse Fragen aufwirft. Auf jeden Fall ist es beruhigend zu wissen, dass die Feuerwehr ausgerückt ist und die Brände nicht online bekämpft. Dass sie sofort auszurücken pflegt, würde man eigentlich erwarten. Warum wird es hier ausdrücklich erwähnt? Ist das vielleicht doch nicht ohne Weiteres gewährleistet? Und dann wüsste man doch gerne, ob das unter Kontrolle gebrachte Feuer schliesslich auch gelöscht worden ist, oder ob es weiter mottet.
Man geht aus
«Deutscher Jagdverband geht von über 1000 Wölfen aus» liest man in der Zeitung als Titel über einer Agenturmeldung. Und wohin geht denn nun die Jägerschaft von da aus? – «Davon ausgehen» ist zu einer Standardfloskel geworden, die in der Regel das Entscheidende verschweigt: Geht es nun um eine gesicherte Erkenntnis, eine Vermutung, eine Schätzung, eine These, von der ausgegangen wird? Und wenn ein Ausgangspunkt vorhanden ist, dann müsste ja wohl auch ein Ziel ins Auge gefasst werden. Aber das alles bleibt in der Regel im Ungewissen. «Die Polizei geht von einem Beziehungsdelikt aus», meldet der Polizeisprecher. Man ahnt, in welcher Richtung jetzt die Ermittlungstätigkeit der Polizei gehen wird, aber so genau will sie das natürlich nicht verraten. Und ob sie sicher ist, dass es ein Beziehungsdelikt ist oder dies nur vermutet, bleibt ebenfalls offen. Hätte die Polizei nur eine Vermutung, so würde sich das nicht so gut machen. Besser wirkt die Erklärung, sie habe etwas, wovon sie ausgehe. Diese Sprachverschleierung im Amtsdeutschen hat durchaus Methode. Und sie vereinfacht auch das Vokabular für die Verfasser von Medienmitteilungen. Es gäbe ja viele je nach Fall treffende Ausdrücke: Wir vermuten, nehmen an, rechnen damit, schätzen, meinen, denken, haben festgestellt, dass . . . Aber wozu der Aufwand? Es ist doch viel einfacher, wenn man davon ausgeht, dass es dem Leser auf solche Präzision nicht ankomme.
Quadratur des Kreises
Wenn die Politiker wieder einmal so lange im Kreise herum diskutiert haben, bis das Problem nicht gelöst ist, dann kommt häufig das Fazit, dass die Aufgabe eben der Quadratur des Kreises gleichkomme. Und die ist in der reinen Theorie beziehungsweise mit Zirkel und Lineal nicht lösbar. Aber da sich Politiker nicht in der dünnen Luft der reinen Theorie bewegen sondern auf dem Boden der Praxis ihre Aufgaben erfüllen sollten, brauchen sie doch vor der Quadratur des Kreises nicht aufzugeben. Die ist nämlich für den praktischen Gebrauch längst gelöst, wenn auch nur näherungsweise. Oder haben Politiker noch nie etwas von der Kreiszahl Pi gehört, mit deren Hilfe man aus dem Radius des Kreises das flächengleiche Quadrat errechnen kann? Das erledigt heute jedes Handy mit hinreichender Genauigkeit. Sicher, es bleibt immer ein minimer Rundungsfehler; aber wer erwartet denn schon von der Politik restlose Perfektion? Wenn die Politiker also angeblich mit der Quadratur des Kreises nicht zurechtkommen, so besteht das Problem eben meistens darin, dass sie sich nicht einigen können, ob sie einen Kreis oder ein Quadrat wollen. Und da hilft auch die Kreiszahl Pi nicht.
