Auf in die Kultur!

«Zu unseren Veranstaltungen kommen Leute, die sonst nichts mit Kultur zu tun haben.» Das hat kürzlich ein Kulturtätiger in einem Zeitungsinterview zum Besten gegeben. Wer nun vermutet, er habe von Veranstaltungen in fernen Ländern bei kulturfremden Eingeborenen geredet, täuscht sich. Der Mann meinte die Festspiele Zürich, deren Geschäftsführer er ist. Wie merkt man es eigentlich den Leuten an, ob sie etwas mit Kultur zu tun haben? Muss man etwa bei einem Kultur-Pisa-Test eine Mindestpunktzahl erreichen, um sich über Kulturteilhaftigkeit ausweisen zu können? Vielleicht könnte eine Kulturhaltigkeits-Etikette (A ist gut, E ist ungenügend) dem Kultursuchenden helfen, oder eine Kulturampel, entsprechend dem Lebensmittel-Ampelsystem. Kultur ist ein weites Feld, und weit wird auch bei den Festspielen Zürich der Themenkreis gezogen: Im letzten Programm beispielsweise hatte vom Bodybuilding bis zur Psychiatrie und zur Theologie vieles Platz. Nur Briefmarkensammeln blieb unberücksichtigt. Sich von jeglicher Kultur fern zu halten ist also gar nicht so einfach, besonders in einer Stadt wie Zürich, der im gleichen Interview «eine unvergleichlich reiche Kulturlandschaft» attestiert wird. Abwegige Zwischenfrage: Ist Kulturland auch ein Teil der Kulturlandschaft? Sicher gehört der öffentliche Raum dazu, dessen Bestückung mit Kunst den Stadtbehörden ein besonderes Anliegen ist. Dass man es mit Kultur zu tun hat, leuchtet zwar nicht bei allem ein, was da präsentiert wird. Aber der gute Wille ist zu anerkennen.  Fazit: Niemand wächst hierzulande fern von jeglicher Kultur auf. Spätestens beim Malen und Zeichnen im Kindergarten wird doch eine kulturelle Grundlage geschaffen. Das ist nicht Ironie, sondern ergibt sich aus dem Kindergarten-Lehrplan. Doch zurück zur Aussage über Festspielbesucher, die sonst nichts mit Kultur zu tun hätten: Liegt da etwa eine Verwechslung von Kultur mit Kulturbetrieb vor?

Schiefes

Die italienische Stadt Pisa, in der Toskana gelegen, ist berühmt für ihren schiefen Turm; keiner kommt ihm gleich, obwohl beispielsweise der bekannte schiefe Turm von St. Moritz noch schiefer ist – aber das gehört nicht hierher. Überhaupt gehört auch Pisa nicht hierher, schiefer Turm hin oder her. Denn hier geht es um PISA, und das hat weder mit Pisa noch mit Italien etwas zu tun. Es ist eine Erfindung der OECD (so heisst zum Glück keine Stadt) und bedeutet Programme for International Student Assessment. Auf Französisch muss man versuchen, das zusammenzureimen mit Programme international pour le suivi des acquis des élèves. Da sind die Schüler, um die es eigentlich geht, etwas abgehängt und in PISA nicht unterzubringen. Auf Deutsch lässt sich mit PISA nichts Sinnvolles formulieren. Eine Frage zur Prüfung des Textverständnisses könnte für Deutschsprachige lauten: Warum heisst die OECD-Schulleistungsstudie PISA? Als teilweise gültig bewertet werden müsste die Antwort, weil dabei manchmal etwas schief herauskommen könne, ähnlich dem schiefen Turm zu Pisa.

Nach Schlieren mit Liebe?

Kann man Schlieren lieben? Na ja, wahrscheinlich, je nachdem wie es einem da gefällt. Eine andere Frage ist, wie es denn um die Liebesfähigkeit einer Dienstabteilung des Departementes der Industriellen Betriebe der Stadt Zürich bestellt ist, beziehungsweise wie man sich diese vorzustellen hätte. Denn eine dieser Dienstabteilungen liebt angeblich Schlieren. Es handelt sich um die VBZ, und so liest man es auf Plakätchen in Tramwagen und Bussen: «Wir lieben Schlieren. Deshalb haben wir die Tramlinie 2 bis Geissweid verlängert.» Unterschrieben VBZ. Die neue Strecke von Altstetten nach Schlieren ist allerdings nicht von den VBZ mit Liebe gebaut worden, sondern von der Limmattalbahn AG mit einem Kredit, den die Stimmberechtigen des Kantons Zürich bewilligt haben (die Schlieremer  waren zwar mehrheitlich dagegen). Weitere Etappen folgen. Und der Betrieb der verlängerten Tramlinie erfolgt nicht unter Absingen von Liebesliedern, sondern als Leistung im Rahmen des Zürcher Verkehrsverbundes (ZVV), der dafür bezahlt. Die Botschaft, dass jetzt das Tram 2 bis nach Schlieren fährt, käme bei den Interessierten wohl auch ohne Liebelei an. Warum also der falsche Werbeschmus? Der Grund liegt wohl darin, dass bei den VBZ, dieser Dienstabteilung des Departementes für Industrielle Betriebe, so etwas wie ein Liebesbedürfnis schwelt. Denn laut Unternehmensstrategie haben die VBZ eine Ambition: «Unsere Kundinnen und Kunden sind unsere Fans.» Warum kann eine städtische Dienstabteilung ihr Aufgaben nicht ohne solches Brimborium erfüllen? Es genügt doch, dass die Kunden zufrieden sind, wenn das Tram oder der Bus rechtzeitig kommt und es darin einigermassen sauber ist.

Naturfreuden im Stromsee

Wie das ist mit dem Strom, der aus der Steckdose kommt, erklärt das EWZ zeitgemäss mit einem Video. Es sei hier mit Worten versucht: Elektrischer Strom wird erzeugt mit Wasserkraft, Windkraft, Photovoltaik (dann ist er natürlich), oder in Kernkraftwerken (lieber nichts dazu sagen), oder auf andere Weise (beispielsweise durch Verbrennung von Kohle, Erdöl, Gas, was dem Klima schadet, aber zur Deckung des Bedarfes nötig ist, im Video aber nicht näher erläutert wird). Alle diese Quellen speisen das internationale Netz, das mit dem Stromsee symbolisiert wird. Aus diesem kommt auch der Strom für die Kunden des EWZ, der folglich ein Mischprodukt ist – für alle. Aber das EWZ verkauft ja nur natürlichen Strom, auch wenn es ein Mischprodukt liefert. Das Wunder erklärt sich dadurch, dass die EWZ-Kunden über den Stromtarif die Produktion von Strom aus erneuerbaren Quellen fördern. Sie können noch etwas mehr tun, und für Ökostrom bezahlen. Geliefert wird immer der Strommix. Wenn man sich den Stromsee als Badegewässer vorstellt (aber das ist nun nicht mehr das EWZ-Video), so kann man Badende herumplantschen sehen, von denen einige hellgrüne und andere dunkelgrüne Badekappen tragen. Das sind die EWZ-Kunden, die den Badenden ohne grüne Kappe zurufen: Hei, unser Wasser ist sauberer als eure Brühe, denn wir haben dafür bezahlt! Als Geschäftsmodell für eine Badanstalt würde das allerdings nicht taugen. Aber lassen wir das. Immerhin ist es nützlich zu wissen, womit denn das EWZ den Stromsee alimentiert. Es lieferte 2018 laut Geschäftsbericht 2247 GWh Wasserkraft,  2233 GWh aus Kernkraftwerken, 328 GWh Windkraft, 27 GWh Solarenergie und 80 GWh aus verschiedenen anderen Quellen. Wasserkraft und Windkraft zusammen hätten noch nicht gereicht, um den Stromverbrauch der Stadt Zürich zu decken, wobei die Windkraft zur Hauptsache ohnehin nicht zu den Zürchern fliesst; denn die meisten Windräder stehen in Nordeuropa an einem andern Stromsee. Nun wird aber 2020 alles neu, oder wenigstens der Stromtarif des EWZ. Man kann nun wählen zwischen «natur», «pronatur» und «econatur». Nicht angeboten wird «pseudonatur», obwohl sich an der gelieferten Mischung aus dem Stromsee wenig ändert.

Verkehrsvorschriftenmaschine

Auch Zürcher, die noch nie etwas vom Kartoffelplatz gehört haben, kennen ihn wahrscheinlich: Es handelt sich um die kleine Anlage mit dem Waldmannbrunnen an der unteren Rämistrasse. Sie ist etwa 50 Meter lang und 20 Meter breit und wird begrenzt von der Oberdorfstrasse und der Waldmannstrasse an den Schmalseiten und von der Rämistrasse und ihrer Nebenfahrbahn an den Längsseiten. Wie viele Verkehrsvorschriften braucht es wohl für ein solches Strassensystem? Darüber gibt die Verfügung 2019/0447 des Sicherheitsdepartementes Auskunft, deren Publikation im Tagblatt der Stadt Zürich auf etwas mehr als einer Seite alles in etwa 1500 Wörtern zusammenfasst: Es werden nämlich erstens aufgehoben die einschlägigen Verkehrsvorschriften vom 19. Oktober 2017, die aufgrund von Einsprachen noch gar nicht in Kraft getreten sind, und dafür zweitens neue Vorschriften erlassen – die dem bisherigen Zustand entsprechen. Aufgehoben werden damit auch Verfügungen der Vorsteher bzw. Vorsteherinnen des Polizeidepartements aus den Jahren 1966, 1977, 1979, 1986, 2009 (alle im Wortlaut wiedergegeben). Kurz: Am Verkehrsregime um den Kartoffelplatz ändert sich gar nichts, aber dagegen kann dank der neuen Verfügung innert 30 Tagen Einsprache erhoben werden.

In der nämlichen Ausgabe des Tagblattes sind noch zehn weitere Verfügungen betreffend permanente oder temporäre Verkehrsvorschriften publiziert. Das ist ein beeindruckendes Zeugnis von der Produktivität des zuständigen Amtes im Sicherheitsdepartement. Zur Frage der Effizienz sei hier besser nichts gesagt. Eine dieser Verfügungen sticht allerdings durch ihre Kürze hervor. Sie hebt eine Verkehrsvorschrift für einen Verkehrsweg «wegen Nichtvorhandenseins» auf. Es handelt sich bei diesem nicht existenten «Verkehrsweg» gemäss Verfügung des Polizeivorstands vom 14.1.1994 um einen «Parkplatz für gehbehinderte Fahrzeuglenker». Die Vorschrift müsste eigentlich schon wegen nicht geschlechtsneutraler Formulierung aufgehoben werden. Aber der Parkplatz befindet sich ohnehin an einem anderen Ort auf privatem Grund.

Wagner zerfetzt

Wagner ist nicht mehr zeitgemäss. Das ist ein Problem für Bayreuth. Dort sieht man die Lösung darin, dass Regisseure engagiert werden, die aus Wagners Opern etwas Zeitgemässes zu machen suchen. Nehmen wir als Beispiel «Tannhäuser»: Im ersten Akt langweilt sich der Ritter Tannhäuser nach des Komponisten Vorstellung in einer Grotte der Wollust, von der Liebesgöttin Venus höchstpersönlich betreut, und verkündet, dass er genug habe. Bewundernswert die orgiastische Phantasie, mit der Wagner die Szenerie im Libretto beschreibt. Eigentlich liesse sich das noch heute bühnenwirksam umsetzen. Nur darf und will doch der heutige Regisseur nicht so, wie es der Komponist gewollt hat. Ausserdem hat man das ja schon gesehen – und Orgiastisches wird heute allenfalls in Opern präsentiert, in denen der Komponist das nicht vorgesehen hat. Also erscheint Tannhäuser heute als trauriger Clown, der unterwegs ist mit einer Tingeltangeltruppe unter Führung einer Schönen in glitzerndem Hosendress. Sie fährt einen alten Van, dem das Benzin ausgeht. Die Kumpanen – eine pompöse Dragqueen und ein Kleinwüchsiger mit Blechtrommel – machen sich jetzt nützlich, indem sie auf einem Parkplatz mit dem Siphontrick Benzin aus einem fremden Auto klauen. Die Truppe wird immer übermütiger, überfährt nebenbei auch einen Ordnungshüter, was dem Clown aber je länger desto weniger gefällt, weshalb er schliesslich aus dem Roadmovie aussteigt. Wirklich ein munterer Einstieg in die Thematik der Oper, nämlich den Zwiespalt zwischen den Gefühlen hehrer Liebe und wollüstiger Triebe und die Vergebung der Sünden. Der Effekt wird nur dadurch beeinträchtigt, dass die Protagonisten Wagner singen und der traurige Clown die Tingeltangelschönheit als Göttin anhimmeln muss.

Der Regisseur aber will ja gar nichts Zeitgemässes aus Wagner machen. Er zieht vielmehr alle Register, um die Oper zur Farce werden zu lassen, und parodiert nicht nur den Bayreuther Festspielrummel, sondern stellt mit der Dragqueen die Verkörperung der Parodie an sich auf die Bühne. Der Blechtrommler allerdings hat so viel Taktgefühl, dass er die Oper nicht zertrommelt.  Aber am Schlusse wird dann doch Wagner richtig erledigt. Elisabeth, der alles Sehnen Tannhäusers galt, wartet vergeblich auf die Rückkehr des reuigen Sünders aus Rom, wohin sie ihn zur Busse geschickt hat, gibt sich dem Rivalen Wolfram von Eschenbach hin (explizit) und bringt sich um. Tannhäuser, verspätet zurück von Rom, wo ihm christliche Gnade und Vergebung der Sünden nicht gewährt worden ist, zerfetzt die Partitur der Oper und wirft sie ins Feuer.  Schluss? Nein, es geschieht ja – heilige Elisabeth! – noch ein Wunder, durch das der Sünder Gnade findet und stirbt: «Hoch über aller Welt ist Gott, und sein Erbarmen ist kein Spott! Halleluja! Halleluja! Halleluja!» – Man versteht den Jubel, da es gar nicht so einfach ist, auf Gott einen Reim zu finden.  

Provokative Ente

Auf einem Weiher in Winterthur schwimmen gegenwärtig aufblasbare Plastikeinhörner. Sie sind den Schwänen nachgebildet, die als Badespielzeug beliebt sind. Man soll sich nicht dadurch irritieren lassen, dass Einhörner eigentlich keine Wasservögel sind, denn es handelt sich um Kunst. Wenn man gedanklich tief genug schürft, lässt sich das ohne weiteres belegen. Und wie ist denn das mit der lebenden Ente auf dem Hausdach gegenüber? Sie hat sich da als Wasservogel niedergelassen, obwohl im Umkreis von mehreren hundert Metern kein Wasservogelgewässer zu finden ist. Dieses Dach betrachteten bisher nur Rabenvögel, Amseln und Möwen als ihr Revier, und zwar abwechselnd und nicht gleichzeitig. Die Präsenz der Ente muss also geradezu als Provokation bezeichnet werden, was ja bekanntlich die vordringlichste Aufgabe der Kunst ist. Nun mag man in Bezug auf das Kunstbewusstsein der Enten gewisse Vorbehalte anbringen, aber darf man ihnen ein unbewusst kreatives Verhalten einfach absprechen? Dass Kunst geschieht, setzt ja auch den Betrachter voraus, der bereit ist, sich darauf einzulassen. Fand nicht das Huhn in der Bahnhofhalle durch Christian Morgenstern seine künstlerische Bedeutung? Also lassen wir uns auf die Ente auf dem Dach ein. Ob man in ihr eine Parallele zu Chagalls Geiger auf dem Dach sehen könnte, wäre noch eingehender zu analysieren. Aber fraglos steht oder sitzt sie für den Ausbruch aus der Konvention, ohne den gesellschaftliche Entwicklung nicht denkbar ist. Doch einer vertieften Betrachtung dazu will sich die Ente leider nicht stellen. Sie ist einfach weg geflogen.

Filmidole am Toiletteneingang

In einem grossen Einkaufszentrum in der Agglomeration Zürich (sein Name sei hier nicht genannt – dieser Blog ist werbefrei) spielen zwei Stars des internationalen Films Rollen, die sie sich nie hätten träumen lassen: Sie sind Türsteher bei den Toiletten. Romy Schneider und Alain Delon, zwar nicht in natura aber als lebensgrosse Konterfeis, weisen dem Publikum, das ein entsprechendes Bedürfnis hat, den Weg zu den sanitären Kommoditäten: Sie den Frauen, er den Männern. Ein Drittes ist nicht vorgesehen. Romy Schneider kann sich gegen diese Aufgabe nicht wehren; sie ist 1982 gestorben. Alain Delon, der noch lebt und Auszeichnungen wie die Goldene Ehrenpalme von Cannes entgegennehmen kann, war vermutlich nicht gefragt worden, ob er die spezielle Würdigung im Einkaufszentrum annehmen wolle. Die Bilder der beiden stammen aus dem 1969 erschienenen Film «La Piscine». Wer nun vermutet, Romy Schneider und Alain Delon würden am Toiletteneingang im Einkaufszentrum in Badekleidern posieren, liegt falsch. Er trägt Anzug und Krawatte (locker gebunden), sie ein Kleid von Courrèges. Bei diesem Modeschöpfer ist übrigens der Bezug zu Toilettenanlagen näher, als man vermuten würde. Als Designer schuf er nämlich auch eine erfolgreiche Serie von Sanitärausstattungen, wie WC-Becken, WC-Sitze mit Deckeln und Waschbecken. Da scheint sich im Einkaufszentrum mit Romy Schneider im Courrèges vor der Toilette fast ein Kreis zu schliessen. Dass es geplant war, ist unwahrscheinlich. Die Keramik vor Ort sieht nicht danach aus.

Chefdirigent gefalzt

Der Dirigent Franz Welser-Möst ist gefalzt worden. Nicht gefilzt, gefalzt. Das ist ihm in der Zeitung passiert, wo sein Bild so auf einer Panoramaseite platziert worden ist, dass ihm der senkrechte Falz des Blattes mitten durch das Gesicht geht. Panoramaseiten, die zwei Seiten zu einer zusammenfassen, sind offenbar die Hohe Schule der Zeitungsgestaltung. An den Leser wird dabei nicht gedacht. Denn um die Gestaltung einer Panoramaseite als Gesamtkunstwerk würdigen zu können, muss man die Zeitung mit gestreckten Armen vor sich halten oder auf einem Tisch ausbreiten. Zum Lesen geht das weniger gut, und unterwegs mit dem ÖV oder im Café ist das auch nicht tunlich. Die meisten Leute halten die Zeitung bei der Lektüre als gefalzten Bund in der Hand, und dabei lässt es sich nicht vermeiden, dass die Seiten innen etwas zerknautscht werden. Und das ganze ästhetische Bemühen der Zeitungsgestalter mit der Panoramaseite ist zunichte gemacht, wenn das Gesicht des gefalzten Chefdirigenten in der Knautschzone verschwindet. Was aber passiert in der Online-Ausgabe, die ja allmählich die zu Print reduzierte gedruckte Zeitung überflügelt? Da zerfällt die Panoramaseite vollends in zwei Einzelseiten. Über der ersten Seite steht in unserem Fall: «Unterforderung ist d. Über der nächsten Seite liest man: as Schlimmste». Und dazu je das Bild eines halben Chefdirigenten. Jüngere Leser kennen wahrscheinlich Ludwig Uhlands Balladen nicht mehr, aber ältere fühlen sich allenfalls an dessen Verse erinnert: «Zur Rechten sieht man wie zur Linken / einen halben Türken herniedersinken». Was hier selbstverständlich völlig unangemessen ist.

Kunst im Hauptbahnhof

Bei Tageslicht wirkt die Sache immer etwas verwahrlost: Die Installation vor der grossen Fensterfront in der Halle des Zürcher Hauptbahnhofes mit der schwach leuchtenden Spirale, einigen herunterhängenden künstlichen Vögeln und einem Hirsch, der zu entfliehen sucht, was man verstehen kann. Es ist Kunst. Doch es lief von Anfang an etwas schief. Vorgesehen gewesen wäre eigentlich eine Bestückung  der rund 300 Quadratmeter Fensterfläche mit ausgestopften Vögeln verschiedener Grösse – angeblich von Möwe bis Schwan, 15 an der Zahl. So sah es der Vorschlag des Künstlers Mario Merz vor, der eine Wettbewerbsjury überzeugt hatte. Aber bei der Realisierung wurde aus praktischen Gründen der Gedanke an ausgestopftes Geflügel fallen gelassen, und es blieben fünf Kunststoffvögel, die sich nun zusammen mit dem Hirsch, der völlig unerwartet hinzukam, mit der leuchtenden Spirale arrangieren müssen. Man kann dieses Kunstwerk nicht richtig würdigen, wenn man nicht auf die leuchtenden Zahlen auf den Rücken der Tiere eingeht: Sie entstammen der Reihe der Fiboncci-Zahlen, auf die Merz versessen war. Der Hirsch mit der Nummer 55 wäre eigentlich das zehnte Element dieser unendlichen Reihe, aber mit nur fünf Vögeln davor kommt man mathematisch etwas in Schwierigkeiten. Immerhin finden sich alle zehn Fibonacci-Zahlen von 1 bis 55 vollständig auf einer Quersprosse des Fensters. Für Genaueres zu Fibonacci sei auf Google verwiesen. Hier nur so viel: Es soll einen Zusammenhang zwischen der Vermehrung der Hasen und der Fibonacci-Reihe geben, sofern sich die Hoppeltiere bei ihren Fruchtbarkeitsritualen an die einschlägigen mathematischen Gesetzmässigkeiten halten. Aber mathematisch korrekt findet sich die Fibonacci-Reihe in der Zahl der Vorfahren einer jeden männlichen Biene, auch Drohne genannt. Und so fragt man sich, weshalb das Fenster in der Bahnhofhalle nicht voller Hasen oder Drohnen hängt. Das Werk wurde 1992 installiert; die SBB wurden vertraglich verpflichtet, es 20 Jahre unangetastet bestehen zu lassen – womit wir zur guten Nachricht kämen, dass es jetzt eigentlich wieder entfernt werden könnte. Schön wäre, wenn an seiner Stelle wieder so etwas Beglückendes prangen würde wie seinerzeit die animierte Leuchtreklame für die bekannten feinen Schokoladen vom Zürichsee.