«Denn eben wo Begriffe fehlen, das stellt zur rechten Zeit ein Wort sich ein», sagt Mephisto in Goethes «Faust». (Hm? Goethe? Faust? – Siehe Wikipedia!) Heute müsste es heissen: «Denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein englisch Wort sich alsbald ein.» Aber die Begriffe müssen gar nicht fehlen, das englische Wort stellt sich ohnehin ein, drängt sich auf und ist nicht mehr wegzubringen, selbst wenn sein Gebrauch so unsinnig ist wie «Superspreader», womit neuerdings Leute ausgezeichnet werden, die mehrfach Viren verbreiten. Als das Wort bei uns erstmals in den Medien auftauchte, bemühte man sich immerhin noch, dem Leser zu erklären, dass Spreader Verbreiter bedeute. Man hätte es also auch deutsch sagen können. Aber was ist denn an einem Virenverbreiter super? Gemäss Duden steht «super» für «sehr gut, grossartig, hervorragend» (und «Super» ist die Kurzform von «Superbenzin»). Laut englischen Wörterbüchern bedeutet «super» umgangssprachlich beispielweise «very good, excellent, especially, particularly». Es steckt also immer ein besonderes Werturteil dahinter. Superspreader – Superman? Haben wir jetzt dann Superstars einer neuen Infektionswelle? Werden die einmal aufgeführt in einer Bestenliste, so wie Superstars des Fussballs in der Liste der besten Torschützen? Aber eigentlich ist «Superspreader» nur ein fachsprachlicher Irrtum, nämlich eine Verwechslung mit «Hyperspreader». Und die Medien mit ihrer Sucht nach Superlativen sind dafür dankbar.
Kategorie: Sprachliches
Nicht daran denken!
«Nicht an einen Bären denken!» Das ist die Bedingung für die Wirkung des Trankes, der dem liebessüchtigen Fürsten in Frank Wedekinds Schwank «Der Liebestrank» verabreicht wird. Lange ist es her, seit Gustav Knuth auf der Bühne des Schauspielhauses verzweifelt versuchte, nicht an einen Bären zu denken – ein unvergesslicher Moment grosser Schauspielkunst! Aber es gelingt nicht. Zwar scheint ihm in einem hochdramatischen Augenblick jeder Gedanke an Bären vergangen zu sein, er stürzt den Trank hinunter – der Bär ist wieder da! Heute gibt es viele Dinge, die man nicht denken und nicht sagen soll. Dafür sind in Amerika spezielle Ausdrücke erfunden worden, beispielsweise das f-word. Das f steht für fuck, was einst als unaussprechlich galt, weil es explicit war. Heute gehört es bei vielen zur Alltagssprache. Aktueller ist das n-word, sozusagen ein Code, der in Amerika seit 1985 in Gebrauch ist. Zu erklären, was damit gemeint ist, würde bedeuten, das auszusprechen was nicht ausgesprochen werden soll, nämlich Nigger. Mittlerweile ist der Ausdruck N-Wort auch im Deutschen angekommen; Duden kennt ihn aber noch nicht. Und weil ich der rasenden Entwicklung des deutschen Wortschatzes auch nicht immer zu folgen vermag, ist er auch mir erst vor kurzem aufgefallen in einem Zeitungsinterview, in dem es unter anderem um die Ungehörigkeit der Verwendung des N-Wortes durch die Polizei ging. Und nun stelle ich mir alle die gut gewillten Polizeikräfte vor, die in einer entsprechenden Situation denken: «Aha, da darf ich jetzt aber ja nicht das N-Wort verwenden!» Woran denken sie dann? An das N-Wort. Es gibt kein besseres Mittel, das N-Wort ins Gedächtnis einzubrennen, als es zu umschreiben mit N-Wort. Aber bitte nicht daran denken!
Locher ohne Knatsch
Die Journalisten zeigten sich für einmal aussergewöhnlich feinfühlig: Im Zusammenhang mit dem Rücktritt des Präsidenten der «Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz» in der Woche vor Pfingsten wurde nirgends in der Presse der Ausdruck «Knatsch» verwendet (der Basler Zeitung schien das zwar schwer zu fallen, und sie behalf sich mit «Zoff»). Dabei ist es doch schon beinahe journalistische Pflicht, bei Zwist, Streit und Konflikten von Knatsch zu schreiben, nicht zuletzt bei Fällen in kirchlicher Umgebung. Und bei diesem Rücktritt mangelt es ja nicht an Konfliktstoff, auch wenn Genaueres über die geltend gemachten Grenzverletzungen nicht bekannt ist. In anderer Hinsicht folgten die Medien aber gerne ihrem Drang zum Klischee: Der zurückgetretene Gottfried Locher wurde allenthalben als «oberster» oder «höchster Protestant» bezeichnet, unbekümmert darum, dass Hierarchien für die evangelisch-reformierten Kirchen wesensfremd sind. Die «Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz» ist ein Verein, der bis vor kurzem «Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund» hiess. Er bezeichnet seine Statuten jetzt als Verfassung, das tönt prätentiöser, ändert aber nichts daran, dass er ein Verband unabhängiger kirchlicher Körperschaften ist, die ihm nicht untergeordnet sind. Da ist keiner der Oberste oder Höchste, auch der Vereinspräsident nicht. Sein Amt ist nicht mit dem eines reformierten Bischofs zu verwechseln. Was übrigens das ausnahmsweise vermiedene Wort «Knatsch» betrifft, so bedeutet es nach Grimms Deutschem Wörterbuch ursprünglich «breiartig kotiger Boden oder Weg, Strassenschmutz» oder auch «unordentliches Gerede». Und gemäss dem Etymologischen Wörterbuch von Kluge hat es einen lautmalenden Ausgangspunkt, nämlich den Laut, der beim Zerdrücken oder Zertreten von etwas Weichem entsteht, womit es zum weiteren Umfeld von knutschen gehöre. Dieser Gedankengang sei hier nicht weiter fortgesetzt; er könnte in gefährliche Nähe zu Grenzverletzungen führen.
Internetbasierte Pizza
Wenn der Pizzakurier läutet, dann erhebt sich eine Frage: Steht jetzt da ein Plattformarbeiter vor der Tür oder einfach der Lieferant mit der bestellten Pizza? Das hängt ganz davon ab, ob die Pizzabestellung internetbasiert oder möglicherweise gar per App erfolgt ist oder nach altem Brauch telefonisch. Gemäss einer Definition, die man beim Bundesamt für Statistik (BfS) findet, hat man es mit Plattformarbeit zu tun, wenn die dienstleistende Person via Internetplattform oder App mit der Kundin oder mit dem Kunden verbunden wird und die Bezahlung in der Regel durch die Internetplattform oder App erfolgt. Und bei den Tätigkeitsbereichen, die darunter fallen können, handelt es sich gemäss BfS beispielsweise um «Taxidienste, Reinigungsarbeiten, Essenslieferdienste, Warentransport und -lieferung, Handwerkerarbeiten, Programmierung, Übersetzungsarbeiten, Daten- und Texterfassung, Web- und Grafikdesign». Ob die Pizzalieferung zu den Essenslieferdiensten oder zu den Warenlieferungen zu rechnen ist, spielt keine Rolle: der Pizzakurier kann sich da nicht drücken. Aber etwas zwiespältig ist es für ihn schon, wenn er hier (weil internetbasiert aufgeboten) als Plattformarbeiter steht und ein Haus weiter auf telefonische Bestellung seinen Job einfach so wie immer verrichten muss. Man sollte die Plattformarbeit denen überlassen, die dafür tatsächlich auf eine Plattform steigen müssen, beispielsweise auf eine Montageplattform oder auf eine Fensterreinigungsplattform in schwindelnder Höhe, wo sie seilgesichert besser aufgehoben sind als internetbasiert. Für alle andern Fälle ist Plattformarbeit ein verwirrender und deshalb überflüssiger Ausdruck.
Social Distancing ist verfehlt
Social Distancing ins Deutsche übersetzt heisst soziale Distanzierung, und da müsste man doch sofort merken, dass das nicht gemeint sein kann, wenn es um eine Massnahme zur Verminderung der Infektionsgefahr geht. Eigentlich braucht es überhaupt keinen englischen Ausdruck, um die Leute zum Abstandhalten aufzufordern, sprich zur Wahrung eines Sicherheitsabstandes zu ermahnen oder räumliche Distanz zu empfehlen. Und schon gar nicht braucht es dazu einen verfehlten englischen Ausdruck. «Social distancing» war zwar ursprünglich von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Richtlinien zur Bekämpfung von Grippeepidemien empfohlen worden, aber inzwischen hat sich die WHO korrigiert und spricht von «physical distancing», also von physischer Distanz, weil man ja nicht das soziale Beziehungsnetz zerstören wolle. Doch da sich inzwischen, ausgehend von amerikanischen Gesundheitsinstitutionen, der verfehlte Begriff wie ein Lauffeuer verbreitet hat, wird er kaum mehr auszurotten sein. Immerhin macht man sich heutzutage nicht nur in Zusammenhang mit Gender-Problemen Gedanken zum Sprachgebrauch, und so haben doch viele gemerkt, dass soziale Distanzierung das Gegenteil von sozialem Zusammenhalt ist, auf den es jetzt ankommt. Der Ausdruck Social Distancing stösst immer mehr auf Ablehnung. Nun müssten das nur noch die Medien lernen.
Ist Homeoffice besser als Heimarbeit?
Homeoffice tönt besser als Heimarbeit, weil man meinen könnte, es sei englisch. Die Engländer scheinen den Ausdruck aber nicht zu kennen. Unter Home Office verstehen sie das Innenministerium. Telecommuting, teleworking oder working from home nennen sie die moderne Form der Heimarbeit. Sie wissen eben mit ihrer Sprache etwas anzufangen. Auf Französisch wird von télétravail gesprochen. Und wir machen Homeoffice, was eigentlich blöd tönt. Wer macht schon Büro? Sprachlich ist das übrigens gar nicht so einfach. Man muss sich entscheiden zwischen Home-Office und Homeoffice (von Duden empfohlen). Und wie heisst das in der Mehrzahl? Duden meint Homeoffices, aber das braucht’s ja nicht, wer hat schon mehrere davon? Den Genetiv vergessen wir einfach. Das Verb homeofficen ist noch nicht aufgetaucht, aber das Partizip gehomeofficed wird wohl kaum lange auf sich warten lassen. Wie nennt man übrigens eine Person, die im Homeoffice arbeitet? Ist Homeofficer richtig, und sind dann alle ihre eigenen CHO oder Chiefhomeofficer? Das wäre in einem ruhigen Augenblick im Heimbüro einmal zu überlegen. Bleibt gesund!
CxOlogie oder vorne ein C und hinten ein O
Wer sich in der CxOlogie nicht auskennt, ist in der Unternehmenswelt auf verlorenem Posten. Zur munteren Einleitung in das Thema eine Quizfrage: Wer hat vorne ein C und hinten ein O? Der CEO natürlich. Der ist vorne ein Chief und hinten ein Officer, und dazwischen ist er executive, also ein ausführendes Organ. Früher gab es für seine Funktion die Bezeichnungen Geschäftsführer, Direktor oder Generaldirektor, je nach der Bedeutung des Unternehmens. Frustrierend für den CEO ist es, dass es diese Funktion offiziell gar nicht gibt: das Handelsregister kennt keine CEOs. Dieses führte einen kürzlich abgegangenen bedeutenden CEO der Bankenwelt als Präsidenten der Geschäftsleitung – also nicht einmal als Generaldirektor. Gesellschaftlich ist der CEO ohnehin bedeutungslos. Der Herr Direktor, das war noch jemand, und eine Direktorsgattin konnte als Frau Direktor beim Metzger im Dorf eine besonders respektvolle Begrüssung erwarten. Tempi passati – den Herrn CEO kann man vergessen, aber wenigstens ist CEO geschlechtsneutral. Soweit also die Präliminarien und der geschichtliche Rückblick, und nun kommen wir zur Sache. Denn die Chief Officers sind längst nicht mehr nur executive, sondern es gibt daneben den CCO, den CDO, den CFO, den CIO, den CMO und so fort bis hin zum CXO. Den CYO gibt es wahrscheinlich nur deshalb nicht, weil das eine amerikanische Kosmetikmarke oder eine katholische Jugendorganisation ist, und der CZO lauert in der Reserve. Es wäre vermessen, hier im Einzelnen auf jeden CxO einzugehen. Vorsicht: CxO nicht mit CXO verwechseln! Der Terminus steht für die ganze C-Level-Klasse mit dem kleinen x als Platzhalter. Man setze den passenden Grossbuchstaben ein! Es können auch mehrere sein, beispielsweise HR, das gibt dann den CHRO. Dieser steht vermutlich über dem HRM, der als Manager eigentlich auch ein Officer ist, aber nicht zum C-Level gehört (HR steht bekanntlich für Human Resources, was immer noch Personal bedeutet). Leider sind bei einigen x-Werten Mehrdeutigkeiten nicht auszuschliessen. Ob sich der CDO mit Data, Design oder Development befasst, muss im Organigramm geklärt werden. Der CDO Manager hingegen, der Collateral Debt Obligations handhabt, gehört nicht hierher. –Das muss fürs erste genügen. Wer sich vertiefen will in die CxOLogie, findet im Internet reichlich Material. Es ist entsetzlich, welchen Aufwand es braucht, um den Leuten zu erklären, was gemeint ist, wenn geläufige deutsche Begriffe durch codiertes Englisch ersetzt werden.
Verwirrende Selbstneoinvention
Selbstneoinvention scheint eine der grossen Herausforderungen unserer Zeit zu sein. Noch nie etwas davon gehört? Das kann schon sein, weil das Wort hier in einem Anfall von Kreativität mutmasslich eben neu erfunden worden ist. Dabei lesen wir täglich in der Zeitung darüber; hier einige Beispiele. «Die Autobauer müssen sich neu erfinden – und mit ihnen die Schweizer Zulieferer». Wen wundert da die Meldung: «Die klassischen Automessen müssen sich neu erfinden, um zu überleben.» Es gilt überhaupt weit herum in der Wirtschaft: «Kaufhäuser müssen sich neu erfinden», oder auch gleich die ganze Zürcher Bahnhofstrasse. «Apple will sich neu erfinden» kann nicht überraschen, denn «Jahrzehnte erfolgreiche Firmen mussten sich neu erfinden». Die Welt des Sports bleibt auch nicht unberührt: «Der HC Lugano muss sich neu erfinden» und «die GC-Verantwortlichen erklärten gestern, sie wollten sich neu erfinden.» Von den Niederungen des grünen Rasens hinauf in den Schnee: «Die Tour de Ski muss sich neu erfinden.» Auch der Mensch kann der Selbstneoinvention nicht entgehen. Von einer Schriftstellerin erfahren wir: «Sie wollte das Schreiben jedoch keinesfalls aufgeben, und so erfand sie sich neu.» War sie zuvor denn auch nur eine Erfindung? Das ist ein Einzelschicksal, aber andernorts geht es um ein Massenereignis: «Eine Legion an Wall-Street-Analysten muss sich neu erfinden.» Ist das nun Sache der einzelnen Analysten, oder besorgt es die Legion kollektiv für alle? Machen wir es kurz und erwähnen nur noch summarisch, dass sich auch Europa, die Kirche und Kasachstan neu erfinden müssen, während Pro Senectute es schon getan hat.
Und dabei geht das alles gar nicht. Dinge erfinden sich nicht selbst, sondern werden erfunden. Institutionen werden geschaffen und sind keine Selbsterfindungen. Das Hühnerei erfindet sich nicht, sondern wird gelegt, und wenn es zum Spiegelei wird, hat es sich nicht neu erfunden. Keine Regel ohne Ausnahme: Dass Künstler sich selbst als ihre eigenen Kunstwerke erfunden haben, soll schon vorgekommen sein. Wenn etwas schon besteht, kann es nicht neu erfunden werden; soll es aber ersetzt werden durch etwas Neues, dann muss das Alte verschwinden. Soll sich etwa die Kirche abschaffen, damit sie sich neu erfinden könnte, auch wenn es sie dann gar nicht mehr gäbe? Nein, das will oder soll doch alles bleiben, wenn auch nicht mehr unbedingt so, wie es jetzt ist. Die Klischee-Floskel «sich neu erfinden» gehört einfach in den Papierkorb, und Selbstneoinvention gibt es nicht. Aber vielleicht taucht es jetzt dann bei Google auf.
Grossmutter verpuppt
Moderne Grossmütter sind keine Grosis mehr. «Das Grosi» ist eigentlich unmöglich geworden. In einer genderbewussten Gesellschaft kann man doch Frauen nicht mehr verdinglichen. Es fiele ja auch niemandem ein, den Grossvater als «das Opi» oder gar «das Gropi» zu bezeichnen. Auf neuere Bestrebungen, das binäre Grosselternkonzept überhaupt abzuschaffen (wobei man dann Sternchen sieht), sei hier nicht weiter eingegangen. Jedenfalls müssten die vereinigten Grossmütter dagegen rebellieren, dass neuerdings mit einem Grosi-Bäbi eine Kampagne für ein «entspanntes Verkehrsklima» geführt wird. «Grosi an Bord» heisst die Aktion; sie ist ersonnen worden von der Zürcher Verkehrskonferenz unter Anführung der Stadt Zürich. «Fahr so, wie wenn dein Grosi dabei wäre,» lautet die Empfehlung. Das Grosi ist hier tatsächlich ein Ding, nämlich eine milde lächelnde Puppe mit Kulleraugen hinter grossen Brillengläsern und einer museumswürdigen Altfrauenfrisur. Es höckelt auf dem urbanen Rucksack eines jungen Mannes, hat es sich bequem gemacht im Einkaufskorb auf dem Velo einer jungen Frau und hat sogar mit einer Lismete Platz genommen auf der Lenkradnabe eines Autos, das gemäss Tacho mit 50 km/h unterwegs ist. «Vorerst wird Grosi auf Plakaten, im Tram, auf Velos, Dienstfahrzeugen, Aufklebern und Behördeninformationen auftreten,» teilt das Sicherheitsdepartement der Stadt Zürich mit. Und nun die schlechte Nachricht: Es sind bereits 45’000 Grosi-Sticker verschickt worden. Die gute Nachricht dazu: Die Aufkleber sollen sich leicht wieder ablösen lassen. Und jedenfalls wissen wir jetzt, dass ein Mangel an Grosis schlecht ist für das Verkehrsklima. Aber wie fährt man eigentlich, wenn das Grosi dabei ist?
Jetzt wird es wieder persönlich
Wie menschlich ist human? Ja, das kommt darauf an. Wenn es um Humankapital geht oder um Human Resources, dann sind eigentlich weniger die Menschen an und für sich gemeint, sondern betriebswirtschaftliche Grössen, Produktionsfaktoren. «Humankapital» wurde 2004 zum deutschen Unwort des Jahres erklärt: Der Begriff degradiere nicht nur Arbeitskräfte in Betrieben, sondern Menschen überhaupt zu nur noch ökonomisch interessanten Größen. Dagegen protestierten Ökonomen. Humankapital im ursprünglichen Sinn müsse doch als Erfolgsfaktor, Ressource oder Potential angesehen werden, als positiv belegter Begriff der Mitarbeiter als Wert des Unternehmens. Ja, eben, so reden Sprachkritiker und Ökonomen aneinander vorbei. Human Resources jedenfalls tönt verdächtig nach Menschenmaterial (dem Unwort des 20. Jahrhunderts). Das fällt weniger auf, wenn man es abkürzt zu HR (ausgesprochen eitschaa, es ist ja englisch). Manche Ökonomen werden das nicht verstehen wollen. Schliesslich sind englische Ausdrücke ja auch gefragt, weil man sich nicht um ihren eigentlichen Sinn kümmern muss. Dass Human Resources eine unnütze Bereicherung der deutschen Sprache ist, hat der Stadtrat von Zürich unfreiwillig bewiesen. Uneingedenk des Umstandes, dass Deutsch Amtssprache ist, verpasste er dem Personalamt eines Tages die Bezeichnung «HR Stadt Zürich (Human Resources Management Stadt Zürich [HRZ])» – vollständig mit runden und eckigen Klammern, für geschweifte reichte es nicht mehr. Das war dann doch zu schwerfällig, also wurde die Sprachblähung kuriert und auf Human Resources Management reduziert. Der Aufgabenkatalog dieser Dienstabteilung umfasst 14 Punkte: Er handelt vom Personalwesen, vom Personalrecht und von Personalreglementen, von Personalführung, Personalabteilungen, Personalgeschäften, Personalentwicklung, Personen in Erstausbildung, Personalkosten, von der Personalversicherung und der Personalwerbung oder auch einfach von Personal. Von Human Resources steht nichts darin. Den Ausdruck könnte man also einfach vergessen. Der Trend der Zeit geht übrigens Richtung Personalized Human Resources. Am besten liesse sich das HRM personalisieren mit der Bezeichnung Personalamt.
